| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband:Delay trees

I like trains - Köln, 19.01.2011 (Foto: stsch)

Mittwoch vor 172 Jahren wurde Paul Cezanne geboren. Paul Cezanne war einer der einflussreichsten Künstler des ausgehenden 19. Jahrhunderts und stilprägender Wegbereiter nachfolgender Malergenerationen des Postimperialismus und der Moderne.
Warum erwähne ich dies? Nun, am Morgen erinnerte mich Google an diesen Umstand und so blätterte ich mich im digitalen durch sein Gesamtwerk. Dabei fiel mir auf, dass zu den Bildern seiner „dunklen Periode“ (es wäre übertrieben zu behaupten, ich hätte auch schon vor vier Tagen gewusst, dass Paul Cezanne eine dunkle Phase hatte) ideal die I like trains Songs passen, die zufällig im Hintergrund liefen.
So ganz zufällig lief das aktuelle I like trains Album natürlich nicht, sollte doch am Abend ihr Konzert anstehen und ich wollte mich vorab noch mal ein wenig einhören.
Dicker Farbauftrag, kontrastreiche, dunkle Töne und getragene Gitarren, an dieser Kombination zu tagschlafender Zeit gab es nichts auszusetzen, dieses Zufallskonstrukt war ein harmonisches Ganzes.
I like trains sind die Sorte Bands, die ich „aus dem vorbeigehen“ kenne. Hier und da habe ich mal was gehört, aber ernsthaft mit ihnen beschäftigt habe ich mich nie.
Ihre letzte CD „He who saw the deep“ kaufte ich alternativlos, aber auch, weil mir irgendwann auf einer Autofahrt erzählt wurde, I like trains gehören zu den guten Bands.
Und zu diesen gehören sie zweifellos. Ihr 2010er Album ist toll. Die Songs erinnern zwar stark an 20 andere Bands und an die Editors, aber es gibt schlimmere Querverweise.
„He who saw the deep ist ja ihr Sommeralbum“. Es war während der Umbaupause im Gebäude 9, als ich diese Worte höre. Verstehen konnte ich sie nicht. Noch nicht. 90 Minuten später war mir klar, was gemeint war.

Früher waren I like trains anders drauf. Die Synthesizer scheinen sie erst mit dem neuen Album für sich entdeckt zu haben. Sie sind songprägend und ähnlich wichtig wie auf dem letzten Editors Album. Nur zögerten I like trains, sie genauso wuchtig einzusetzen. Daher klingt das neue I like trains Album auch nicht nach einem „In this light and on this evening“ Abklatsch. Es klingt mehr nach den älteren Editors Alben, nach den Songs, in denen Tom Smith und Kollegen die Synthesizer unterstützend und nicht dominierend eingesetzt haben.
Man könnte sich nun darüber streiten und stundenlang diskutieren, ob die neue Luftigkeit gut oder weniger gut ist, ob sich I like trains wirklich mehr dem Pop hinwenden sollten oder nicht. So was macht Spaß und ich erfahre dabei immer eine ganze Menge neuer Sachen und lerne interessante Perspektiven, auf die ich nie gekommen wäre.
Ich denke, „He who saw the deep“ könnte der Band einen Bekanntheitskick geben, denn Songs wie „Father’s son“, „Hope is not enough“ oder „We saw the deep“ sind richtig gut.

Richtig gut war auch der erste Song des Abends. „Delay trees“ hatte ihn auf dem Gewissen. Niemand von uns hatte die finnische Vorband auf dem Schirm. Grundsätzliche Fragen nach dem „was machen die“, „wie sind die“ oder „muss ich die kennen“ konnten bis in die Nacht hinein nicht beantwortet werden. Welch’ miese Vorbereitung schon beim ersten Konzert des Jahres!

