Ort: Stadtgarten, Köln
Vorband:
Colin Stetson. Ich habe ein Faible für diesen Mann, seit ich ihn vor ein paar Jahren auf dem Primavera Sound im Auditori gesehen habe. Colin Stetson spielt Basssaxophon, ein Instrument, das mir bis dahin relativ selten über den Weg lief. Aber was der Mann, der unter anderem auf den Arcade Fire von Neon Bible bis Reflektor mitgewirkt hat und auch auf Bon Ivers und Animal Collectives letztem Album zu hören ist, im Auditori mit diesem Instrument anstellte, ließ mich mit offenem Mund zurück. Wie schafft man es nur, nur durch Lungenkraft so irre und wilde und langanhaltende Töne mit einem Saxophon zu produzieren, ohne einen Lungenkollaps zu erleiden? Ich sollte mal einen Experten fragen, wie viel Lungenvolumen notwendig ist. Wenn ich mir diesen kleinen aber baumstarken Kerl so anschaue, vermute ich, eine ganze Menge. Ob das auch Jan Ulrich zu seinen besten Tagen geschafft hätte. (Mit ein bisschen Übung, versteht sich.) Immerhin kommen Tour de France Heroen ja auf 6 bis 8 Liter Lungenvolumen.

Eigentlich hatte ich vor, an diesem Tag Ride in der Brüsseler Botanique zu sehen. Aber als später die Konzertankündigung von Ex Eye bekanntgegeben wurde, fiel es mir nicht schwer, mein Ride Ticket zu verkaufen und den Brüssel Ausflug ad acta zu legen. Denn kann diese Band besser sein als 1992 im Kölner Wartesaal, wo sie mir ein gehöriges Pfeifen in die Ohren spielten, das noch ein paar Tage anhielt? Oder können sie mir nochmal mit „Leave them all behind“ ein paar Tränchen in die Augen treiben, wie sie es auf dem Primavera vor zwei Jahren machten? Ich denke im ersten Punt definitiv nein, beim zweiten bin ich mir nicht sicher. Aber Fakt ist, der Ride’sche Shoegaze reizt mich 2017 weniger als moderner, experimenteller Krach.

Ex Eye ist das Bandprojekt von Colin Stetson und Greg Fox und musikalisch einzuordnen als eine ‘experimenal Metal Band‘, wie es der Blog consequence of sound ausdrückt. Ohne dass ich vorher diesen Eintrag gelesen hatte, war das auch meine erste Assoziation, nachdem ich das Debütalbum Ex Eye im Stream gehört habe. Vier Songs oder 35 Minuten lang ist die Platte, im Stream gibt es mit „Tten crowns; the corrupter“ noch einen 12 Minüter obendrauf. Digital only bonus track, wie es neudeutsch so schön heißt. Und just die vier Songs des Albums spielen Ex Eye im kleinen Saal des Stadtgartens. Ich wusste nicht, dass es diesen Raum überhaupt existiert. Neben dem Hauptsaal ist dieser Raum ungefähr halb so groß; die Bühne ist ebenerdig, so dass man gar nicht von einer Bühne sprechen kann. Die Sitzreihen sind tribünenhaft angeordnet und nahezu voll besetzt. Ich schätze, dass 100 Leute anwesend sind.

Irgendwo aus dem nirgendwo der schweren Vorhänge taucht die Band plötzlich und unprätentiös auf. Es ist eine schräge Truppe, die sich hier versammelt hat. Der Moog Spieler Shahzad Ismaily, der abseits der Scheinwerfer in einer dunklen Ecke sitzt und mit seinen spindeldürren und langen Fingern die Keyboardtasten und Knöpfchen drückt und dreht, der Schlagzeuger Greg Fox, der mit manchmal sehr irrem Blick den Lärmorgien seiner Mitmusiker Struktur verleiht und im wahrsten Sinn des Wortes den Takt angibt, Gitarrist Toby Summer, bei dem, gemessen an seiner Körperstatur, die Gitarre wie ein Kinderspielzeug wirkt.
Ex Eye beginnen mit dem ersten Song von ihrem Albums Ex Eye. „Xenolith: The Anvil“ ist mit guten fünf Minuten der kürzeste Song, und dient vielleicht auch ein bisschen dem Einspielen und warm werden. Es ist laut, aber nicht zu laut und die Band braucht noch nicht einmal diese fünf Minuten, um mich zu packen.

Colin Stetson wechselt nach jedem Song sein Instrument. Er spielt also Basssaxophon bzw. Altsaxophon genau zwei Mal. Zwischen den Tracks macht er Dehnübungen an Händen und Armen, was in mir wieder die Frage hochkommen lässt, wie anstrengend das Spielen dieser Instrumente wohl sein mag. Ich möchte sie nicht nachmachen, ein Handwurzelbruch wäre mir sicher. Der Saxophonist spielt hier nicht bloß das Begleitinstrument, Colin Stetson steht neben Gitarre und Schlagzeug voll in der Bütt, bestimmt die Tracks mit seinem Instrument maßgeblich: wie wild pustet und pustet er in sein Instrument. Manchmal schreit Stetson auch parallel dazu in sein Saxophon, was dann wie ein Röhren klingt. Ich frage mich nur kurz, wie das geht: pusten und schreien gleichzeitig. In der Hauptsache bin ich tief beeindruckt.
Nach „Xenolith: The Anvil“ folgen „Opposition/Perihelion: The Coil“ sowie „Anaitis Hymnal: The Arkose Disc“ und mit ihnen über eine halbe Stunde Wall of sound. Die einzelnen Instrumente verwischen zu einem einzigen Lärmklumpen, aus dem ich oftmals nur das Schlagzeug bewusst heraushöre. Das Keyboard höre ich bis auf ein kleines Interludium im zweiten Track überhaupt nicht. Und doch sind es die leiseren Momente, die mir im Gedächtnis bleiben. Dieses 1980er Jahre Blade Runner Soundtrack Geräusch, wenn Greg Fox mit seinem Drumstick am Rand des Beckens kratzt und schabt. Wie metallig kühl das klingt! Oder das beidhändige Zupfen von Toby Summer an den Gitarrensaiten.

Im letzten Song „From the constant; The grid“ bleibt Platz für ein paar Soli. Endlich höre ich die Keyboards einmal, richtet sich mein Augenmerk auf den Schattenmann Shahzad Ismaily. Das Schlagzeugsolo braucht indes kein Mensch. Auch nicht bei Ex Eye. Bei den Instrumentensoli kommt kurz der Jazzansatz in der Musik von Ex Eye durch. Ex Eye sind avantgardistisch, sie klingen nach Post-Metal und Black Metal und scheinbar manchmal auch nach Jazz. Aber kann ich das überhaupt noch Jazz nennen? Ist es nicht gleichzeitig alles und nichts zusammen?

Nach einer Stunde ist Schluss mit Krach, der mich, wenn man das Saxophon gegen zwei Gitarren eintauschen würde, phasenweise an Mogwai erinnert. Irgendwie reicht es dann auch, ich merkte schon, wie in den letzten Minuten die Konzentration bei mir ein bisschen nachließ. Es ist nicht unanstrengend, dieser Musik zuzuhören. Draußen fragen wir uns, wann man das Album wohl hören würde. Sicher nicht beim Autofahren, sicher nicht sonntags auf dem Sofa. Ex Eye machen keine Alltagsmusik.

Wow, was für ein Konzert!

Kontextkonzerte:
Colin Stetson – Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05.2014

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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