| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband: The Invisible

Foals - Köln, 06.12.2010

Die Foals. Lange nicht mehr gehört.
Also ich nicht. Im Mai diesen Jahres veröffentlichten sie ihr zweites Studioalbum „Total life forever“. Es ist der Nachfolger des überaus innovativen und wegweisenden, ich könnte auch sagen bahnbrechenden, Debüt „Antidotes“.
„Antidotes“ war und ist ein tolles Album, und so rannten wir auch direkt nach der Veröffentlichung zum nächstliegenden Konzertort und waren sehr angetan von den Livequalitäten, den hochhängenden Gitarren und der Fülle an Lieblingsliedern, die die Foals aufs Parkett zauberten. „Cassius“, „Olympic airwaves“, toller, zackiger und sehr tanzbarer Math-Rock. Das ist jetzt zwei Jahre her.

Der Nachfolger „Total life forever“ ist nicht minder schlecht. Die Presse ist zufrieden (Wenn die Musikindustrie nicht komplett den Bach runtergeht, dann könnten die Foals wirklich eine ganz große Nummer werden. on3) oder Das Gerüst der Musik [wurde] an vielen Stellen gelockert, das Vertrackte aus der Math-Rock-Vergangenheit der Band wird durch elegische Texturen aufgeweicht, es gibt weniger Hektisches in den Strukturen, weniger Kryptisches in den Inhalten. Intro) und wir freuen uns über ein weiteres gutes Album.
Ich muss jedoch gestehen, dass ich aus dem Stehgreif überhaupt nichts zu „Total life forever“ sagen kann. An das Plattencover, ja, daran habe ich neblige Erinnerungen. Aber ansonsten: Wie hieß noch mal die Single? Mist, es gibt einfach zu viele gute Platten, die man hören muss, sollte, kann. Da werden nicht nur die schlechten sofort im CD-Regal des Vergessens einsortiert. Manchmal triff es auch Alben, die immer am CD Spieler liegen müssten. Wie die Foals Alben zum Beispiel oder alle St. Etienne Platten, die ersten beiden Oasis, alle Interpol oder alle Bettie Serveert Veröffentlichungen. Ui, der Stapel wird ganz schön hoch!
Nein, der ausgewiesene Foals Experte bin ich wahrlich nicht, und so ist auch dieser Abend wie so viele andere Konzertabende. Ich werde mich von den Songs überraschen lassen. Ich werde heimlich grinsen, wenn ich bekanntes wiederhöre, und heimlich neugierig schauen, wenn ich scheinbar unbekanntes ausmache.
Trotz der ein oder anderen Überraschung war es letzten Endes doch ein vertrauter Abend, die Unbekanntheitsdichte blieb im unteren Level.

„Street fighting years“ begrüßte uns, als wir die Live Music Hall betraten. Dieser alte Albumschinken, der vor 21 Jahren veröffentlicht wurde, und den ich seit genauso vielen Jahren nicht mehr gehört habe, passt erschreckend gut in die heutige Zeit. An solchen kleinen Sequenzen fällt mir immer wieder auf, wie viel endachtziger Geist doch in der heutigen Musik liegt. Nicht dass jetzt die Foals oder The Invisible wie die Simple Minds klingen würden, das natürlich nicht. The Invisible klingen nach Living Colour.
Oh die Simple Minds, auf jeder Mixkassette könnte man die Schotten gut unterbringen. Zwischen Editors Terminatormusik und Crystle Castles „Not in love“ zum Beispiel. Und obendrauf noch U2’s „Twilight“. Übrigens auch ein sehr zeitgemäßes Album, die „Boy“ Platte. Ich hörte sie letztens nach ganz vielen Jahren mal wieder und sie erschien mir so erfrischend modern, dass ich mich regelrecht erschrocken habe. Herrje, diese Kulturenwiederkehr ist schon eine lustige Sache.

