Kraftwerk – Düsseldorf, 01.07.2017


Ort: Ehrenhof, Düsseldorf
Vorband: Air
Ich mag die Tour de France. Luis Herrera, Greg LeMond waren meine ersten Tour Lieblinge. Oft fieberte ich auf die Übertragung von ARD und ZDF hin, die regelmäßig die letzte halbe Stunde der Etappen mit Zielankunft übertrugen. Also meistens jedenfalls. Manchmal bekam ich auch das Endergebnis erst später mit, wenn die Zielankunft das Übertragungsende von 17.30 Uhr sprengte. Später dann kaufte ich mir von meinen ersten Azubigehältern ein Rennrad, hatte im Cappenberger Berg mein persönliches Alpe d’Huez und schaute in den 1990er Jahren regelmäßig Tour de France und freute mich am neuen fernsehmedialen Übertragungsglanz der Gebirgsetappen. Stundenlang vor dem TV zu sitzen, den Geschichten von Rudi Altig zu lauschen und sich vor allem die interessanten Landschaften (drei Stunden Ausreißergruppen gucken ist auf Dauer schon langweilig) anzuschauen, das war mein großes Hobby.

Kraftwerk sind auch Radsportfans. Ihr Album Tour de France ist zwar die einzige musikalische Geschichte, aber nicht die einzige Geschichte, die die Band mit dem Radsport verbindet. John Degenkolb zum Beispiel instagramte ein Foto mit Florian Schneider, und irgendwo las ich mal, dass Rudolf Hütter das Zeitfahrrad von Tony Martin mitdesignt hat. Radsport ist also überall. So passte es wunderbar, dass Kraftwerk in Düsseldorf zum Tour Auftakt – dem Grand Départ – ein Konzert spielen. Aber was heißt schon, ein Konzert. Es war das Kraftwerk Konzert mit allem 3D Schnickschnack und natürlich nicht in irgendeiner Bude sondern im Ehrenhof vor 15000 Leuten.
Ein Kraftwerk Konzert in Düsseldorf, das sei wie die Beatles Konzert in Liverpool, so lese ich es am Sonntag in einem Artikel. Und ja, der Vergleich hinkt keineswegs. Wenig überraschend war das Konzert binnen Stunden ausverkauft. Kraftwerk sind mit ihrer 3D Show immer ein Erlebnis, und überdies eher selten zu sehen. In Düsseldorf gar doppelt selten.

Das Gelände ist noch leer, als ich mich durch die Einlasskontrolle zwänge. Auf den Kauf von Merchandise Artikeln wie den Tour de France Regenschirm (oh, den hätte ich sehr gerne gehabt) oder eine Tour de France Trinkflasche inklusive T-Shirt hatte ich sicherheitshalber verzichtet. Beides fiel in die Kategorie Gegenstand, der auf dem Ehrenhofgelände nicht zulässig war. Dass das eine irrige Annahme von mir war, zeigte sich spätestens zu dem Zeitpunkt, an dem ich drei Typen mit Rucksäcken und mindestens 5 Regenschirme im Publikum ausmachte. ‘Was sollen all die Sicherheitshinweise und Restriktionsbestimmungen zum Betreten eines Geländes, wenn sie dann doch nicht eingehalten werden?‘ fragte ich mich leicht verärgert. So läuft das doch nicht, liebe Konzertveranstalter! Aber man kennt das ja: hätte ich mir als Souvenir einen Schirm gekauft, hätte ich ihn hundertprozentig in die Mülltonne vor dem Einlass werfen müssen.  Frei nach Murphys Gesetz.
Also hatte ich keinen Schirm, aber eine Tüte Fritten und eine Käsebretzel. Die helfen zwar nicht gegen Regen, aber ein bisschen gegen den Hunger. Bis Air die Bühne betreten sollten, ist ja noch eine gute Stunde Zeit, und der Tag bis hierhin war bereits sehr intensiv mit Rennen gucken und Anreise. Da blieb wenig Zeit, etwas zu essen.

