| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Nationale Toneel Gebouw; Koninklijke Schouwburg, Den Haag
Bands: Ghostpoet, Villagers, Phosphorescent, The Leisure Society, Savages, Warpaint

Crossing Border

Crossing Border is the festival where literature and music take central stage. Writers, poets, musicians, filmmakers and artists will reign in The Hague, Enschede and Antwerp.
Since Crossing Border’s inception it has sought to find a unique combination of literature with music and spoken word. Besides courting the biggest names from the international worlds of literature and music, we pay a lot of attention to (as yet) undiscovered artists. Crossing Border’s goal is to highlight new developments in literature and music and their interconnection with other arts.
The festival has evolved into one of the foremost international, interdisciplinary literature and music festivals in Europe with performances occurring simultaneously on several indoor stages. (http://crossingborder.nl)

Städtereisen ohne Konzert? Das geht nicht. Soweit ist es schon seit Jahren mit mir gekommen, dass ich im Frühjahr und im Herbst – also zur bevorzugten Kurztrip-Reisezeit – immer mal wieder Ausschau halte nach lohnenswerten Kurzurlauben jenseits der Grenzen.
In diesem Jahr traf es zum ersten Mal Den Haag. Die niederländische Stadt ist einer von drei Veranstaltungsorten des Crossing Border Festivals. Die Nordsee im Herbst und das bessere Bandprogramm im Vergleich zu den anderen beiden Städten Antwerpen und Enschede ließ sehr leicht die Wahl auf die Regierungssitzstadt in Nordseenähe fallen.
Warpaint, Savages, The Leisure Society, Phosphorescent, Villagers und Ghostpoet waren die Bands der Begierde, die Hauptanreiz Momente dabei natürlich Savages und Warpaint. Der Zeitplan wollte es so, dass die beiden Frauenbands am gleichen Abend nacheinander im kleineren „Nationale Toneel Gebouw“ spielen sollten. Der opulente Theatersaal der Koninklijke Schouwburg blieb im gewählten Line-Up nur den Villagers, die mit kleinem Orchester auftraten, vorbehalten. Aber wurscht, denn beide Konzertorte waren trotz ausverkauftem Festival zu jeder Zeit angenehm zu ertragen und auf’s optimalste vorbereitet.
Und so hörten wir am ersten Abend

  • den Rootsrock von Phosphorescent – ich hoffe, das nennt man so. Am Ende des Konzertes am ersten Abend fragten wir uns noch, wie man die Musikrichtung der amerikanischen Band wohl nennen mag. Im Vergleich zum gerade gesehenen fiel mir als Spontanreferenz nur Mercury Rev ein, wobei ich auch überhaupt nicht weiss, wie ihre Musik zu betiteln ist.
  • die an Massive Attack und The Streets erinnernden Tracks des Briten Obaro Ejimiwe a.k.a. Ghostpoet, der uns wunderbar in das Festival einführte. Ein sehr urbaner Mix aus HipHop, Dub, Elektronik und TripHop. So schön und so vertraut, dass er mir noch lange in den Ohren nachhallte.
  • die opulente Show der Villagers im Theatersaal. Mit Orchesteruntermalung und in bequemen Theatersesseln war die Stunde ein wunderbarer Genuss. Mag ich den Folkkram der Iren sonst eher weniger, an diesem Abend und an diesem Ort war der perfekte Platz dafür. Unser erstes Aufeinandertreffen in der Essigfabrik wurde damit endgültig überspielt. Seinerzeit gingen die Villagers als Grizzly Bear Vorband förmlich unter und ihr Auftritt aufgrund unwirscher Umstände völlig an mir vorbei. Aber im Theater, mit der angemessenen Stille und Konzentration entpuppte sich ihr Indiefolk als sehr kurzweilig.