„Ihr müsst alle tanzen, bitte.“ Dieser höflichen Aufforderung des Invisible Sängers sollte die Live Music hall im Laufe des Abends noch öfters nachkommen. The Invisible sind eine Band aus London, die sich vor guten drei Jahren rund um den Jazzmusiker Dave Okumu gebildet hat. Die Jazz und Fusion Einflüsse sind hörbar, ansonsten liegt der Invisible Sound zwischen den Koordinaten TV on the Radio, Bloc Party oder Hot Chip. Oder eben Living Color.
Leider, leider war der Sound zu beginn ihres Sets so dermaßen miserabel, dass wir außer dröhnen kaum Gesang oder anderes heraushören konnten. Doch das andere war das spannende. The Invisible haben feine Gitarrenlinien (tolles Wort, hab ich letztens gelesen) und schafften es gekonnt, in einem ihrer Songs ein Queen-Sample („Another one bites the dust“) zu verbraten, ohne peinlich zu wirken.
Ich muss der Band eine zweite Chance geben.
Zur letzten Foals Zugabe sahen wir die drei Kollegen wieder. Ich sah sie schon einige Minuten länger, denn sie tanzten schon während des letzten Drittels des Konzertes ausgelassen am Bühnenrand. Auf der Bühne sollten sie dem finalen „Two steps, twice“ die nötige Instrumentendichte geben. Und Gesang, den Yannis Philippakis hatte sich zum zweiten Mal zum Stagediving verabredet. Vorher erklomm er bereits den linken Boxenturm, eine Aktion, die nicht für Höhenängstler geeignet ist. An singen war da nicht zu denken.
Es war also eine wilde Veranstaltung, wie?
Nun ja, nicht wirklich. Zwar begannen die Foals furios und endeten wild, dazwischen spielten sie aber auch zwei, drei Songs, mit denen sie locker 20 Minuten füllten..
Das war der Moment der Foals des zweiten Albums. Mit weniger Tanzbeat und mehr Experimentierraum in den leisen Tönen spielten die Engländer “After glow“, 2 trees“ und „What remains“.
Da ich dem musikalischen Werk der Foals hinterherhinke, überraschte mich diese Sequenz.
Diese Verkatert- und Abstraktheit in den neuen Stücken war mir so klar nicht. Weil sie live noch komplizierter und spannender klangen, gefielen mir diese Stücke um einiges besser als die 2008er Songs. Ich muss daheim definitiv noch was nacharbeiten und meinen angestaubten Foals Blick minimal nachjustieren.
Rein optisch dagegen hat sich nicht viel getan. Nach wie vor sieht es gut aus, wenn sich Philippakis und Jimmy Smith standhaft weigern, die Gitarre ordentlich vor den Unterleib zu schnallen und sie stattdessen unter dem Kinn spielen. Und in diesen eher gemächlichen Augenblicken ist die Verweigerungshaltung sehr hoch.
Die drei Songs bildeten den Mittelblock des Konzertes; Zeit zum durchschnaufen, zum runterkühlen. Das war bitter nötig, den das Foal’sche Anfangstempo mit „Cassius“, „Ballons“ „Olympic airwaves“ war sportlich, und das Abschlussduo („Red socks pugie“, „Electric bloom“) stand dem in nichts nach.
Oh ja, das waren die Foals, die ich kannte. Das war das Konzert, das ich erwartet hatte. Rasch war die zugige Winterluft aus der Halle entflogen und es wurde angenehm mollig warm. Die im Winter gerne genutzte Anziehvariante „Zwiebelprinzip“ zahlte sich jetzt aus. Immer mehr Pullover und Jacken wurden am Hallenrand deponiert, sofern sie nicht vorher an der Garderobe abgegeben wurde. Lustig zu beobachten, dass nahezu die gesamte Live Music Hall dem Dresscode der Band unterworfen hat. Seltener sah eine Band so aus wie ihr Publikum, seltener war das Publikum so uniform unterwegs wie an diesem Abend. Der Markenglobalisierung sei Dank.
Nach knappen 90 Minuten sammelten die angeschwitzten Körper ihre Jacken und Pullis wieder ein. Die warme Luft war noch spürbar und es schien, als ob die Foal’sche Konzertwärme auch die Außenwelt auftaute. Wir mussten unsere Autoscheiben nicht freikratzen. Es war ein schöner Abend, der noch eine weitere Erkenntnis brachte: live klingt Yannis Philippakis noch stärker nach Robert Smith als auf CD.

Setlist:
01: Blue Blood
02: Olympic airwaves
03. Total life forever
04: Cassius
05. Balloons
06: Miami
07: What remains
08: After glow
09: 2 trees
10. Spanish Sahara
11: Red socks pugie
12: Electric bloom
Zugabe:
13: The French Open
14: Hummer
15: Two steps, twice

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Foals – Köln, 23.11.2008

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."