Air bilden – wenn ich so sagen will – den frankophilen Teil an diesem Konzertabend. Zufall ist die Wahl der Band nicht: neben dem französischen Aspekt passt ihr Elektropop erstens gut zu Kraftwerk und zweitens sind Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel groß und bekannt genug, um es 15000 Leuten nicht allzu langweilig werden zu lassen. Wurde es auch nicht. Air wurden sehr gut angenommen und lieferten ein schönes, rundes Programm. Da gab es nichts zu meckern. Die Franzosen mochte ich und mag ich sehr. Zwar habe ich ihre Alben seit Talkie Walkie nicht mehr akkurat verfolgt, aber ihre Musik in Zusammenarbeit mit der Sängerin Charlotte Gainsbourg bei ihrem sagenhaften 5:55  Album oder im Soundtrack zu Lost in translation bleibt für mich quasi zeitlos.
„Cherry blossom girl“, „Kelly watch the stars“, „Sexy boy“ und „Playground love“ sind die Kernstücke ihres Auftrittes. Aber nicht die besten. Die Synthiesongs, insgesamt zähle ich acht dieser Instrumente auf der Bühne, wirken heute nicht richtig auf mich. Besser gefallen mir die Stücke, zu denen sich Nicolas Godin die Gitarre umschnallt und seine drei Keyboards Keyboards sein lässt. „La Femme d’Argent“ ist so ein Song. Nichtsdestotrotz sind Keyboards und Synthies die Air’schen Lieblingsinstrumente. Damit zaubern sie ihre zuckersüße Klangteppiche a la „Kelly watch the stars“ oder „Sexy boy“ und lassen mich bei „Playground love“ an ihren wundervollen Soundtrack zu The virgin suicides zurückdenken. „All I need” spielen sie leider nicht, dafür „How does it make you feel?“ Ob Air just neues Material am Start haben, vermag ich nicht zu sagen. Derzeit sind Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel, die, wie ihre Mitmusiker an Schlagzeug und Percussions ganz in weiß gekleidet auftreten und damit eindeutig den Modesiegpunkt auf ihrer Seite haben, auf 20jähriger Jubiläumstour unterwegs. Ich vermute daher, dass sie lieber in der Erinnerung schwelgen und keine neuen Songs haben.

Tour de France. Das Album, nicht das Rennen. Das ist seit gut zweieinhalb Stunden vorbei, hat einen Sieger und einen ersten Träger des gelben Trikots. Mittlerweile ist es voll auf dem Ehrenhof geworden, die anfänglichen Lücken sind gut geschlossen. Der regen hat auch seit einer halben Stunde nachgelassen, so dass einem schönen 3D Erlebnis nun absolut nichts mehr im Wege steht. Das Album, eine Stunde lang, beinhaltet folgende Titel:

Prologue, Tour de France Étape 1, Tour de France Étape 2, Tour de France Étape 3, Chrono, Vitamin, Aéro Dynamik, Titanium, Elektro Kardiogramm, La Forme, Régéneration und Tour de France.

Diese Songs erwartete ich auch live. In dieser Reihenfolge, in voller Länge und mit einer Videoästethik in Tricolore geschwängerten Farben und mit sentimentalen Radsportbildern auf der Leinwand. Ganz so, wie ich die Visualisierungen der Tour de France Sachen in meinen vorherigen Kraftwerk Konzerten kennengelernt hatte. Es kam dann aber ein bisschen anders, doch zuvor muss ich mich kurz orientieren. Ich bin nicht so felsenfest drin im Kraftwerk Opus, daher lese ich den Tour de France Werdegang nochmals nach. Wie war das jetzt?