Nachdem der Samstag erst der Stadt und dem Meer vorbehalten war, folgten die heimlichen Höhepunkte der Konzertreise. Nach seichtem Aufgalopp durch die Leisure Society – Nick Hemming und Christian Hardy unterhielten uns auf‘s köstlichste – stand der Ladies night nichts mehr im Wege.
Erst Savages, im Anschluss Warpaint. Jedes Haldern-eske Festival wäre dankbar für so eine Samstagabendkonstellation. In Den Haag füllten beide Bands zu gut zwei Dritteln den Konzertsaal. Es herrschte somit eine nicht so peinliche Leere wie am Vorabend, als Phosphorescent zum Schluss vor vielleicht noch 50 Leuten ihre Zugabe spielten, allerdings war ich doch überrascht, dass es nicht pickepacke voll war. Immerhin sind Savages eine ausgesprochen gute Liveband und Warpaint eine Band, die lange nicht mehr in Europa zu sehen war.
Savages Debütalbum Silence yourself mag ich sehr. Die Band um Jehnny Beth hat es dieses Jahr geschafft, zu einer meiner Lieblingsband zu werden. Songs wie „She will“, „Husband“ oder „Shut up“ sind nicht nur hervorragende Lauflieder, sie sind vor allem live wahre zeitlose Kracher, die ein Savageskonzert für jeden zu einer Pflichtveranstaltung werden lassen. Und wenn man sich denn von Jehnny Beth lösen kann, dann ist die Gitarristin Gemma Thompson mehr als ein halbes Auge wert. Sie treibt die Songs wild und laut voran und ist dabei doch so britisch stilsicher, wie man nur sein kann. Ach, Gemma Thompson ist toll. Und dieses Savages Konzert war es auch. Don’t let the fuckers get you down, diese sich immer wiederholende Textzeile des finalen „Fuckers“ ist definitiv Programm. Die Band macht mir den Anschein, als hätte sie diesen Satz mit Löffeln gefressen.

Von Warpaint erwartete ich nicht so viel. Zugegeben, die Songs des gefühlt Jahrzehnte zurückliegenden Albums The fool hatte ich ewig nicht mehr gehört. Bis auf das wunderbare „Undertow“ waren sie irgendwie verschwunden. „Composure“, „Bees“, oh Mann, ich habe sie gar nicht vermisst. Da ihr für Anfang November geplantes Kölner Konzert abgesagt wurde, wurden Warpaint ein Hauptgrund, um nach Den Haag zu fahren. Wie sehr habe ich ihre Auftritte vor 2 Jahren gemocht. Das kann, trotz vergessener Songs, nicht weg sein. Und richtig: die Überschwänglichkeit meiner letzten drei Warpaint Konzert zeigte sich auch an diesem Abend, in Ansätzen. Die Damen wirkten fahrig, müde. Hinzu kam, dass die neuen Stücke komplett anders sind, als die des ersten Albums. „Hi“ zum Beispiel, kommt komplett ohne Gitarren aus und erinnert an Au Revoir Simone. Das schien nicht nur mir gewöhnungsbedürftig, im Laufe des Auftritts leerte sich der Saal augenscheinlich. Das eh schon reservierte Publikum wurde zunehmend unaufmerksamer und so kam sicherlich eins zum andern und führte dazu, dass es in der Summe nicht das ganz große Konzert wurde.
Auf die neue Platte freue ich mich nichtsdestotrotz schon sehr, mögen die neuen Songs zwar gewöhnungsbedürftig sein – soweit ich das aus dem ersten Liveeindruck heraushören konnte – , schlechter als die des letzten Albums hörte ich sie nicht.

Kontextkonzert:
Warpaint – Köln, 28.06.2011
Primavera Sound 2011 – Barcelona, 28.05.2011 (Warpaint)
Rolling Stone Weekender 2010 – Ostsee, 12.11.2010 (Warpaint)
Primavera Sound Festival 2013 – Barcelona 20.05.2013 (Savages)
Grizzly Bear – Köln, 02.11.2012 (Villagers)
The National – Köln, 17.11.2010 (Phosphorescent)

Bands am Freitag:

Ghostpoet

Bands am Samstag:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."