- Seit 2002 Dinge über Musik -

Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband: Bart Hopkin & Yuri Landman

Lee Ranaldo

„X-tina as i knew her“, wer diesen Song nicht liebt, der isst auch kleine Kinder. Das muss mal so gesagt werden. „X-tina as i knew her“ oder kurz „X-tina“ ist DER Song von Lee Ranaldos letztjährigem Album Between the time and the tides, der mich vollends von den Beinen gerissen hat. Erst auf Platte, und dann auch im Gebäude 9, wo Lee Ranaldo und seine Band vor gut 12 Monaten auftraten. „Did anybody see us last year?“ die Frage zu Beginn des 2013er Konzerte wurde mit eifrigem Nicken beantwortet. Ich war nicht der einzige, der sich das Spektakel ein zweites Mal binnen anderthalb Jahren entgehen lassen wollte. Es waren zwar dieses Mal weniger Besucher als seinerzeit, aber es sind tendenziell immer die gleichen Gesichter, die sich bei solchen Konzerten rumtreiben.
„X-tina“, mir fällt es schwer, nicht einfach nur über diesen Song zu schwärmen, diese sieben bis acht Minuten Schönheit, zum zurücklehnen und wegträumen, zum leicht mit dem Kopf dahinwippen, zum Nachdenken, zum gute Laune kriegen. „X-tina“ schafft dies alles bei mir, spielend leicht, ohne Verzögerungsmomente und auch wegen ihm besuche ich Lee Ranaldo Konzerte. Irgendetwas stellt dieser Song mit mir an, benennen kann ich es jedoch nicht. Wenn mich einer nach meinem Musikgeschmack fragen würde, ich würde „X-tina“ als Blaupause angeben. Und live ist er noch eine Spur besser als auf dem heimischen Sofa.
Dreimal sah ich Lee Ranaldo und seine Band seit Juli letzten Jahres. Er ist in diesem Zeitraum mein meistgesehener Musiker ist. Und das sehr zurecht. Seine beiden Alben finde ich ganz groß, Between the time and the tides hat eigentlich nur Hits und rechtfertigte im Sommer im Rahmen meiner Sonic Youth Wochen eine Stadtfahrt ins belgische Hasselt allemal.
Der Abend beginnt mit zwei neuen Songs. Überhaupt sollte an diesem Abend viel neues Material gespielt werden, schließlich ist das Album „Last night on earth“ erst vor einigen Wochen erschienen und sollte auf dieser Tour live vorgestellt werden. „Lecce, leaving“ und „“Last night on Earth“ also zu Beginn. „Lecce, leaving“ hörte ich zum ersten Mal in Hasselt. Noch vor der Plattenveröffentlichung spielten Lee Ranaldo & the Dust dort zwei neue Songs. Eben dieses „Lecce“ und „Key/Hole“. „Lecce“ ist dabei ein typischer Ranaldo-Song, der nahtlos zum Vorgängeralbum passt. Leicht, seicht, poppig dahin gitarrierend. Wunderschön halt!

Von den anderen Stücken des aktuellen Albums kann man das nur bedingt sagen, sie sind doch experimenteller und weniger eingängig als die Sachen auf dem ersten Album. „Key/Hole“, das sowohl auf Platte als auch an diesem Abend im Gebäude 9 die Zentrale bildet, ist ein schönes, sperriges Monster, das – zwar auch bestückt mit melodischen Momenten – mir psychodelischer und progressiver erscheint und damit mir mehr abverlangt als die Vorgängersachen. Viel der Songs auf „Last night on earth“ sind mir überdies eine Spur zu lang, „“Home Chds“ zum Beispiel, oder „By The Window“. In den jeweils sieben Minuten steckt mir etwas zu viel. Im Konzert fällt dies nicht so auf, da greift Lee Ranaldo in den Mittelteilen einfach mal zum Geigenstock, um die Gitarrensaiten zu bespielen, oder arbeitet wild mit seiner Gitarre, was sehr betrachtungswürdig ist. Langweilig wird es mir in all den instrumentalen Zwischensequenzen so zumindest nicht.
Das Konzert ist natürlich eine Fanveranstaltung und mehrheitlich eine Männerveranstaltung. Sicherlich ist niemand da, der nicht über die Sonic Youth Schiene Zugang zu Lee Ranaldo & The dust gefunden hat. Warum auch, Lee Ranaldo ist Ende 50, hat ein langes Musikerleben hinter sich und macht nun nicht gerade zeitgemäße Jugendmusik. Zwar ist das Sonic Youth Leben lange vorbei und abgekackt, aber zu Steve Shelley besteht immer noch musikalischer Kontakt. Und so hat er sich im Laufe des letzten Jahres mit den ex Sonic-Youth-Drummer, Gitarrist Alan Licht und Bassist Tim Lüntzel verabredet und die Band The dust gebildet. Von einem Ranaldo Soloalbum kann spätestens mit „Last night on earth“ nicht mehr die Rede sein. Dazu ist die Band zu stark beteiligt und haben den Staus der Tourmusiker, den sie vielleicht noch vor anderthalb Jahren hatten, verlassen.

