Ort: Lotto Arena, Antwerpen
Vorband: Faces on TV

Es ist kalt in Antwerpen, Schneeflocken treffen mein Gesicht. Die Fahrt nach Belgien war bis dahin angenehm, nur jetzt, kurz bevor ich den Autobahnring um die belgische Stadt erreiche, setzt Schneefall ein.
Die Lotto Arena ist ein hässlicher Bau. Allerdings verkehrsgünstig gelegen direkt am Stadtring. Oder soll ich sagen, darunter. Wie hineingepfercht zwischen achtspuriger, sternenförmiger Kreuzungsanlage auf der einen, den Antwerpener Sportpalast auf der anderen und eben dem Autobahnstadtring quetscht sich die 8000 Leute fassende Betonarena in die Stadtrandlandschaft. Hier ist nichts schön, nichts, das zum Verweilen einlädt. Erst recht nicht bei nieseligem Schneefall. Das Grau des Tages wirkt so noch ein bisschen grauer.

In Belgien gibt es viele dieser 1960er Jahre Betonbauten, auf den ersten Blick scheint die Lotto Arena dazuzugehören. Brutalismus nennt man diese Art von Baustil. Groß, wuchtig, klobig. Ein sehr treffender Name, wie ich finde. Der zweite Blick aus dem Innenraum des Bauwerks bestätigt meinen Eindruck. Das Foyer ist eng und zugig, das Treppenhaus nicht architektonisch zeitgemäß. Die Stufen sind schmal und überall hängen große Lottokugeln in der Gegend. Der Hauptsponsor gibt sich auf einfache Art und Weise omnipräsent. 45, 17, 3, dies die Lottokugelzahlen, die mich auf den Weg nach ganz oben begleiten. Ja, die Halle muss älter sein, denke ich, als ich meinen Platz – einen ausgebleichten, hellblauen Gummischalensitz – oben in der Halle suche. Der Blick von hier geht in Ordnung, ich bin zwar weiter von der Bühne weg als gewohnt, aber ich bin immerhin in der Halle. Nur gemütlich ist es nicht so richtig.
Es war schwer, ein Ticket für das dEUS Konzert zu bekommen. Für dieses besondere dEUS Konzert, sollte ich sagen. Denn es war das letzte Konzert mit dem langjährigen Gitarristen Mauro Pawlowski. Seine Abschiedsvorstellung, die die Band an diesem Abend feiern sollte. Als Mauro Pawlowski im Herbst letzten Jahres seinen Abschied von dEUS bekanntgab, um sich mehr um andere Dinge als um Rockmusik kümmern zu können, wie er von einem Internetmagazin zitiert wird, und dieses Abschiedskonzert angekündigt wurde, war der Abend ruckzuck ausverkauft. Am Tag des Vorverkaufbeginns hatte ich Glück, überhaupt ein Ticket zu ergattern. Ich steh‘ überhaupt nicht auf sitzen, aber die Karten für den Innenraum waren zu schnell vergriffen und das Ticketsystem spuckte nur noch Plätze in der letzten Sitzreihe der Lottoarena aus, als ich im Internet bestellte. Und besser sitzen als draußen stehen. So könnte ich sagen. Ja, in Belgien ist dEUS immer noch eine große Marke und in Antwerpen, wo die Band beheimatet ist, selbstverständlich noch mehr.

Weite Strecken erfordern eine rechtzeitige Anreise. Es kann unterwegs viel passieren und nichts ist überdies elender, als irgendwo am in dunklen Strassen verzweifelt einen Parkplatz suchen zu müssen, nur weil man etwas zu spät vor Ort war und alle ausgewiesenen Parkplätze schon futsch sind. Da jedoch alles gut klappte, stand ich viel zu früh vor der noch geschlossenen Arena. Front rowers delight, aber als Sitzplatzkarteninhaber nicht zwingend erforderlich, sich hier die Füße in den Bauch zu stehen. Also noch kurz in die Stadt und dann später wieder zurück. Dank kombiniertem Konzert-/ U-Bahnticket ist das kein Problem.
Meine Stimmung war vorfreudig hoch! dEUS Konzerte sind zwar sehr berechenbar, was die Songauswahl angeht, aber immer qualitativ hochwertig. Was mag der Abend bringen? Vielleicht doch etwas Besonderes? Denn auf irgendeine Art und Weise ist es ein besonderes Konzert, schließlich sollte dies der letzte Auftritt in der bekannten dEUS Konstellation sein. Das letzte Konzert von Musikern, die in dieser Besetzung nach dem großen Bandkrach und dem Austritt dreier Bandmitglieder Anfang der 2000er Jahre mit Pocket revolution, Vantage Point, Keep you close und Following Sea vier Alben produziert haben. Seinerzeit stießen neben Pawlowski auch Alan Gevaert und Stephane Misseghers zur Band dEUS, von der nur noch Tom Barman und Klaas Janzoons übrig waren.
Die Bühne steht rechts von mir und sie passt sich dem Charme der halligen Halle an. Nackt, ohne Seitenverkleidungen ist sie als Quadrat dort aufgebaut. Zum Innenraumtrennt sie ein 2 Meter breiter Graben, zu den Seiten ist sie völlig offen. Links und rechts stehen zwei Stahlgerüste für Scheinwerfer. Der Bühnendeko ist damit genüge getan. Es wirkt wenig einladend und der Sound ist schrecklich. Gerade hängt die Vorband Faces on TV in den letzten beiden Tracks und ich höre hier oben nur Bassgewummere. Kühles Ambiente, schlechter Sound, na das kann ja was geben.

