| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Vorband: Inner Tongue

Ghostpoet

Was machen eigentlich gerade Melanie de Biasio, Nadine Shah und Bowlermann Paul Smith? Ich frage deswegen, weil alle drei Musiker Gastauftritte auf Ghostpoets neuen Album Shedding Skin haben. Gerade die Songs mit Nadine Shah als zweite Stimme sind wahre Knüller, und so wäre es doch schön gewesen, wenn die Musikerin höchstpersönlich an dem Konzert teilgenommen hätte. Hat sie aber, genauso wie die anderen beiden, natürlich nicht, es wäre auch irgendwie übertrieben gewesen, diesen Aufwand für eine gesamte Tour zu fahren. So groß ist Ghostpoet nun wieder auch nicht, dass er mit drei weiteren Musikern durch die Gegend reist. Die Band wäre dann immerhin zu acht, wo käme man denn da hin.
Was in mir aber gleich die nächste Frage aufwirft. Warum ist Ghostpoet a.k.a. Obaro Ejimiwe eigentlich nicht so groß, wie er es verdient hätte? Ein weiterer Fall von, wenn die Welt gerecht wäre…

Eher zufällig als bewusst stolperten wir vor knappen zwei Jahren in seinen beim Den Haager Crossing Border. Damals hatte er gerade sein zweites Album Some say i so i say light auf den Markt geworfen, eine Ansammlung von Welthits und wundervoller dunkler, triphoppiger, urbaner Musik. Passend dazu der Aufritt beim Crossing Border: Dunkle Bühne, dunkles Licht, ein Klavier, ein Computer. Manchmal ist es ganz einfach, Spannung zu erzeugen.
Man kann zu Ghostpoet Songs gut nachts Autofahren oder auf dem Rücken liegend bei leicht gekipptem Fenster die Großstadt draußen Großstadt sein lassen. Es ist Musik für die Nacht abseits des Trubels. Die Melodien klingen dabei in meinen Ohren sehr städtisch, nicht nach Wald, Wiese, Wüste. Wenn ich Ghostpoet Alben höre, höre ich auch immer eine leere Metro, dumpfen Straßenlärm, einen geschlossenen Starbucks um Mitternacht.
Ghostpoet ist für mich gleich Melancholie. Alltagsmelancholie. Peanut Butter Blues and Melancholy Jam hat er sein Debütalbum betitelt. Geht es treffender? Wohl kaum.
Mit genau diesen Emotionen passte der Brite gut in meine Woche. Die letzten Tage waren durchzogen von kleineren Katastrophen und Geschichten, die eigentlich niemand braucht. Glücklicherweise nahm alles zum Wochenende hin eine Wendung zum Besseren. Die Geschichten verschwanden und die Katastrophen wurden gelindert. Es war somit eine Woche, wie ich einen Ghostpoet Song empfinde: anklagend, leicht desperat und dunkel, aber immer auch mit einem Funken Hoffnung und dem Ausblick auf etwas Gutes.
Umso mehr freute ich mich auf das abendliche Konzert. Der Soundtrack of my life bzw. zu meiner Woche live am Abend, wie gut platziert ist das denn? Dass der Brite dann mit einem fulminanten Konzert die Woche endgültig hell erscheinen lässt, war gleichermaßen perfekt.

Ich musste etwas länger als zu Jahresbeginn geplant auf ein Ghostpoet Konzert warten. Im Februar hätte fast hingehauen, aber seine Tour mit TV on the Radio wurde kurzfristig abgesagt. TV on the Radio mussten ihre Europakonzerte absagen. Oh mein Gott, was für eine gnadenlos gute Kombination! 2011 gab es die schon einmal. Es wäre unbestritten das Konzert des Jahres geworden. Aber das wurde es eben nicht, und so musste ich mich ein paar Wochen später mit einem Livekonzert des Briten allein begnügen. Wobei begnügen das falsche Wort ist.

Zum aktuellen Album tritt Obaro Ejimiwe im erweiterten Korsett auf. Gitarre, Schlagzeug, Bass, Keyboard und eine Keyboarderin, die überdies die auf der Platte mitmachenden Gastmusiker gesanglich vertritt, machten Ghostpoet zu einer Band.
So wurde es allein dadurch ein gänzlich anderes Konzert als in Den Haag. Was gleich blieb, war die dunkle Atmosphäre. Pinke und blaue Lichter umhüllen die benebelte Bühne im CBE. Es wirkt mysteriös, übergroß prangt an der Bühnenrückwand ein Plakat. Ghostpoet steht da in serifenloser Schrift geschrieben. Schnörkellos ist die Bühnenausstattung, aber irgendwie doch schummrig warm.
Obaro Ejimiwe und Band spielten hauptsächlich neue Songs aus dem aktuellen Album Shedding Skin. Das machte das Programm poppiger und instrumentaler dichter. Die Band spielt schnell, die Songs kommen mir rasanter vor als auf Platte. Auch erschienen sie mir weniger melancholisch, im Bandkostüm – wie man so sagt – sind auch die älteren Songs poppiger oder rockiger. Was doch Livegitarren so ausmachen, denke ich ab und an. Mir war das egal, denn als guter Nebeneffekt wirken Ghostpoet dadurch noch ansteckender tanzbar. Und das ist gut. Vor zwei Jahren beim Crossing Border in Den Haag fand ich seinen Auftritt eher zum Zuhören geeignet, im hier und heute war es viel schmissiger und weniger monoton. „Cash and carry me home”, “Survive it”, “Plastic bag brain” , wie wunderbar die alten Stücke waren. “Groovy, groovy, jazzy funky.” Ein bisschen passte dieses alte De la Soul Motto sehr gut.
„Better not Butter“ und „Off peaks“ eröffneten das Konzert. Ab da verschmolzenen alle weiteren Songs zu einem fabelhaften Konzert, dass mir jegliche Gelegenheiten zum Dokumentieren nahm. Der gesamte Club tanzte und nahm mich irgendwie mit. Einzig an den stärker herausstechenden Cure Bass in „Sorry my love, it’s you not me” habe ich eine Berichterstatter-Erinnerung. Mit einem tollen Technokeyboard zu „Us against whatever ever“ endete das Konzert.

Es war ein sehr gutes Set und ich möchte Ghostpoet unbedingt weiterempfehlen. Dabei sollte man sich nicht von Heft-CD Beilagen in die Irre führen lassen. In einer Mojo Ausgabe entdeckte ich diese CD, New British Angst, so ihr Titel und scheinbar die musikalische Untermalung zum Leitartikel im Heft. Neben erwarteten Künstlern wie Kate Tempest und den Sleaford Mods las ich aber auch den Namen Ghostpoet auf der CD Hülle. Das war so, wie früher Elastica auf einem Britpop Sampler aufzuspüren. Irgendwo komisch.

Zum schönen Abend trug auch die Vorband bei. Inner Tongue, eine Handvoll Jungspunde aus Wien (wenn ich das richtig verstanden habe) mit ihrem „fünften Aufritt ever“ gefielen mir sehr gut. Die Band wirkte für ihre ersten Konzerte enorm stabil und sicher, ihre Musik klang wohl ausgefeilt poppig und hatte schöne Überraschungen und Samples parat. Kann man so machen, eine sehr kurzweilige halbe Stunde.

Kontextkonzerte:
Crossing Border Festival – Den Haag, 15.11. -16.11.2013
TV on the Radio – Köln, 05.07.2011 / Live Music Hall

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."