Live wirken – im Gegensatz zu Sonic Youth – The Dust völlig harmlos und unscheinbar. Als „optisches ein Desaster“ schreibt die Berliner Morgenpost in einem Bericht über das Lido Konzert vor ein paar Tagen die Band. Und ja, in Alan Licht oder Tim Lüntzel wird sich wohl kein Indiemädchen verlieben, wie es vor Jahren alle Indiejungs mit Kim Gordon passiert ist. Aber darauf kommt es ja auch überhaupt nicht an. Glitzer und Glammer sind sehr unwichtig Zutaten für eine Bandgründung. Musikalisch sind allesamt große Meister, erst unlängst wurde Lee Ranaldo in die Gruppe der größten Gitarristen ever aufgenommen. Und abseits des hippen Berlins interessiert nun wirklich niemanden, welche Karomuster das Hemd hat oder warum es gerade das sein muss.

Wie gesagt, „Key/Hole“ empfinde ich als das Kernstück des Abends. Mir kam es so vor, als ob alle anderen Songs um dieses Stück platziert wurden. Als es zur Mitte des Sets gespielt wurde, ist die auf dem Boden pappende Setlist bereits lange Makulatur. „X-tina“, natürlich das beste Stück am Abend, spielen sie viel früher als es dort aufgeführt ist, dafür rutschen „By the window“ und „Tomorrow never comes“ hinter „Key/Hole“. Die Stimmigkeit des Gesamtkonzertes störte das aber überhaupt nicht.

Ich hatte in den letzten Tagen ein Videointerview mit Lee Ranaldo gesehen, in dem er das Mysterium der richtigen Setlist erläuterte. Songblöcke seien das Geheimnis. Und zu Konzertbeginn ein leichter Einstieg sowie ein markanter Song zum Abschied. Dazwischen gruppiert die Stücke, die musikalisch nicht zu sehr springen und irgendwie zusammenpassen. Alles im allen eine sehr einfache Angelegenheit, dieses Setlistenschreiben. Der markante, weil zweitlängste und doch leicht verdauliche Song an diesem Abend war „The rising tide“. In den 10 Minuten steckt all das, was das Konzert darstellte. Schwebender Gesang zu nicht zu psychodelischen Gitarren, ein langer Mittelteil und viele schöne Melodienmomente. Das passte, das war wunderbar!
In der Zugabe verpackten sie abschließend „Blackt Out“ und „Last descent 2“ . Perfekt.

Neuerdings ist es wohl so, dass die Konzerte im Gebäude 9 um 20 Uhr oder 20.30 Uhr angesetzt werden. Ich kann mich daran nicht gewöhnen, und meistens schaffe ich es auch gar nicht, zeitig genug zuhause loszukommen, um pünktlich vor Ort zu sein. Bei Julia Holter verpasste ich so die Vorband, und an diesem Abend eigentlich auch.
Die beiden Holländer, namentlich Bart Hopkin & Yuri Landman hatten drei Tapeziertische voll mit Instrumentenkrams und Klimbim vor der Bühne des G9 aufgebaut und spielten vor ca. 60 umherstehenden Konzertbesuchern. Ich sah nicht allzu viel, hatte andererseits aber auch wenig Energie, mich um Sicht zu bemühen. Vom ersten Ton an fand ich es zu anstrengend. Das Ganze war mir zu abgedreht. Ich betrat den Konzertsaal, als einer der beiden Musiker gerade mit seinen Drumsticks einen nahezu durchsichtigen Faden, der durch den Saal gespannt war, bespielte. Es war sicherlich so ein Elektro-Oszi-Dingens, mit dem man Töne erzeugen kann, ich kenn mich da überhaupt nicht aus. Vielleicht war es aber auch nur ein Windvogelfaden.

Setlist (Papiervariante):
01: Lecce, leaving
02: Last night on earth
03: Ambulancer
04: Home cmd
05: Tomorrow never comes
06: By the window
07: X-tina
08: Key/Hole
09: Off the wall
10: Hammer blows
11: The rising tide
Zugabe:
12: Late descent #2
13: Blackt out

Kontextkonzert:
Lee Ranaldo – Hasselt, 15.06.2013
Lee Ranaldo – Köln, 04.07.2012
Body/Head – Köln, 18.06.2013
Chelsea Light Moving – Frankfurt, 03.07.2013
 

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."