Auch die letzten beiden Male sah ich dEUS im Sitzen. Allerdings soft elektrisch, wie die Akustiktour des vorletzten Jahres hieß. Damals waren es bewusst ruhig gehaltene Auftritte ohne wilde Gitarren und Lärm. In Oostende und in Gent waren es zwei wunderbare leise Konzerte mit bekannten Songs in einem etwas anderen Soundgewand. Wunderbar, sowas in der Art erwartete ich auch von diesem Abend, mit Ausnahme von leise. Soft-elektrisch war nicht mehr angesagt. An diesem Abend sollte es wieder lauter und vollinstrumentalisiert zu Rande gehen. Ganz so, wie dEUS Songs es benötigen.  So gesehen war sitzen eher suboptimal. Aber besser sitzen als draußen stehen.

Die Band begann mit „Slow“ und „Via“ und alles war wie immer. Nach anfänglichen Problemen fing sich der Sound und die Konzertposition ging in Ordnung. Tom Barman scheint von Sekunde 1 an spielwütig. Seine Ansagen wechseln satzweise vom Flämischen ins Englische und zurück.  Er wirkt aufgekratzt, ist in seinem Element. „The Architect“ und „Constant now“ folgen, die Band spielt gut. Bisher wirkt alles sehr bekannt und sehr wie immer. Ich frage mich, wie so ein Abschiedskonzert funktioniert. Wurde vielleicht Mauro Pawlowski gefragt, ‘ej Mann, was möchtest du nochmal spielen?‘ oder hat er andersrum vorgeschlagen ‘lass und doch noch einmal das und das Spielen.‘ Also ich würde das so machen wollen. Die Setlist ließ jedoch keine Besonderheit oder gar eine Wunschliste vermuten. dEUS spielten das, was sie eigentlich immer spielen. Das ist selbstverständlich gut, aber ohne Überraschung.
Überrascht wurden wir dann mit einem kleinen Abschiedsfilmchen. Eine heimlich gefilmte gestellte Begegnung mit einem belgischen Polizisten, der sich als dEUS Fan entpuppt, kombiniert mit einer Ausweisverwechslung und unterlegt mit Super-Mario, ähh Mauro Tönchen und Scorerpunkten. ‘How Rock’n’roll is Mauro?‘

‘You are the Brat Pitt of dEUS, right?!’ Haha, es war sehr amüsant. Da war es doch, das Besondere an diesem Abend. Das hob die Stimmung, und als im Anschluss „Instant street“ kam, war das dEUS Gefühl voll da. Die Halle tobte, es war faszinierend mitanzusehen, wie 8000n Menschen diesen Song feierten. So groß hatte ich dEUS bisher noch nicht erlebt.  Bababababababa, bababababa, schschschschschu, schschschschu. Ach, diesen grower kann ich einfach immer hören. Nächstes Highlight: „Little arithmetics“. Ähnliche grower-Konstellation wie bei „Instant street“, ähnlich großer Jubel.  Dass dazwischen mit „Girls keep drinking“, „Sirens“ von The following sea und „Smokers reflect“ die weniger wunderbaren Songs  eingebaut waren, egal.

Eine Zugabe mit “Bad timing” und “Suds and Soda” war irgendwie klar. Dieses grandiose Doppel bildet quasi den Standardschlussstrich unter einem dEUS Konzert. Aber Tom Barman Pfiff seine Kollegen nochmals zurück auf die Bühne. „Nothing really ends“. Passt ein Song besser hierhin als dieser?

‘Dieses hier sei ein Ende, aber nicht das Ende‘, höre ich den Frontmann ins Mikrofon sagen. Na, ich bin gespannt, ob es nochmal ein dEUS Album geben wird. Freuen würde ich mich sehr darüber!

Um 23 Uhr ist kehraus. Draußen ist es nicht mehr so klat. Der Schnee ist fast weg. Die Lotto Arena ist erst 2007 erbaut worden, lese ich.
Es war gut, das Konzert gesehen zu haben.

Setlist:
01: Slow
02: Via
03: The Architect
04: Constant now
05: Instant Street
06: Fell off the floor, man
07: Girls keep drinking
08: Pocket Revolution
09: Sirens
10: Little Arithmetics
11: If you don’t get what you want
12: Quatre Mains
13: Smokers reflect
14: Serpentine
15: Sun Ra
16: Theme from Turnpike
17: Hotellounge (be the death of me)
18: Roses

Zugabe:
19: Bad timing
20: Suds & Soda
21: Nothing really ends

Kontextkonzert:
dEUS – Ostende, 12.12.2015
dEUS – PIAS Nites Festival Brüssel, 15.03.2014
dEUS – Köln, 28.11.2011  Live Music Hall
dEUS – Köln, 11.10.2008  Live Music Hall
dEUS – Melt! Festival, 18.07.2008
dEUS – Köln, 14.04.2008  Kulturkirche Nippes

Multimedia:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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