Delay Trees hail from the towns of Helsinki and Hämeenlinna, southern Finland.
In his early twenties, Rami started to write songs about the growing pressures of adulthood, unemployment, ending friendships and the long Finnish winters. After sharing a mutual musical history with Sami and Lauri it felt natural to start playing the new songs together. For a while they searched for a drummer who would fit in with their new material. After a few try-outs, Onni, the brother of a mutual friend, stood out and fitted in perfectly. At the start of 2007 the boys started rehearsing continuously under the name Delay Trees and played their first gigs at the end of the year. In 2008 they started to record a full-length album in Hämeenlinna which would later be cut down to ‚Soft Construction EP‘.
With their first release ‚Soft Construction EP‘ (March 2009), the band gained admiring reviews and features on multiple music-blogs around the world. In November 2009 Delay Trees signed a record deal with the legendary Finnish independent record company Johanna Kustannus in a shady corner table of Club Liberté. Their self-titled debut album was released in Finland to critical acclaim on September 29, 2010. At the moment Delay Trees are busy touring and promoting the album.
Delay Trees is

Rami Vierula – Vocals, Guitars
Lauri Järvinen – Backing vocals, Guitars, Synth, Glockenspiel
Sami Korhonen – Bass, Synth
Onni Oikari – Drums, Percussion

(via: delaytrees.com)
Ihr Opener versprach viel. Geht man davon aus, dass Bands nie ihr bestes Lied zu Beginn ihres Sets spielen, legten sie die Messlatte hoch. Ein schönes Stück Gitarrenmusik (war es „4:45“, ich kann mich nicht mehr erinnern.) mit den bekannten Mechanismen, das auch auf dem neuen I like trains Album hätte sein können. Von da an war klar, „Delay trees“ laufen musikalisch in ähnliche Gefilde wie der Hauptact.
Leider konnten sie ihr Versprechen nicht vollständig einlösen. Die nachfolgenden Songs waren weniger stark, gegen Mitte ihres gut dreiviertelstündigen Sets wurde es gar etwas langatmig.
Trotzdem werde ich „Delay trees“ auf der Liste haben. Sie sind bestimmt die beste Band Finnlands, ihr Album, das diesen Freitag in Deutschland veröffentlicht wird, ist ein reinhören allemal wert.
Irritiert hat mich das T-Shirt des Schlagzeugers. Über den aufgedruckten Schriftzug musste ich sehr schmunzeln: „Skate and destroy“ stand dort in zackigen Lettern gedruckt. So ein Statement erwarte ich von Emo- oder Spasspunk Bands, aber nicht unbedingt von Post Rock Band Schlagzeugern.
Ach, die Finnen …
I like trains trugen schwarz und weiß. Das war auch schon meine einzige Erwartungshaltung an diesen Abend. So richtig schön klischeehaft: Bands die aus der melancholisch schwermütigen Ecke kommen, sollen gefälligst unbunte Farben tragen.
Hach Äußerlichkeiten, wie egal die doch eigentlich sind.
Also zurück zur Musik. Wie gesagt, ich bin ein Zugliebhaber-Newbee und durfte ohne Vorwissen über ältere Songs an das Konzert rangehen. Die neuen Sachen konnten mich also nicht irritieren oder gar verärgern, aber ihre alten Sachen konnten mich überraschen.
Vergleiche ich die Liveerlebnisse der alten und neuen Songs, so muss sich „Elegies to lessons learnt“, ihr erstes Album, tatsächlich deutlich vom aktuellen unterscheiden. Auf der Bühne wurde dies optisch dadurch unterlegt, dass ihr Tourergänzungsmusiker Ian (so wurde er von Sänger David Martin vorgestellt) immer dann zur Zigarettenpause die Bühne verließ oder unterstützend zur Gitarre griff, wenn kein Stück vom aktuellen Album angekündigt wurde. Seine Synthiefähigkeiten wurden dann nicht gebraucht.
Dies war das ein oder andere Mal der Fall, den Hauptteil des Abends bildeten jedoch die neuen Songs, alle meine Favoriten eingeschlossen. So war der Wiedererkennungswert hoch und die unbekannten Stücke eine willkommene – weil nicht unspannend – Weiterbildung in Sachen I like trains.
David Martin, Guy Bannister, Alistair Bowis und Simon Fogal machten an diesem Abend vieles richtig.

„I think, everything is lost.“ – Paul Cezanne

Multimedia:
Fotos: frank@flickr
(Das Artikelfotos hat mir Stephanie zur Verfügung gestellt! Vielen lieben Dank!)

Kontextkonzerte:
Editors – Köln, 12.11.2009
Editors – Köln, 08.11.2007
Editors – Köln, 13.06.2007

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."