Kate Nash – Düsseldorf, 17.08.2017


Ort: Zakk, Düsseldorf
Vorband: Skating Polly
Mitte des letzten Jahrzehnts singt ein junges Mädchen Lieder über Liebe, Beziehungsdinge und das Leben im Allgemeinen. Soweit nichts Besonderes, wären da nicht diese bauernschlauen und dreisten Textpassagen, die seinerzeit viele begeisterten, und der Veröffentlichungsweg, den sie für ihre Musik wählte. Kate Nash veröffentlichte ihre Songs zuerst über das Internet, MySpace war damals das Nonplusultra und Kate Nash wird zusammen mit der Französin SoKo so etwas wie der erste Internetpopstar. Ihr Hit „Foundations“ stand zuerst auf ihrer MySpace Seite, in ihm heißt es zum Beispiel (und damit wieder zurück zu ihren Texten):

You said I must eat so many lemons
‚Cause I am so bitter
I said „I’d rather be with your friends, mate
‚Cause they are much fitter.

Was eben junge Menschen Anfang zwanzig so bewegt. Das war irgendwie neu und Kate Nash war plötzlich das Sprachrohr vieler Mädchen der Millennials und digitale native Generation. Sie brachte den Feminismus in die britische Popmusik, steht im Ankündigungsflyer zu dem Konzert. So kann man das sagen, nachdem die britische class of 2005 männerdominiert war und ein weiblicher Popstar in England nirgends auszumachen war. Mich erinnerte sie immer an Sarah Kuttner, die damals mit einer ähnlichen Attitüde und Lässigkeit ihre TV Sendungen moderierte und ähnlich frech, lustig und liebenswert rüberkam.
Einen Song später geht es um Mundhygiene.

And I use mouthwash
Sometimes I floss
I got a family
And I drink cups of tea

Ich glaubte ihr all diese Geschichten, ich fand es toll, wie sie am Keyboard sitzt, einen Gitarristen und einen Schlagzeuger neben bzw. hinter sich, und ihre Lieder trällert. Ich mochte das Kate Nash Konzert damals in der Kantine, als sie in knackigen 80 Minuten ihr Debütalbum Made of bricks vorstellte.
10 Jahre ist das her, 10 Jahre, in denen nicht nur ich älter geworden bin. Käme Kate Nash heute mit diesem Album um die Ecke, ich glaube, es würde mich null interessieren. Aber heute ist nicht 2007, und obwohl ich 2007 bereits zu alt war für diese ausgesprochenen Anklagen, Ängste und Bedürfnisse, gefiel mir Made of bricks sehr. Es war ein Album, das in die Zeit passte, das so neu und anders und frisch war, das es auffiel. Wann wurde je in einem Song über Zahnseide gesungen?  Ja, ich lachte innerlich und ich liebte es, beim Laufen die verstandenen Textzeilen leise mitzusingen. Die nachfolgenden Platten interessierten mich weit weniger. My best friend is you steht immerhin noch im CD Regal, Girl talk ging dann völlig an mir vorbei. Ihre musikalische Richtung soll sich damit mehr in Richtung Punkrock und Riot Grrrl verschoben haben. Auch das lese ich in dem Konzertflyer.
Ich wäre sicher nicht zu diesem Konzert gefahren, wenn es nicht die Made of bricks Jubiläumskonzerttour wäre. Ähnlich wie bei Heather Nova und ihrer im Herbst anstehenden Oyster Tour interessiert mich diese eine Platte mehr als das nachfolgende musikalische Schaffen. So war ich auch einigermaßen überrascht, als ich das mit dem Punk und dem Riot Grrrl las. So recht vorstellen konnte ich mir das nicht. 3 Stunden später war ich dazu eher in der Lage.

