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Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband:

Jochen Distelmeyer

Jeder hat bestimmt Songs, Platten, Bands, die er mit einer Zeit seines Lebens in Verbindung bringen kann und die einen in einem bestimmten Lebensabschnitt geprägt haben. Auf welche Art und Weise auch immer. Jochen Distelmeyer beziehungsweise seine Band Blumfeld ist für mich Musik, die ich sehr stark mit den beginnenden 1990er Jahren assoziiere.
Die Ich-Maschine und „Verstärker“ – aber eigentlich alles von L’etat et moi – beeinflussten meine musikalische Sozialisierung so sehr wie kein anderes deutsches Album. Vor allem wegen der Texte. Diese waren so anders, so neu, so direkt, wie ich es bis dato noch nicht gehört hatte. Aber auch die Melodien waren top. Treibend, zwingend, fordernd. So möchte ich sie mal nennen. Oh diese Bassgitarren! Hier schaffte es jemand, den englischen Indie mit deutschen Texten zu verbinden. So kam es mir zumindest vor. Ich hörte Cure Melodien und Worte, die so wuchtig waren, dass sie mich umhauten. Woher nahm Jochen Distelmeyer diese Texte? Wie kam er auf all die Verklausulierungen, Zweideutigkeiten und Zitate, die ich nicht verstand. Ich verstand natürlich die einzelnen Worte, aber das, was dahintersteht, war für mich schwer zu greifen. In meinen Augen und Ohren musste Jochen Distelmeyer ein sehr großer Lyriker sein, enorm belesen und enorm schlau.
Dass seine Songtexte voll von literarischen Anspielungen und Alltagszitaten waren, zeigte mir Jahre später die Webseite Skyeeyliner.
Als ich diese Seite entdeckte, fühlte ich mich zwar nicht zurückversetzt in meinen Deutsch-Leistungskurs, aber ein wenig erinnert mich diese Zitatensammlung bzw. das Markieren der einzelnen Textzeilen mit den entsprechenden Referenzen schon an meine mit Bleistift getätigten Notizen in Reclamheften. Egal.

Es ist interessant, sich die Referenzen mal anzugucken. Dass ich die wenigsten selbst erkenne, verwundert mich nicht. Dafür bin ich nicht schlau genug. Und zu wenig neugierig, um mich genauer mit den Texten auseinanderzusetzen. Denn grundsätzlich interessieren mich Songtexte nicht so sonderlich. Ich bemühe mich oft nicht, sie zu verstehen oder gar zu interpretieren. Da fällt mir noch ein Spruch meines Deutschlehrers ein, der zu sagen pflegte:

Dass, was der Künstler sagen wollte, hat er bereits mit seinen Worten in seinem Text gesagt. Also fragt nicht: Was will mir der Künstler damit sagen.“

„Der Apfelmann“ von seinem Distelmeyers erstem Soloalbum Heavy, lange nach einem letzten Blumfeld Lebenszeichen, hinterfragte ich nicht. Ich konnte den neuen schlager-esken Wandlungen nicht so viel abgewinnen. Gab ich mir früher noch ein bisschen Mühe, seine Texte zu verstehen, versuchte ich es jetzt erst gar nicht mehr. Ich war raus aus der Distelmeyer-Welt. Mir reichte es, ihn ab und an bei Konzerten im Publikum zu sehen oder das Reunionkonzert seiner Band Blumfeld zu besuchen.
Wie las ich doch im ME:

Musik kann der Soundtrack deines Lebens sein, der Klang deiner Erfahrungen. Wenn du jung bist, beeinflussen sich dein Innenleben und die Musik sehr stark gegenseitig, sie stehen in direkter Verbindung miteinander. Später im Leben findest du deine Identität. Aber die alte Musik klingt noch immer nach. Sie ist Zeugnis davon, wie du dich früher gefühlt hast – und das ist natürlich eine emotionale Macht.

Diese Macht der früheren Jahre ist in mir stärker, der Distelmeyer der letzten Jahre sagte mir nichts. Aber heute und an diesem Abend ist das anders. Jochen Distelmeyer hat ein Coveralbum veröffentlicht, das nun live präsentiert werden will. Vom Konzert am Tag zuvor las ich, dass seine Setlist bis auf die Zugabe nur aus Coverversionen bestehen wird. Das fand ich gut, aber auch mutig. Gut deswegen, weil mir dann vielleicht „Der Apfelmann“ und ähnliches erspart bleibt; mutig, weil die Auswahl seiner gecoverten Songs, ich sag mal, interessant gewählt ist. Und so freute ich mich auf den Konzertabend, war mir aber gleichzeitig nicht sicher, ob das Konzept aufgehen würde. Aber es scheint, also ob der Mann machen kann, was er will. Die Leute (und ich) kommen trotzdem um ihn zu sehen. Auch wenn sie nicht seine Lieder zu hören bekommen sollten, sondern Songs von Britney Spears, Lana del Rey, Supertramp, den Bee Gees etc.. Jochen Distelmeyer scheint immer zu gehen, und irgendwie stimmt das auch.

