| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Stadsmuseum De Bijloke Site, Gent
Bands: Perfume Genius, dEUS

Gent Jazz Festival

Am Freitagabend war noch nicht klar, wie ich das Wochenende verbringen werde. Es gab Optionen, aber nichts Konkretes.
Am Samstagmorgen las ich, dass neben meiner Lieblingsband dEUS auch Perfume Genius beim Gent Jazz Festival auftreten sollten. Selbstverständlich weckte das mein Interesse. Ein Blick auf die Webseite zeigte mir: Tickets sind noch verfügbar. Das wunderte mich ein wenig, freute mich aber umso mehr. Der Klick auf den Warenkorb schickte mich anschließend nach Gent. Tickets gekauft. Fahrt geplant. Der Samstagnachmittagsausflug nach Belgien stand.

Gent. Ist ja nicht so weit.
In Gent war ich bisher noch nicht. Auch nach diesem Wochenende kann ich nicht behaupten, in Gent gewesen zu sein. Das Stadsmuseum Gent, in dessen Innenhof das Festival stattfindet, liegt am Stadtrand, der Autobahnzubringer führt direkt hierhin. Für einen kleinen Stadtspaziergang blieb keine Zeit, Trödeleien auf der Autobahn und warmes Sommerwetter, das mich lieber in einem Schattenplätzchen sah, verhinderten dies.
Ich suchte mir die Route bei Google maps. Aha, hier gibt es scheinbar öfter Konzertveranstaltungen. Google zeigt ein Luftbild mit einer Zeltbühne und Besuchern, die auf Decken sitzen. Das sieht gemütlich aus, die Vorfreude stieg. Hätte ich noch Zweifel an dem Ausflug gehabt, spätestens jetzt wären sie verflogen. Wenn ich so eingeladen werde, kann ich doch nicht ‘nein‘ sagen.
Von Google maps in die Wirklichkeit ist es ein kleiner Schritt. Das Zelt im Innenhof des Stadsmuseum kenne ich schon. Oder zumindet den Standort. Das Zelt des Gent Jazz Festivals ist größer als auf dem Luftbild, etwa dreimal so groß, aber der Aufbau ist identisch. Hier finden die Konzerte statt. In einer anderen Ecke der Anlage ist eine weitere, kleinere Bühne aufgebaut, umringt von den üblichen Verpflegungsständen. Pulled pork ist auch in Gent das Festivalessen der Saison. Überall stehen Sitzgelegenheiten. Das sieht gemütlich aus. Der gesamte Innenhof ist mit Tischen und Stühlen ausgestattet. Stühle scheinen bei diesem Festival ein wichtiger Bestandteil zu sein. Im großen Zelt stehen sicherlich 1000 davon. Oder mehr. Ach, bestimmt mehr.
So sitze ich erst vor dem Zelt, und später im Zelt. Der Zeitplan definiert folgenden Ablauf: 20.30 Uhr Perfume Genius, 22:30 Uhr dEUS. Damit lässt sich planen und es bleibt genug Zeit für alles. Ein Besuch am Merchstand, eine Portion Fritjes, ein bisschen Sonne. Samstagnachmittage eben.Perfume GeniusPerfume Genius ist Mike Hadreas. Der Solokünstler aus Seattle macht seit 2008 Musik unter dem Namen Perfume Genius. Ich habe ihn vor zwei Jahren auf dem Primavera Sound kennengelernt. Mich begeisterte damals seine Musik, die ich irgendwo zwischen James Blake und Kate Bush einordnete. Sie ist geprägt von Keyboards bzw. Synthesizern, dazu kommt eine kopflastige, unaufdringliche Gesangsstimme. Zuhören ist erste Pflicht, denn Perfume Genius, auf der Bühne unterstützt durch Gitarre und Schlagzeug, macht keine seichte Popmusik, zu der man tausend Alltagsdinge erledigen kann. Vielmehr gilt es, die feinen Zwischentöne zu entdecken. Too bright ist sein immer noch aktuelles  Album. Es ist toll, „Fool“ und „Queen“ sowie „Grid“ sind Riesenhits.

In Gent eröffnet er mit „Gay angels“. Ganz in weiß steht Mike Hadreas auf der Bühne und bewegt seinen Körper mehr schlängelnd als tanzend durch die Songs. In Barcelona saß er hauptsächlich hinter seinem Keyboard, mittlerweile scheint ihm der Bühnenplatz vor seinem Instrument besser zu gefallen. So fällt mein Augenmerk wie automatisch auf den sehr extrovertierten Tanzstil von Mike Hadreas. Himmel, seine Bühnenpräsenz ist so verdammt stark, dass sie die anderen Musiker locker in den Schatten stellt. Den Gitarristen nehme ich erst wahr, als er sich zu Mike Hadreas ans Keyboard setzt und sie mit vier Händen spielen. 20 Songs spielen Perfume Genius, nicht alle sind so herausragend wie „My body“ oder „Longpig“, die ich noch erkenne oder die erwähnten Hits.