Halb neun. Skating Polly heißt die Vorband. Die Gitarren jaulen und die Haare fliegen. Die Amerikanerinnen erinnern mich an Bands wie Bleached und die Stimme der Gitarristen ähnelt der von Carrie Brownstein. Musikalisch ist auch das genau ihr Areal: ich höre viele Sleater-Kinney Gitarren und ich wundere mich etwas darüber, eine Punkrock band im Vorprogramm zu sehen. Leider höre ich die Gitarren nur leise, und damit beginnt mein Problem mit dem Vorband Set. Der Sound ist zu leise, bzw. scheint er nicht aus allen Boxen zu kommen. Gut, ich stehe seitlich an der Bühne, aber irgendwie verdampfen die Musik und all das, was auf der Bühne geschieht, direkt am Bühnenrand. Und erreicht somit kaum die ersten Reihen. Womit die zweite irre Begebenheit erwähnt worden wäre. Der zwei Meter breite Fotograben, der gefühlt das halbe Zakk in Anspruch nahm, hält die erste Reihe zu sehr auf Abstand und ist damit ein Stimmungskiller.
Das Publikum kann so recht nichts mit der Band anfangen, der Enthusiasmus hält sich in Grenzen. Ach, eigentlich ist er gar nicht da. Einzig das Mädchen aus dem Social Media Team von Kate Nash, das während des gesamten Auftritts durch den Bühnenrand hechelt und filmt und analoge Fotos macht, scheint begeistert. Ihre beiden Kollegen sollten während des Kate Nash Auftritts hinzukommen und ebenso Fotos und kleine Videos machen. Mit dem Handy, mit der Digitalkamera. Aber sie fotografierten nicht nur. Sie tanzten auch manchmal dazu, oder saßen auf den Absperrgittersitzen und wippten ihre Füße im Takt der Musik, womit die Surrealität des Konzertes ihren Höhepunkt erlebt. Und sei das noch nicht der Absurdität genug, waren sie auch noch als Animateure unterwegs. Als zu „Nicest thing“ die Handylampen nicht sofort aufleuchteten, zückten die drei im Fotografen ihre Mobiles und zeigten den ersten Reihen, was zu machen ist. Handyblitz auf Dauereinstellung (gerne über die App Taschenlampe) und hoch die Hände. Der Abend erweckte nicht nur in diesem Moment auf mich den Eindruck, dass das Zakk einfach zu klein für dieses Konzert ist.

Skating Polly spielten ungefähr zwanzig Minuten,  als zum vorletzten Song „A little late“ Kate Nash erstmals auf die Bühne kam. In Mom Jeans und T-Shirt gekleidet sang sie ein bisschen im Refrain mit, vermochte aber den Jubel um die Band nicht allzu sehr zu steigern. Nein, die Stimmung war noch nicht top. Ich weiß auch nicht, was da los war.

Nach einer ausgedehnten Umbaupause ertönte dann das Intro von „Play“ und die Kate Nash Band (Gitarristin, Bassistin, Schlagzeugerin) eröffnete das Konzert, indem ein Roadie die Airdrum  am Schlagzeug aktiviert und die beiden Gitarristinnen der nun in einen roten Umhang gehüllten Kate Nash den musikalisch den Weg auf die Bühne bahnten. „Play“ ist ja nur ein kleines Snippet, das auf Platte beinahe nahtlos in „Foundations“ übergeht. So auch hier, und der Jubel ist bei den ersten Klimpertakten des Songs riesengroß. Allerdings verschwindet die Britin während der ersten Töne von „Foundations“ wieder von der Bühne. Diese erste Variante wird eine reine E-Gitarrenversion mit lautstarkem Mitsingrefrain aus dem Publikum.