Das Gebäude 9 war nahezu voll, als ich um kurz nach halb neun den Saal betrat. Eine Vorband gab es nicht, dafür hörte ich das Beste der Indiemusik aus den 1990er und 2000er Jahren. Das tat nicht weh und gestaltete die Wartezeit angenehmer.
Jochen Distelmeyer kam zusammen mit seinem Keyboarder zu Polizeisirenengeheul und Großstadtstraßenlärm auf die Bühne. Die nächsten 75 Minuten sollte er also nur fremde Songs spielen. Ich war gespannt.
Es begann mit zwei Stücken, die nicht auf seinem Album sind: Supertramps „Take the long way home“ und „Tragedy“ von den Bee Gees. Letzteres ging so, ersteres war top! „Take the long way home“ ist einer der besseren Supertramp Songs, ich mag ihn sehr und ich freute mich, ihn in der Konstellation Akustikgitarre und Keyboard zu hören. Es funktionierte prächtig, genauso wie das anschließende „Toxic“. Der Song war der erste musikalische Höhepunkt, „I read a lot“ der nächste.
Soweit ‘alles tutti‘, wie Jochen Distelmeyer sagen würde. (Er benutzt in seinen Ansagen viele Worte der 1980er Jugendsprache.)
Dass Cover aber auch gründlich danebengehen können, zeigten mir Warpaint vor zwei Jahren. Auf einem Konzert spielten sie eine der schlechtesten Coverversionen, die ich je gehört habe. Ich habe Gott sei Dank vergessen oder verdrängt, um welchen Song es sich handelte. Der „Pyramid Song“ von Jochen Distelmeyer – in Anschluss an „Toxic“ – ist leider nicht weit von der Warpaint Leistung entfernt. Ja, Coverversionen können auch daneben geraten. Zusammen mit Avicii‘s „I could be the one“ war es aber der einzige Ausreißer nach unten. Klappte der „Pyramid Song“ nicht, weil einfach Distelmeyers Stimme und die Akustikgitarre nicht zum Song passten, so klappte „I could be the one nicht“, weil der Song einfach zu schlecht ist, um nur mit der Gitarre zu funktionieren. Ein langer Instrumentalteil tat da sein übriges. Das war schwere Kost.
Nicht ganz so großartig fand ich auch das Ende des Sets. Ob man „Bitter sweet symphony“ unbedingt covern muss, ich weiß es nicht. Mir ist der Song zu abgenudelt und verbraucht. Ich kenne aber die Motivation dahinter nicht. Sicher gibt es einen guten Grund, genau diesen Song ausgewählt zu haben. Ein bisschen willkürlich kam mir die Schlussgerade des Konzertes mit eben The Verve und Al Green’s „Let’s stay together“ aber schon vor.

Davor jedoch war es großartiger. Meine Lieblinge waren „Toxic“ (da sang das Publikum gerne den Refrain mit), „Killer“ (ach wie liebe ich diesen Song, ach wie lange habe ich ihn nicht mehr gehört), „Video games“ und das mir völlig unbekannte Stück „I read a lot“ von Nick Lowe. Hier passte alles: Distelmeyers Stimme, die spärliche Instrumentierung. Genau das, was ich bei „Pyramid song“ vermisst habe.

Jochen Distelmeyer moderierte die Songs kurz an oder ab. Wohlformuliert und in vielen Nebensätzen. Ganz so, als ob er aus einer alten Spex-Zeitschrift vorliest. Ein guter Service. Das Grübeln darüber, von wem ich was höre, blieb mir so erspart. Denn ja, kennen würde ich vielleicht die meisten Songs im Original, aber Titel und Bandzuordnung wären bei meinem löchrigen Gedächtnis schwierig. So blieben mir meine gedanklichen Fragen wie ‘von wem ist das noch mal‘ und ‘wie heißt das nochmal‘ Gott sei Dank erspart.

Erst mit der Zugabe gab es eigenes Songmaterial: „Tausend Tränen tief“, „Ich – wie es wirklich war“, „Wir sind frei“ und „Kommst du mit in den Alltag“. Ich fand diese Trennung okay.
Nach dieser ersten Zugabe gab es eine zweite. Jetzt durchmischt: „April“ (aus der Blumfeld Ära) und zwei weitere Coverversionen. „Free as a bird“, von John Lennon geschrieben und von Paul McCartney verfeinert, bildete den Schlusspunkt eines guten und schönen Konzertes.
Als das Licht angeht erschallt Pulps „Help the aged“. Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Kontextkonzert:
Jochen Distelmeyer – Köln, 25.10.2010 / Gebäude 9
Blumfeld – Köln, 27.08.2014 / Live Music Hall