Ort: Capitol Club, Düsseldorf
Vorband:
Irgendwann nach „Times Square“ und „Chinatown“ setzt sich Dan Bejar neben seinen Mikrofonständer auf den Boden. Es hat den Anschein, als benötige er eine kurze Pause. Hat jemand eine Picknickdecke dabei, dann könnte es noch gemütlicher werden. Während also der Destroyer Chef auf dem Boden sitzt, seinen Oberkörper auf den linken Arm abstützt, das linke Bein ausgestreckt und das rechte Bein angewinkelt hat, haben der Saxophonist und der Schlagzeuger der Band kurz was zu besprechen. Das Konzert ist zu diesem Zeitpunkt zur Hälfte vorbei, Destroyer spielten da schon mein Lieblingslied „Kaputt“ sowie viele neue Songs der aktuellen Platte Ken. Es läuft gut für die Band, das Publikum ist aufmerksam und latent tanzbereit. Die Musiker schöpfen aus ihrem Katalog der letzten drei Alben. Yachtrock, schöne, unverbindliche Melodien ohne Stress, Hektik und Aufregung. Musik für ein Picknick oder den ruhigen Sonntagabend. Musik, um die Entspanntheit des Wochenendes noch ein bisschen mit in den Montag zu nehmen.
Destroyer Konzerte – so wie ich sie kenne –  waren immer entspannte Angelegenheiten. An diesem Abend ist das nicht anders.  8 Schluffis stehen auf der Bühne und versuchen, in größtmöglicher Gelassenheit ein Konzert zu spielen. Geht mal was schief, nicht so schlimm, spielt mal der Keyboarder scherzhaft ein bisschen Applaus ‘vom Band‘ ein, lachen alle bis auf den Chef. An diesem Abend fiel es besonders auf: die Band gibt sich als Jungskollektiv, das gerne ein paar Späßchen untereinander und noch lieber über den Chef macht. Der Chef ist Dan Bejar, Musikertausendsassa, der auch schon mit The new Pornographers und Swan Lake zu tun hatte und das Album Ken nahezu im Alleingang zusammenbaute.

Der Capitol Club füllt sich nur langsam. Lange Zeit sieht es gar so aus, als ob der Saal in der alten Eisenbahnerhalle noch nicht einmal zur Hälfte gefüllt ist. Nun ja, es ist Sonntag, draußen ist Herbst und bei Abendkassenpreisen von 30 Euro geht man nicht gerne vor Tür, wenn man es nicht lange vorher geplant hat.
Ich hatte das lange vorher geplant, denn seitdem ich mich vor Jahren in „Kaputt“ verliebt habe, bin ich Destroyer Fan. Poison Season, das letzte Album, mag ich abgöttisch, die zwei oder drei Konzerte im Rahmen der Poison Season Tour, die ich sah, sog ich förmlich in mich hinein. Ich schwärmte noch tagelang von den Saxofon-Soli, verlor mich in den Destroyer’esken Keyboards und Soundteppichen, ließ mich von der Stimme von Dan Bejar beruhigen. Bei ihnen war nichts hibbelig, wirkte kein Keyboard überaffektiert. Stattdessen erklingt sanft das Saxophon und Destroyer erzeugen eine gewisse Grundruhe, die, so wie ich es erlebt habe, live nur ab und an durch ein paar Gitarrenfeedbacks oder sehr lautes Trompeten- und Saxophonspiel durchbrochen wird. Oh ja, Destroyer sind so etwas wie der Prototyp einer Indieband mit Erwachsenenmusik.

An diesem Abend spielen Destroyer zu acht. Trompete, Saxophon und Keyboard erwähnte ich schon, dazu kommen Gitarre (2x), Bass und Schlagzeug. Das ist die Live Standardbesetzung, so habe ich es auch aus dem Luxor und vom Le Guess who in Erinnerung.

„Times Square“ und „Chinatown“, die großen Hits von Poison Season, kommen im letzten Drittel  im Block, die allergrößten Hits von Poison Season („Bangkok“, „Forces from above“, „Dreamlover“) standen leider nicht auf der Setlist. Dafür gleich ein ganzer Schwung neuer Songs. Macht ja auch Sinn, wenn es gilt, die neue Platte mit einer Tour zu bewerben. Da ich das neue Album Ken qualitativ nicht schlechter als den Vorgänger Poison Season finde, stört mich das Fehlen der allergrößten Hits nicht. Destroyer haben mittlerweile ein so großes Repertoire an guten Songs, da können sie einfach nicht alle spielen.

Am Nachmittag schaute ich auf youtube das Video zu „A savage night at the opera“. Es ist mit einer Helmkamera aufgenommen und zeigt eine rasante Motorradfahrt über rote Ampeln und wider alle Verkehrsregeln durch die Innenstadt Vancouvers hin zu einem Park am Flußufer. Dort wartet Dan Bejar an einer Parkbank stehend und nimmt, die Motorradfahrerin, vermutlich seine Freundin, in den Arm. Diesen tollen Song vom Album Kaputt hatte ich völlig vergessen. Ich wünschte mir, „A savage night at the opera“ an diesem Abend auch live zu hören. Ich war sogar gewillt, den Titel vor der Zugabe hineinzurufen. Ein wagemutiger Gedanke, denn grundsätzlich mache ich so etwas nicht. Weiteres Nachdenken darüber blieb mir Gott sei Dank erspart, Destroyer kamen selbst die Idee, „A savage night at the opera“ als einzige Zugabe zu spielen. Ach, perfekt. Als letzten Song den Song zu hören, den ich mir am sehnlichsten herbeigewünscht habe, war das i-Tüpfelchen auf einen wunderschönen Abend.

Kontextkonzerte:
Destroyer -Primavera Sound Festival Barcelona, 02.06.2016
Destroyer – Köln, 14.11.2015 / Luxor
Destroyer – Le Guess Who? Festival Utrecht, 22.11.2015

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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