Ort: Stadtgarten, Köln
Vorband: Sophia Knapp

Bill Callahan

Wir können nicht mehr stehen. Am Ende des Abends im Kölner Stadtgarten erblicke ich einige Besucher, die sich gymnastischen Dehnübungen hingeben. Die Rücken sind verspannt. Schon während des zweistündigen Bill Callahan Konzertes kapitulierte der eine oder andere und musste abtauchen, rausgehen, sich strecken.
Mensch, da kam aber auch alles zusammen: ein volles Haus, viel verbrauchte warme Luft und obendrauf diese ruhigen, zum still stehen aufmunternde Musik von der Bühne.
Dort oben stehen drei Mann. Wobei, stehen ist übertrieben. Nur Bill Callahan, in einen weiß / cremefarbenen Anzug gekleidet, verschmähte eine Sitzgelegenheit. Sowohl Schlagzeuger Neil Morgan – aber von Schlagzeugern kann man das erwarten – als auch Gitarrist Matt Kinsey hatten es vorgezogen, en Abend sitzend zu verbringen. Und ich könnte schwören, manch einer im Saal hätte liebend gerne mit ihnen getauscht.
Zusammen spielten sie an diesem Abend ihr erstes Deutschlandkonzert der aktuellen Tour. Und sie spielten es grandios.
Auf dem Weg zum Stadtgarten hatte ich ziemlich gute Ideen darüber, was mich erwarten sollte. Das Publikum setzte ich mir aus den üblichen Verdächtigen und Menschen meines Alters zusammen. Ein wenig überrascht war ich jedoch, als ich das ausverkauft Schild an der Tür des Stadtgartens erblickte. Mit so viel Andrang hatte ich nicht gerechnet, aber Musiker wie Callahan haben sich eben in den Jahren eine treue Fangemeinde erspielt. „Nächste Woche hat Bob Dylan seinen 70sten. Da könnten wir eigentlich was machen. Seine Platten hören oder so.“ Sympathisches und unaufgeregtes Kennerpublikum, so hatte ich es mir vorgestellt.
Neben allen Callahan und Dylan Veröffentlichungen kannten sie bestimmt auch alles von Smog, Low oder Lambchop.
Ich dagegen bin Callahan Newbie. Sein aktuelles Album „Apocalypse“ ist mein erstes, die beiden vorherigen, die er unter seinem Namen veröffentlichte, kenne ich genauso wenig wie all den ganzen Smog Kram. „Apocalypse“ ist toll, die Spärlichkeit der sieben Songs und Callahans ruhige, monotone Stimmer sehr faszinierend. Dieses, bis auf „America!“, leise Album, ist ein wunderschönes Album.
Und wie das Album, so das Konzert. Leise, ruhig, wunderschön.
„There’s a grocery on the other side of the road. I recommend it. It’s bio.” Nach drei Songs oder zwanzig Minuten war dieser alles aussagende Satz das erste nicht musikalische Lebenszeichen der Band. Zu diesem Zeitpunkt war der drei Mal aufbrausende Applaus dreimal lauter als die Musik.
Oh ja, es war eines dieser Konzerte, bei denen man vom Nebenmann böse angeschaut wurde, wenn man sich in den Songpausen nach dem Applaus mit seinem Kumpel kurz austauschte. „Hör mal, willst du das ganze Konzert über quatschen, dann geh doch raus.“ Tja, die Wahrnehmungen verschieben sich manchmal, aber zu seiner Beruhigung war es danach still. Bei so großartigen Songs wie „Riding for the feeling“ verschlägt es jedoch jedem die Sprache.
Nach einer halben Stunde hängen alle an Callahans Lippen, starren wie paralysiert auf die Bühne und lassen sich durch nichts und niemanden ablenken. Nicht vom surren der Lüftungsanlage, nicht durch das zarte Klimpern der Bierflaschen und schon gar nicht vom schmerzenden Rücken.

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Hope Sandoval – Köln, 03.11.2009

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. gut, dass du ihn nun in den kreis deiner „bekannten“ einordnen kannst. und hole ruhig auch in sachen discography auf, es lohnt! sehr! mein konzert mit callahan zähle ich ebenfalls zu den größten momenten in sachen persönlich erlebter livedarbietung.

    1. Na wenn du mir so stark ans Herz legst, werde ich das tun, Eike!

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