| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Tivoli Vredenburg, LE:EN, Utrecht
Bands: John Doran, Marissa Nadler, Swervedriver, Evil Superstars, Viet Cong

Evil Superstars

Der zweite Tag des Le Guess Who bedeutete Gitarren.
Swervedriver, Metz und Viet Cong hießen die Hauptattraktionen im Vorfeld der Tagesplanung. Aber damit war der Abend noch nicht ausgeplant. Interessant erschien auch Chelsea Wolfe, sie spielte allerdings zeitgleich zu Metz und am anderen Ende der Stadt im Klub de Helling. Damit wurde das weniger interessant, auch weil ich Chelsea Wolfe erst vor einigen tagen live gesehen habe.
Ein Ausflug an das andere Ende der Stadt fand jedoch trotzdem statt. Wiederum lockte uns die ‘Sunn O))) presents‘ Reihe. Dieses Mal lockte sie uns in ein vintage Restaurant mit angrenzendem Saal und zu John Doran und Marissa Nadler.

John Doran liest im LE:EN, so heißt der Laden, der hinter dem Kanal in einem von Kleinindustriegebäuden geprägten Gebiet liegt. John Doran liest aus seinem Buch Jolly Lad, drei kleine Kapitel. Themeninhalt: Drogen und Entzug und das Leben. Auf eine Lesung war ich nicht eingestellt, ich hatte mich nicht gut vorbereitet. Da John Doran jedoch sehr unterhaltsam erzählt und liest, vergeht die knappe Stunde enorm schnell. Unter großem Applaus wird er von der improvisierten Bühne des LE:EN verabschiedet.

John Doran

Marissa Nadler spielt Düsterfolk. Oder wie immer man ihre Gitarrensongs bezeichnen möchte. Aus irrigen Gründen verankere ich die Sängerin in Kalifornien. Vielleicht, weil ich in letzter Zeit zu viel melodramatisch-düsteres aus Kalifornien gehört, gesehen und gelesen habe: Teile der Kim Gordon Biographie, Lana del Rey, Six feet under. Dass sie an der Ostküste in Boston lebt, lerne ich erst nach dem Le Guess Who, als ich die Diskussion, die wir nach dem Marissa Nadler Auftritt auf dem Rückweg zum Tivoli Vredenburg führten, mit Internet-Fakten belegen wollte. Ich behauptete nämlich, dass Marissa Nadler gar nicht so weit weg ist von Lana del Rey’s neuem Album Honeymoon, dass beide Musiker nicht nur in Kalifornien leben, sondern beide auch diese typisch kalifornische Schwermut und Melancholie in ihren Songs haben. Den mittleren Westen Folk oder Americana, der als Gegenargument geliefert wurde, hörte ich nämlich überhaupt nicht heraus. Und warum bitte sollte jemand „Blood and tears“ von Danzig covern, wenn er nicht im tiefsten Inneren ein dunkles Rockherz hat? Es kam mir nicht in den Sinn, das irgendwo anders als in Kalifornien zu verorten. Doch so kann ich mich täuschen.
Der Auftritt von Marissa Nadler war imponierend und er passte zu den beiden Konzerten am Vortag in der Janskerk, was mich wiederum in dem Gedanken bestärkte, dass die Kuratoren Sunn O))) ein stilsicheres Händchen in ihrer Zusammenstellung bewiesen. Metal ohne Metal.
Seine allerschönsten Momente hatte das Konzert übrigens zwischen den Songs. Immer dann, wenn sie ihre Gitarre neu stimmte und zum nächsten Stück ansetzte, atmete Marissa Nadler so tief und so melancholisch seufzend ein, dass mir das Herz aufging. Fröhlich durch die Gegend springen kann ja jeder, das ist uninteressant. Aber so schwerfällig seufzen. Hach.

Marissa Nadler
Swervedriver‘s next. Ronda Saal.
„Rave down“ ist eine meiner Hymnen, ein ganz großes Lieblingslied. Und eigentlich auch so richtig das einzige Song, den ich von der Band kenne, deren zweite EP Rave down, die ich in den 1990er Jahren sehr oft hörte. Eben wegen „Rave down“. Vielmehr kenne ich von der Band um Sänger Adam Franklin ehrlich gesagt nicht. Ein neues Album – I wasn’t born to lose you – haben sie gemacht, ich nehm‘ das mal so hin.
Ejector Seat Reservation ist das letzte Lebenszeichen, das ich von Swervedriver habe. Ich frag mich gerade, warum. Also warum ich diese Platte habe. Denn gehört habe ich so gefühlt nicht. Auch nicht früher, als Swervedriver noch für mich relevant waren.
Je länger ich über Swervedriver nachdenke, desto mehr kommt mir nur „Rave down“ in den Sinn. War die Band doch nur ein one hit wonder für mich? Es scheint so, und wenn es so war, dann war es ein sehr schönes.
„Afterglow“, das zweite tolle Lied dieser EP spielen sie leider nicht. Es ist ein Wehrmutstropfen mehr in dem einstündigen Set, das ich als etwas mau empfand. Ja, ich hatte mir mehr erhofft. Mehr altbackenen Gitarrensound, mehr Wucht, mehr ach-die-gute-alte-Zeit Gefühl. Doch der Funke wollte so recht nicht überspringen. Vielleicht lag es auch daran, dass vor der Bühne relativ viel Unruhe und Bewegung war. Meine Konzentration litt ein wenig darunter und auch unter ersten kleinen Abnutzungserscheinungen. Es war bereits mein neuntes Konzert innerhalb der letzten 30 Stunden, und die vielen schönen Eindrücke waren noch nicht verarbeitet. Wenn ich davor zwei Stunden wunderbare und abwechslungsreiche Auftritte im LE:EN erlebt habe, dann begeisterten mich Swervedriver mit einem nur soliden Set nicht so. Das Konzert lief daher an mir vorbei. Trotzdem blieb ich bis zum Schluss; ein Fehler, wie sich später zeigen sollte.