1983 jedenfalls erschien zum Achtzigsten der Tour de France die Single „Tour de France“ von Kraftwerk. Eine Hymne auf den Rennradsport im Atemrhythmus einer Bergetappe zur Melodie der „Sonate für Flöte und Piano“ von Paul Hindemith, so heiter und bewegt, wie Hindemith es in den Noten vorschreibt. Zwanzig Jahre später wurde die Tour hundert Jahre alt, und „Tour de France“, das Stück, bekam sein eigenes Album. „Tour de France Soundtracks“ erschien 2003 als Platte mit dem Aufdruck eine Zahnkranzes, im Beiheft war die Leistungskurve von Ralf Hütter abgedruckt, seine Laktatwerte, sein Ruhepuls von fünfzig und die maximale Herzfrequenz von 180 Schlägen pro Minute. (Welt Online)

Gut, okay. Wäre das geklärt.
Zurück zum Konzert. Widererwarten spielten Kraftwerk nicht nach dem Motto ihrer Albenkonzerte, erst das Album, dann ein Best-of hintendran, sondern würfelten alles ordentlich durcheinander. Es blieb ein Tour de France Block mit „Tour de France 1983“, „Tour de France Étape 1”, „Chrono”, „Tour de France Étape 2”, „La Forme“ und „Vitamin“. Später wurde dann noch „Aéro Dynamik“ nachgeschoben. Dazwischen, davor und danach war es ein fulminanter Kraftwerk Best-of Auftritt. Ein Auftritt, der überraschend laut war. Der Bass. Der Bass! Oh ja, der Bass. Zum ersten Mal deutlich spürbar bei „Radioaktivität“, später dann noch öfter. Mit Wumms dröhnt es aus den Boxen. Es bläst mir förmlich die Feuchtigkeit aus den Kleidern. Hölle, das war vorne ganz schön laut. Und technoid. Meine bisherigen Kraftwerkkonzerte im Theater und im Museum waren da doch viel zurückhaltender. Scheinbar wollten Kraftwerk nicht nur den Ehrenhof, eine im wirklichen Leben parkähnliche Anlage zwischen der Tonhalle, dem Robert-Schumann Saal und dem NRW Forum, sondern ganz Düsseldorf beschallen. Falls ja, ist es ihnen gelungen.
Aber auch wenn es laut war, es war ein spitzenmässiger Sound. Schon Air hatten mit klarem Sound überzeugen können, bei Kraftwerk war es gefühlt noch eine Spur klarer. Was das Kraftwerk Konzert neben dem guten Klang noch auszeichnet, sind die perfekt platzierten und arrangierten Videos. Die Animationen funzten wie eh und je. Der VW Käfer fuhr gemütlich über die „Autobahn“, die Pillen schwebten zu „Vitamin“ lustig über unsere Köpfe hinweg und bei „Spacelab“ landet ein Ufo vor der Tonhalle, nachdem zuvor die Stadt Düsseldorf erst als Pinnadel im Google Maps Design auf einem Satellitenbild gekennzeichnet wurde und später als Level 0 Gebäudemodell visualisiert wird. Das war neu, zumindest kann ich mich an diese Sequenz in früheren Konzerten nicht erinnern. Dazu die 1950er Jahre Celebritydiven bei „Das Model“, das rote Mensch-Maschine Design und viel unzeitgemäßes aber zeitloses Klötzchen- und Pixeldesign aus älteren Computertagen.

Zur Zugabe ließen Kraftwerk sich erst durch vier Roboter an den Pulten vertreten („Wir sind die Roboter“), bevor sie die allerletzten Songs mit „Boing Boom Tschak”, „Techno Pop” und „Musique non stop“ wieder eigenhändig bestritten.
Kann man so machen. Ein fulminantes Konzert in bestmöglicher Umgebung und Atmosphäre. Es war gut, dass ich da war.

Kontextkonzert:
Kraftwerk – Düsseldorf, 11.01.2013 / K20
Kraftwerk – Wien, 16.05.2014 / Burgtheater
Air – Köln, 21.03.2007 / E-Werk

Fotos:

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frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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