Ruhige und eher kopflastige Musik hat es schwer, sich durchzusetzen, wenn das Publikum noch nicht bei hundertprozentiger Konzertaufmerksamkeit ist, sondern sich den letzten Sonnenstrahlen hingibt, etwas isst oder sich anderen Dingen widmet. Im Mittelteil des Konzertes fällt es auch mir schwer, dem Auftritt voll zu folgen. Das Geschehen auf der Bühne birgt für ein paar Minuten zu wenig Überraschungen und um mich herum beobachte ich das typische Festivalerlebnis. Das Zelt ist vielleicht zu zweidrittel besucht, gerade im hinteren Bereich ergibt das einiges an Laufkundschaft. Leute schauen immer mal wieder rein, gehen ein paar Reihen nach vorne, dann wieder zurück. Doch dadurch, dass das Zelt bestuhlt ist, hält sich die Bewegung und Unruhe im erträglichen Rahmen. Sie stört nicht wirklich, weder mich noch die Band. Ich lasse mich nur kurz ablenken und Mike Hadreas scheint völlig unbeeindruckt. Gedanken- und raumverloren ist er vollkommen in seiner Musik gefangen und liefert eine großartige Show. Das Konzert steigert sich von Song zu Song. Herausragend ist das Finale, „Fool“ und „Queen“ zum Ende des Konzertes zeigen famos, wie toll Perfume Genius klingen.
Doch neue Fans scheint Perfume Genius an diesem Tag nicht zu gewinnen. Die, die Perfume Genius bereits kennen und schätzen, hören aufmerksam zu, die, die ihn noch nicht kennen, hören nur für zwei, drei Songs rein und blättern dann weiter in ihrer Zeitung oder lesen im Smartphone. Komplexe Musik hat es an einem sonnigen Tag schwer. Vielleicht schwerer als an anderen Tagen. Nichtsdestotrotz, für mich hat sich das erste Konzert des Abends hundertprozentig ausgezahlt. Es war schön, Perfume Genius nochmal live gesehen zu haben. Als nächstes wünsche ich mir, ihn bei einem Clubkonzert beobachten zu können.

Genauso wie das Montreux Jazz Festival ist auch das Gent Jazz Festival nicht mehr nur ein reines Jazzfestival. Mit Jazz im eigentlichen Sinn hatte das Perfume Genius Konzert wenig zu tun. Aber ambitionierte Popmusik findet hier ebenso ihren Platz wie der klassische Jazz. Unter der Woche trat hier Kamasi Washington auf. Der Jazz war da. Nur nicht heute, denn dEUS sind auch kein Jazz. Ihre soft-electric Tour ist jedoch ruhig und ambitioniert und somit ihr Konzert genauso passend wie zuvor der Auftritt von Perfume Genius.dEUSEs sei das letzte Konzert der soft-electric Tour, ließ uns Tom Barman gleich zu Beginn wissen. Gent bilde den Abschluss unter diese Konzertreihe, die dEUS erfolgreich durch den Winter brachte. Es ist mein zweites Konzert dieser Tour, im Dezember letzten Jahres hörte ich im Kursaal von Ostende zum ersten Mal  die stripped down Versionen meiner Lieblingssongs. Damals war alles super: der Saal, das Konzert, das Drumherum.

Ganz sicher war mir nicht, ob das soft-electric Ding auch draußen und im Rahmen eines Festivals klappen würde. Würde es nicht zu laut sein, würden nicht ein abgeschlossener Saal und ein ehrwürdiges Ambiente fehlen? Bisher fanden die soft-electric Konzerte in Kirchen, Theatern oder Konzertsälen statt. Ist das nicht der natürliche Lebensraum solcher Konzertreihen?
Jetzt in einem Zelt, mit Klappstühlen, Festivalpublikum und offenen Seitenwänden. Passt das? Die Nacht war beinahe komplett hereingebrochen, als dEUS die Bühne betraten. Das Gent Jazz strahlte jetzt noch eine Spur ruhiger als den Tag über. Ein Klappern von außerhalb des Zeltes war nicht zu hören, die Klappstühle auch nach einigen Stunden noch überraschend bequem und auch in den hinteren Reihen des nicht ganz ausverkauften Konzertes ging es nun konzentriert zu.
In einem Wort: Festival und soft-electric passte sehr gut. Die Schönheit des Konzertes war deutlich zu spüren.