„Mouthwash“. Kate Nash kam ohne Überwurf zurück und das Konzert begann nun konsequent mit allem zip und zapp. Von einem zarten und sanften Keyboardsong war diese Version meilenweit entfernt. ‘Wow‘, dachte ich‚ ‘wird das hier ein Rockkonzert?‘  Naja, nicht so ganz. Aber von den ruhigen, keyboardlastigen Konzerten der Made of Bricks Tour 2007 ist diese Jubiläumsveranstaltung sehr weit entfernt. Hier hat sich jemand musikalisch sehr weiterentwickelt. Nur zweimal wird es etwas ruhiger und das Gehüpfe und Gespringe hat eine Pause. In diesen Momenten greift Kate Nash zur Akustikgitarre, einmal begleitet sie die Skating Polly Sängerin am Keyboard.
Nach einer Stunde und mit einer zweiten Version von „Foundations“ sowie „Little red“ (dem hidden track auf Made of Bricks) ist das Konzert nach einer knappen Stunde rum. Das war konsequent das Album. Mehr nicht. Kate Nash liegt auf dem Boden, Gitarre und Bass bedecken ihren Oberkörper. An ein Aufstehen denkt sie minutenlang nicht. Das Zakk scheint glücklich und zufrieden zu sein und dann hilft ihr ein Roadie doch auf die Beine.

Vor dem Zugaben Block verlässt sie erst gar nicht die Bühne, sondern setzt sich erstmals an ihr Keyboard und spielt „Stitching leggings“. Es folgt „Musical Theatre“, der erste non-Album Track des Abends und das neue „Agenda“ von der aktuellen Agenda EP, bevor nach einem ewig langem Statement zu ihren sozialem Engagements und zur Frauen-Power im Musikgeschäft als letzter Song „Merry Happy“ erklingt. Endlich, denn die letzten Minuten des Konzertes waren doch ein bisschen langatmig und nicht ohne Grund dachte ich während ihrer minutenlange Ansprache sehr oft an Noel Gallaghers berühmte Worte: Shut up and play „One“.

Als das Konzert vorbei ist, weiß ich nicht, was ich denken soll. War das jetzt gut? War es vertane Zeit? Auch am Tag danach kann ich den Kate Nash Auftritt noch nicht einordnen. Ich gebe zu, dass ich was völlig anderes erwartet habe, aber das Unerwartete fand ich gar nicht so übel. Worüber ich immer noch nachdenken muss sind die zu breiten Absperrflächen vor der Bühne (in Relation zur Hallengröße), die die erste Reihe 2 Meter entfernt stehen ließ, sowie die drei Mädels vom Social Media Multimedia Team und ihr Dauergehampel im Fotograben. Das hatte etwas arg gekünsteltes. Beides wirkte auf mich sehr irritierend.

Kate Nash fand ich überragend gut. Sie hat sich nicht verändert in den letzten 10 Jahren. Die folgenden Sätze, die ich 2007 über sie schrieb, gelten nach wie vor:

Nach einiger Zeit merkt man, wie sie sich mit dem Publikum identifiziert, oder das Publikum mit ihr. „Ich bin so wie du“, sieht man sie sagen. Oder: „Lasst uns zusammen einen schönen Abend haben. Ich bin deine Freundin.“ Sie steht nicht außen vor, sie ist mit dabei. Einziger Unterschied: Katie steht auf der Bühne und nicht vor der Bühne.

Das ist schön und das zeichnet sie aus. Authentizität nennt man das wohl. Zu den Klängen von „Time of my life“ verlässt die Band die Bühne. Viele im Saal tanzen einfach ein bisschen weiter. Ich suche mir einen Weg nach draußen. Eine time of my life waren die letzten drei Stunden nicht, aber sie waren sehr unterhaltsam.

Setlist:
01: Play
02: Foundations
03: Mouthwash
04: Dickhead
05: Birds
06: We get on
07: Mariella
08: Shit song
09: Pumpkin soup
10: Skeleton song
11: Nicest thing
12: Foundations
13: Little red
Zugabe:
14: Stitching leggings
15: Musical theatre
16: Agenda
17: Merry happy

Kontextkonzert:
Kate Nash – Köln, 06.12.2007 / Kantine

Fotos:

Multimedia:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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