| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband:

Dinosaur Jr. - Lou BarlowEs war eine anstrengende Woche. Arbeitstechnisch lag viel an, die Konzerte der letzten Tage lagen mir noch in den Beinen und auch sonst zeigte sich die obligatorische Herbstmüdigkeit. Aber zum Dinosaur Jr. musste und wollte ich mich aufraffen. Nützt ja nüschts. Auch wenn die Bahn durch Schienenersatzverkehr unmöglich zu nehmen ist, und ich so eine halbe Stunde in der Umgebung der Live Music Hall einen Parkplatz suchen musste, beides ließ mich nicht wirklich davon abhalten, das hier durchzuziehen.
Ein Parkplatz ward gefunden, die Vorband beim letzten Ton des letzten Songs, als ich die Halle betrat. Voll, mein erster Eindruck. Vorne aber leer, mein zweiter. Also galt es, sich von der Menschenlaib-Blockade auf Höhe des Mischpultes nicht abschrecken zu lassen, und zielstrebig bis in Reihe zwei vorzugehen. Nicht drängeln. Drängeln wäre unhöflich, sich einen freien Platz nehmen, nicht. Und vorne war Platz, hier blieb es auch während des Konzertes angenehm luftig.
Die Voraussetzungen waren also gut. Die Umbaupause verging zügig. Haben sie jetzt vergessen, dass Schlagzeug im Hintergrund abzubauen? Als alles soweit vorbereitet war und der Umbau fertig schien, stand hinter dem Dinosaur Schlagzeug immer noch das Schlagzeug der Vorband im hinteren Teil der Bühne. Ganz sah es so aus, als ob Dinosaur Jr. mit zwei Schlagzeugern antreten wollten. Um kurz nach neun Uhr schlichen nur die üblichen Verdächtigen J Mascis, Lou Barlow und Murph auf die Bühne. Das zweite Schlagzeug blieb unbenutzt im Rücken von Murph. Aha, soso. Kommentarlos begann die Band mit „Thumb“. Ich musste zum ersten Mal an das Primavera denken, als sie auch mit einem alten Welthit in das Konzert starteten. Seinerzeit war es „The lung“.

Ich sehe einen typischer Dinosaur Jr. Auftritt. Lou Barlow lebt die Musik mit vollem Körpereinsatz, während J Masics nur leicht den Oberkörper hin und her dreht. Ruhig steht er vor seinen Amps, er sieht ein bisschen müde und bedröppelt aus. Ruhig stimmt er zwischen den Songs seine Gitarre nach, um dann im nächsten Augenblick die schönsten Verzerrungen aus dem Instrument zu schütteln. Das Pedalbrett vor ihm ist riesig und mit allerlei Kippschaltern und Knöpfen besetzt. Daneben liegt die Setlist, die Songs stehen dort in riesengroßen Buchstaben. Ohne Brille sieht J Mascis nicht so gut,  die einzige Gemeinsamkeit, die ich mit einem der besten Gitarristen der Welt teile.

Ein Dinosaur Jr. Konzert ist Männersache. Graumelierte Herren sind eindeutig in der Überzahl. Menschen, die mit Gitarrenmusik aus der Prä-Grunge Ära sozialisiert wurden. Ob es darüber hinaus noch jemanden gibt, der auf ein neues Album von Dinosaur Jr.? Ich möchte das anzweifeln.

Das Set hat starke Ähnlichkeiten mit dem des Primavera. Ein weiteres Mal musste ich im Verlauf des Konzertes an das Frühjahr denken, denn iIm Programm sind größtenteils die gleichen Songs. Jedoch nur größtenteils, denn leider fehlt in Köln „Just like heaven“. Auf das Doppel mit „Freak Scene“, so wie sie es in Barcelona gespielt hatten, freute ich mich im Vorfeld besonders.  Doch „Just like heaven“ fiel aus, rund um „Freak Scene“ spielten sie „I walk for miles“ und „Gargoyle“. Auch nicht schlecht, anders hätte ich es jedoch besser gefunden.
Die ersten Songs sind durch und das zweite Schlagzeug steht immer noch unbenutzt auf der Bühne. Aber vergessen zu haben, es abzubauen, klingt nicht nur unwahrscheinlich, ist es auch.  Vor „The wagon“ kommt plötzlich Bewegung in die Szenerie. Nachdem sich Lou Barlow die Strümpfe ausgezogen hatte, seine Schuhe ließ er direkt in der Kabine, kamen zwei weitere Musiker auf die Bühne. Einer schnallte sich eine Gitarre um, der andere setzte sich hinter das freie Schlagzeug. „The wagon“ wurde mit zwei Gitarren und zwei Schlagzeugen gespielt.