Die Band sitzt auf Barhockern. So macht man das als Rockband, wenn man das ruhiger-Klingen irgendwie auch bühnentechnisch symbolisieren möchte. Dazu mehr indirekte Hintergrundbeleuchtung als aggressives Scheinwerferlicht. Der Bühnenaufbau stimmt und unterscheidet sich wie die Setlist nicht wirklich vom Dezember Konzert. „The real sugar”, „Eternal woman”, „Magdalena”, „Constant now”, „7 days, 7 weeks“. Es sind die leisen Songs, die sich dEUS für diese Konzertreihe rausgesucht haben. Das macht natürlich viel Sinn und bleibt auch beim zweiten Mal noch spannend. Erneut verfalle ich den reduzierten Interpretationen dieser wunderbaren Songs. Die anbrechende Nacht passte da natürlich wie die Faust auf’s Auge. Nein, auch wenn das hier kein Theatersaal ist, es hatte seinen ganz besonderen Charme, hier zu sitzen. Unaufdringlich spielen dEUS ihre Songs. Sie bilden den perfekten Soundtrack zum lauen Sommerabend.
Aber was genau ist das tolle an dieser soft-electric Tour?
Während des Konzertes und auf der Rückfahrt nehme mir etwas Zeit und denke darüber nach. Ich glaube, es sind diese kleinen Momente und Augenblicke, die während eines normalen Konzertes untergehen oder gar nicht vorkommen würden. Wenn Alan Gevaert aus dem nichts heraus bei „Right as rain“ die drei Worte ‘take me for‘ leise hineinruft oder diese wahnsinnige „Bad timing“ Version, die trotz Akustikgitarre eine enorme und diese dEUS typische Spiel- und Spannungskraft im Laufe des Songs entwickelt. Die laut wird, ohne laut zu werden. So ist das gesamte Konzert: laut, ohne laut zu sein.
Bis auf „Bad timing“ spielen sie die typischen Grower nicht, „Instant street“, „When she comes down“ oder „Slow“, alles bleibt außen vor. Leider spielen sie auch nicht „Little arithmetics“ oder „Disappointed in the sun“. Die Grower hatte ich nicht erwartet, da sie nicht ins Konzept passen bzw. andere Songs besser geeignet sind. „Little arithmetics“ oder „Disappointed in the sun“ hatte ich zwar auch nicht erwartet, aber ein bisschen erhofft.
Wie dem auch sei, dEUS bewiesen ein gutes Händchen bei der Songauswahl für die soft-electric Konzerte. Das bei einem riesigen Backkatalog ein Lieblingslied hinten runterfällt, bleibt nicht aus. Wenn man dafür aber andere Hits vorgesetzt bekommt, ist das verschmerzbar. Allein die Zugabe mit „Bad timing“, „Serpentine“ und „Nothing really ends“ war alles Wert. Ach was, alleine die „Bad timing“ Version von diesem Abend war alles Wert. Bravo! Aber „Little arithemtics“ möchte ich live doch zu gerne noch einmal hören.
Nach anderthalb Stunden und kurz vor Mitternacht ist das Konzert vorbei. Es war famos.

Everything is quiet.

In der Kunst, Konzerte in unaufgeregter  Atmosphäre zu veranstalten, sind Belgier und Niederländer Weltmeister. Das Gent Jazz Festival macht da keine Ausnahme. Es war ein schöner Ausflug mit zwei wunderbaren Konzerten.

Setlist:
01: Wake me up before I sleep
02: The real sugar
03: Eternal woman
04: Include me out
05: Magdalena
06: Right as rain
07: Nothings
08: Constant now
09: 7 days, 7 weeks
10: Sirens
11: Secret hell
12: Smokers reflect
13: The magic hour
14: Easy
Zugabe:
15: Bad timing
16: Serpentine
17: Nothing really ends

Impressionen:

Kontextkonzert:
Perfume Genius – Barcelona, 29.05.2015
dEUS – Ostende, 12.12.2015
dEUS – PIAS Nites Festival Brüssel, 15.03.2014
dEUS – Köln, 28.11.2011  Live Music Hall
dEUS – Köln, 11.10.2008  Live Music Hall
dEUS – Melt! Festival, 18.07.2008
dEUS – Köln, 14.04.2008  Kulturkirche Nippes

Multimedia:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."