| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Konzerthaus, Dortmund
Vorband:

Tatort Brückstrasse, Dortmund; Anfang der 90er.
In dieser leicht abgewrackten Fussgängerstrasse in der Dortmunder Innenstadt spielt das Szeneleben. Gothic’ler, Dark Waver und alle die, die auf englische Modelabels stehen finden hier ihre Einkaufsmöglichkeiten. ‚Korrekt‘ und ‚Scarface‘ heissen die Läden. Doc Martens, Tuk, Merc und Fred Perry heisst die Ware. Hier bekam man alles, was das Indie und auch das Gothic Herz begehrt und was der Körper tragen wollte. All den ganzen Kram. Später etablierten sich auch Skaterläden; man fand hier Vans, damals noch eine ausgefallene Sache. Es ist ein Melting-Pot der Jugendkulturen. Und auch der magen frohlockte: hier, gleich gegenüber vom Brückstrassencenter gab es die besten Baguettes der Stadt.
Mitte / Ende der 90er wurde die Brückstrasse ’neu‘ besiedelt. Das Dortmunder Konzerthaus wurde gebaut, die gesamte Strasse in das Konzept „Einkaufserlebniswelt Dortmunder Innenstadt“ eingebunden. Heute ist es eine Fussgängerzone unter vielen in diesem Land. Der alte Charme ist weg, stattdessen gibt es Handyshops, Kamps und Runners Point. Und mittendrin, wo man früher zur Musik von Pixies, Siouxie, Soundgarden oder Hüsker Du einkaufen konnte steht nun das Konzerthaus.

Heute kann man dort nur noch Musikhören. Symphonieorchester spielen Mozart Matineen oder die Dortmunder Philharmoniker treten hier auf. Es geht aber auch anders: Brett Anderson spielte hier ein Akkustikkonzert im Dezember, im März machen das Polarkreis 18. Und gestern besuchte Jane Birkin das Konzerthaus.Jane Birkin in Dortmund
Jane Birkin, langjährige Ehefrau und musikalische Begleiterin des grossen Serge Gainsbourg. Zusammen schrieben sie 1969 Musikgeschichte mit dem gnadenlos gehauchten „Je t’aime…moi non plus“. In den 70er und 80er Jahren veröffentlichte Jane Birkin mehrere Alben und spielte erfolgreich in unterschiedlichsten Filmen.
Der gestrige Abend stand dann auch unter dem Motto Serge Gainsbourg. Jane Birkin spielte zwar auch „moderneres“, u. a. arbeitete sie in den letzten Jahren mit Brian Molko, Beth Gibbons oder den Magic Numbers, den Großteil des Sets bildeten aber ältere Sachen. Um Punkt 20 Uhr ging es nach dem 2. Gong los. Der Konzertsaal war zu guten zweidritteln gefüllt, als Jane und ihre Begleitmusiker die Bühne betraten. Und die stellten sich als wahre Allroundkünstler heraus, spielte doch jeder von ihnen im Verlauf des 115 minütigen Konzertes drei bis vier unterschiedliche Instrumente. Favoriten waren dabei Klavier und Harfe, aber auch Keyboards, Schlagzeug und E-Gitarre, Oculele, Geige und Rasseln fehlten nicht. Diese Vielfältigkeit garantierte einen unterhaltsamen Abend. Auch für jemanden wie mich, der sich nicht sonderlich intensiv mit dem Schaffenswerk von Serge und Jane auskennt. Ich erkannte genau ein Stück. „Home“, den Opener der neuen CD Fiction, das vom Divine Comedy Mastmind Neil Hannon geschrieben wurde. Nun, wie ist so ein Konzert in einem Konzerthaus? Sehr relaxt, amn hat gute Sicht und sitzt schön gemütlich in bequemen Sesseln, und klanglich natürlich eins a. Jane Birkin in Dortmund
Das Konzerthaus schreibt dazu:

Modernste Methoden der Schallmessung garantieren in der Philharmonie für Westfalen eine optimale Akustik. Mit etwa zwei Sekunden verfügt der Konzertsaal über eine für klassische Musik geradezu ideale Nachhallzeit. Die beste Nachhallzeit ist bei einer Besetzung von 1500 Personen erreicht. Störungen von außen werden durch 40 cm dicke Betonwände, dem Tresor einer Großbank ähnlich, nahezu unmöglich gemacht. Klima und Haustechnik arbeiten nur mit einem minimalen Geräuschpegel im Raum, weit unter dem anderer Säle. So entwickelt die Musik eine maximale Dynamik – das Publikum erlebt eine Sinfonie oder ein Klavierkonzert plastisch und intensiv.

Soweit die technischen und architektonischen Details.
Zwischen den Songs gab es immer wieder kleinere Geschichten über die vorgetragenen Stücke oder über die Problematik des Einstudierens eines portugiesischen Liedes ohne die Sprache zu beherrschen (‚Mama, singst du japanisch?‘ fragte doch Charlotte als sie ihrer Mutter beim Üben zuhörte).
Auch Politisches fand statt. Über ihr politisches Engagement und der Unterstützung Aung San Suu Kyi’s, die unter der Diktatur Birmas leidet, erzählte Jane energisch und wütend und widmete der Friedensnobelpreiträgerin von 1991 gleich zwei Stücke.
Und immer wieder etwas über Serge. Es scheint, als würde sie den Abend am liebsten mit ihm bestreiten. Doch leider ist der gute Mann 1991 verstorben.

Jane Birkin in Dortmund Beim herausgehen hörte ich dazu hinter mir einen älteren Mann zu seiner Frau sagen: ‚Diese Generation ärgert sich noch über solche Dinge. Mit Verlaub, das ist meine Generation.‘
Naja, die nachfolgenden Generationen scheint er nicht sonderlich gut zu kennen.
Dies war mein erstes Musikkonzert in einem Konzerthaus im klassischen Sinne. Schön war’s, interessant war’s. Gut angelegte 20 Euro für einen Sitzplatz mit leichter Sichtbehinderung.

Was gar nicht zu merken war: die Frau, die hier fast 2 Stunden in Cargohose und T-Shirt auf der Bühne stand, ist tatsächlich schon 61 Jahre alt. Unglaublich. Und, was ich gar nicht wusste, dafür aber Wikipedia: Jane Birkin ist Engländerin und keine Französin.

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."