Aber nicht nur auf der Bühne passierte viel bei „The wagon“. Auch in mir brodelte es. Der Hit vom Album Green Mind war seinerzeit eines meiner absoluten Lieblingslieder. Während die Band es auf der Bühne spielte, musste ich mehr als nur innerlich grinsen. Glücksbeseelt schloss ich ab und an die Augen, erinnerte mich an das Jahr 1991 und an die Zeit, in der ich Green Mind nahezu täglich auf der Fahrt zu meiner Ausbildungsstelle nach Dülmen hörte. An die langgezogenen Kurven der Landstraße, an diese eine Nervampel, vor der ich immer minutenlang warten musste. Das Auto meiner Mutter, das ich zu dieser Zeit nutzte, hatte einen CD Spieler und Green Mind lag irgendwie immer auf dem Beifahrersitz. Neben „The wagon“ waren „Water“, „Muck“, Thumb“ meine Lieblinge, die ich vornehmlich auf der Rückfahrt anskippte. Aber der erste Song des Albums war der Beste! Schöne Erinnerungen, ein Vierteljahrhundert liegt all das zurück.

Eine lange Zeit, in der Dinosaur Jr. eine Menge neuer Songs veröffentlich haben. Erst ohne Lou Barlow und Murph, seit Mitte der 2000er Jahre dann wieder in Originalbesetzung. Dass sich die Bandmitglieder nie so recht mochten, ist bekannt. J Masics wollte immer alles machen und konnte alles besser, so heißt es. Murph konnte nicht gut genug Schlagzeug spielen, Lou Barlow sang nicht richtig. Folglich gab es immer Zwist. Auf Bug sang Barlow seinerzeit das letzte Mal. Lustigerweise heißt dieser Song „Don’t“ und die Textzeile, die Lou Barlow singt ‘Why don’t you like me‘. Er verließ zuerst die Band, Murph folgte etwas später. Aber das sind alte Geschichten.

Auf der Bühne ging es nach „The wagon“ mit „Watch the corners“ und „Tiny“ weiter. Zwei aktuellere Sachen. Währenddessen wird das hinten stehende Schlagzeug in aller Ruhe abgebaut.  Das sieht man auch nicht oft. Einmal kam gar der Bandmitarbeiter , der gerade noch das Schlagzeug gespielt hatte, nach vorne, holte eine Schutzhülle, die neben Barlow’s Boxenturm lehnte, verstaute darin die Hi-hats und ging wieder nach hinten und schraubte weiter. Und die Herren vorne spielten dazu den Soundtrack. Das war so herrlich unglamourös.

Das Konzert trödelte sich ein. Nach der ersten Euphorie schleichen die ersten zum Bier holen, J Masics nimmt sich gefühlt immer mehr Zeit zum Gitarre stimmen. Dinosaur Jr. Konzerte haben abseits der Songs keinen Zug, hatten sie noch nie. Darüber hinaus passiert auf der Bühne nichts. Lou Barlow, agil wie eh und je, zupft den Bass meist am Instrumentenhals, Murph steht zwei-, dreimal von seinem Schlagzeughocker auf, um sich die Brille an seinem T-Shirt zu putzen. J Masics wird zu „Knocked around“ der Songtext hingelegt, drei DIN A3 Blätter lang. Tja, es zählt nur die Musik. Das Publikum reagiert reserviert. Verhalten, oder, so klingt es besser, ehrfürchtig ist der Applaus.

Gemütlich und unscheinbar schlichen die drei auf die Bühne, gemütlich und unscheinbar verlassen sie sie nach guten 90 Minuten wieder. ‘Thanks for coming around.‘ Mehr ist aus J Masics nicht herauszubekommen. Nach 17 Songs gibt es noch eine Zugabe, gespielt werden zwei Publikumswünsche. Dann sind sie weg. Unprätentiös und sehr sympathisch.
Unvorstellbar, diese Band nicht zu mögen!

Kontextkonzert:
Dinosaur Jr. – Primavera Sound Festival Barcelona, 03.06.2016
Dinosaur Jr. – Primavera Sound Festival Barcelona, 23.05.2013
Dinosaur Jr – Düsseldorf, 17.09.2009 / zakk

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."