| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Laura Pausini ist allgegenwärtig. „Heute spielen wir Laura Pausini nieder!“ ruft Anna, die Sängerin der österreichischen Band Herbstrock, und Christina Stürmer gesteht, dass sie Laura Pausini bis dato gar nicht kannte. Immerhin hinderte die Frau die beiden daran, sich die Stadt anzuschauen. Zu verlockend schien der Blick auf die Bühne in der Westfalenhalle Eins.
Laura Pausini spielt in der größten Halle des Messekomplexes an der B1 und hat einen Bühnenaufbau, der auf einem Dutzend Trucks (Zitat Frau Stürmer) daherkommt.
Anna Müller und Christina Stürmer spielen mit ihren Bands in der Westfalenhalle Zwo auf einer Bühne, die auf zwei LKWs verladen werden kann. Ihre Bühne ist damit um einiges kleiner, aber immer noch recht groß. Sie vereinnahmt fast die gesamte Kopfseite der Halle, und ich frage mich, ob das nicht übertrieben ist. Aber Christina Stürmer hatte später keine Mühe, die Bühne auszufüllen. Ihr Bewegungsdrang benötigt eine Menge Platz.
Herbstrock wurde es ein bisschen heimeliger gemacht, indem der hintere Bühnenteil mit einer Bandlogostellwand großzügig abgetrennt wurde.
Auch die Herbstrock Frontfrau ist von hibbeliger Natur. Vor und zurück, ein wenig nach links und rechts, und immer wieder hüpfen. Das hatte schon Turnfestcharakter.
Herbstrock sind zum ersten Mal in Deutschland unterwegs. Ihr zweites Album „Die bessere Hälfte“ wird im Juni erscheinen. In Österreich ist die noch recht junge Band schon einen Schritt weiter. Für ihr erstes Album „Ende:Gut“ wurden Herbstrock im vergangenen Jahr schon mit dem größten Musikpreis des Landes, dem Amadeus, ausgezeichnet. Auch spielten Frontfrau Anna Müller, Schlagzeuger Sebastian Vogt, Bassist Mathias Dajeff und Gitarrist Paul Wallner in einer Handy Comedy Soap mit, in der Geschichten einer jungen Band auf dem Weg zum Plattenvertrag erzählt wurden.
Im Vorprogramm von Amy MacDonald sah man sie auch schon.
Ihr 40 minütiges Set starteten sie mit „So ist es eben“. Bei myspace hatte ich mir kurz ein zwei Songs angehört, darüber hinaus wollte ich mich von der Band überraschen lassen. Natürlich hatte ich mir vorher ein kleines Bild ausgedacht, Teeniepop und all diese Juli- Silbermond Dinge. Doch schnell war klar, dass das nicht passt. Natürlich machen Herbstrock keine Musik für Enddreißiger, die Ansprechpartner sind deutlich jünger anzusetzen, aber mit den anderen beiden Bands, die ich im übrigen immer durcheinander bringe, haben Herbstrock nicht allzu viel gemeinsam. Ihre Musik ist luftiger, beatlastiger und ausgelassener.
Anna, der Flummi in schwarzen Converseschuhen und rotem Kleid, ist kaum zu stoppen. „Atmen nicht vergessen“, sagt sie und recht hat sie. Die Ausgelassenheit einer 22jährigen ist anstrengend. Da man schnell nach Ähnlichkeiten sucht, fällt mir diese ein: Nena. Nena zu Beginn der 80er. Annas Beinarbeit ist der Grund. Ihre Bewegungen erinnern mich an Nur geträumt Auftritte der NDW Koryphäe. Und dazu hüpfen, springen, und von vorn.
Das Motto des Abends gipfelt im vorletzten „Um dein Leben“. Ein Song, der eine jugendliche Ausgelassenheit geradezu herausfordert. Und Anna und Kollegen haben sie. Hier scheint jemand Spaß zu haben.
Dabei geht es ihr nicht ganz so gut. Ein zwei Hüsterchen zeigen es. „Ich hab’ mich verkühlt. Ich klinge wie ein Frosch“. Süß!
Die Krächzer höre ich kaum, Annas Stimme bringt mich aber zur zweiten Assoziation. Mieze von Mia. In „Herz lauf!“ fällt es mir zum ersten Mal auf. Text und Melodie erinnern an Mia.
Nun, es gibt schlechtere Gedankensprünge als die zu Nena und Mia.
Das Publikum in der nur zur Hälfte gefüllten Westfallenhalle Zwo scheint es ähnlich zu sehen. Es nimmt die Band gut an. Klar, auf die Animierversuche geht es nicht sonderlich ein, sie wirken aber auch zu unplatziert und platt. Ebenso die unendlichen Posen aus dem Gitarrenheroreportoire von Paul Wallner.
Doch die „Wir wollen die Stürmer sehen“ Rufe sind weg. Herbstrock haben überzeugt. Voll und ganz.
Wenn ich ein 13jähriges Mädchen wäre, würde ich Herbstrock Fan werden und meine Silbermond T-Shirts verschenken.

Noch ein paar Sätze zu Christina Stürmer. Unter Strassenbaulärm und Bohrhammergewummere springen sie und ihre Band auf die Bühne.
Auch hier gilt, es ist nicht unbedingt meine Musik, die die österreichische Starmania zweitplatzierte des Jahres 2003 macht (übrigens mit dem Sportfreunde Stiller Lied „Ein Kompliment“), aber im Laufe des Konzerts komme ich mehr und mehr zu dem Schluss, dass sie definitiv in einer höheren Liga spielt als ihre deutschen DSDS Kollegen. Ihre Songs orientieren sich mehr an Kelly Clarkson, teilweise erinnern sie mich an die spanischen Dover. Es sind die schnellen, rockigeren Stücke, die diese Vergleiche rechtfertigen. Hier stimmt vieles, und Christinas Stimme, die eher tief und dunkel tönt, passt hier besonders.
Ihre Band wirkt gut ausgewählt. Alle vier sind exzellente Musiker, die ihre Instrumente beherrschen. Das hört man bei den schlimmen Soli, die jeder denn auch spielen darf. Hier das Schlagzeugsolo, dort ein Mark Knopfler Gitarrenpart. Das ist nicht schön und zeigt, dass das Konzert hin und her schwankt zwischen Pur- eskem Schmuse-Feuerzeug-Balladenspiel und Serienmelodien, sowie guten, zeitgemäßen Elektro- Rock Geschichten.

Kulturtechnisch hat also Österreich diese Woche die Nase vorn. Zwei goldene Palmen in Cannes und zwei österreichische Bands in Dortmund. Mehr Alpenland geht kaum.

Setlist:
01. So ist das eben
02. Herz lauf!
03. Keine Zeit
04. Auf, ab und davon
05. Klar
06. Kopf durch die Wand
07. Sag mir wieviel davon
08. Wenn ich wüsste wie
09. Um dein Leben
10. Die bessere Hälfte

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Multimedia:
Fotos: frank@ipernity

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."