Swervedriver

Vor dem Pandora Saal staut es sich. Alle wollen Metz sehen, die hier in ein paar Minuten anfangen werden. Doch der Saal ist schon voll. Wir stehen vor dem haupteingang und überlegen, was man tun könne. Es gibt da doch noch diesen kleinen Eingang neben den Toiletten. Vielleicht ist es da die Warteschlange kürzer. Wir gehen hin, sehen nur sieben Mann vor uns und haben Hoffnung, dass es hier besser mit dem Einlass fluppt. Allerdings birgt ein Nebeneingang, bzw. -ausgang aus Sicht der Pandora eben auch das Manko, dass viele im Saal ihn nicht als Ausgang wahrnehmen und hier nicht rauskommen. Falls überhaupt jemand nach wenigen Minuten das Metz Konzert verlassen sollte. Gründe gäbe es da bei genauer Betrachtung eigentlich keine. Da die Ordner vor der Saaltür nach dem Motto ‘one out another in‘ verfahren, kommt auch hier keiner rein. Die Schlange verkürzt sich nicht.
Es ist hoffnungslos, wir können uns nicht entscheiden, vor welchem Eingang wir warten sollen, changieren hin und her und entschließen uns dann, im größeren Ronda Saal auf die Evil Superstars zu warten: Belgians finest rock music. Oder wie das Handbuch es beschreibt:

Along with dEUS, these self-proclaimed destroyers of rock defined the 90’s zeitgeist in Belgium with their genre-hopping habits and notoriously erratic live shows.

Die Evil Superstars gibt es eigentlich nicht mehr. 1998 spielten sie ihr letztes Konzert in der Botanique in Brüssel. Zwischen 1994 und 1998 veröffentlichten sie zwei EP’s und zwei Alben. Sie galten als eine der interessantesten Livebands der 1990er Jahre. 2015 tauchten sie dann erst beim Pukkelpop auf, später im Lineup des Le Guess Who und des zeitgleich stattfindenden Sonic City Festivals im belgischen Kortrijk. Ein echtes Reunionding also. Entsprechend voll wurde der Ronda Saal, der zweitgrößte Konzertsaal im Tivoli Vredenburg. Von den Evil Superstars kenne ich nur Mauro Pawlowski, der seit einigen Jahren bei dEUS die Gitarre spielt. Das Konzert war laut, von obskuren grellen Videoanimationen begleitend wild und heftig. Aber ich fürchte, ich habe die Show nicht verstanden. Ebenso wie Swervedriver kluckerte das Konzert an mir vorbei. Der Ronda Saal schien nicht mein Saal zu sein.

Da wir nicht den gleichen Fehler zweimal begehen wollten, verließen wir die Evil Superstars zeitig, um tatsächlich einen Platz im Pandora zu bekommen. Viet Cong wollten wir nicht verpassen! Viet Cong. Die heißen noch so! Aber nicht mehr lange, wie ich bei stereogum gelesen habe.

The truth is, we’ve been planning to change the band name for the next record for months; it has not been an easy decision by any means. We are a band of four people with four individual voices; this debate has been long and difficult for us and it took time for everyone to settle on a plan of action.
We don’t know what the new name of our band will be, and we owe it to our fans to honour the concerts we have booked. We rushed into our last band name decision, we don’t plan to rush into this one, but know that will be rolling out a new name as soon as we agree upon one.

Ein Album hat die Band bisher veröffentlicht und sie spielen fünf Songs von Viet Cong, plus dem Eröffnungsstück „Unconscious Melody“ von der EP Cassette. Ein Viet Cong Konzert ist immer ein großes Gitarrenerlebnis. Konfus erscheinende Soli, Gezucke und Gerumpel. Leichte Kost ist das nicht. Indiegitarren-post-punk. Mir gefällt’s und so vergeht die angesetzte Stunde wie nichts. ‘Endlich wieder ein Konzert, das mich gefesselt hat‘, denke ich um kurz nach eins, als „Death“ in den letzten Zügen liegt. So sollte es morgen weitergehen.

Viet Cong

Setlist Viet Cong:
01: Unconscious Melody
02: Silhouettes
03: Bunker Buster
04: March of Progress
05: Continental Shelf
06: Death

Kontextkonzert:
Le Guess Who? 2015 – Tag 1. Donnerstag, 19.11.2015

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."