| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Frankfurter Hof, Mainz
Vorband:

Benjamin Biolay

Der Mittwochabend begann 24 Stunden zuvor. Ich saß gerade am Tisch als ich die Tageszeitung aufschlug und im beigefügten Magazin las, das Benjamin Biolay an diesem Abend in der Bonner Harmonie spielt. „Mist“, sagte ich, „hätte ich das eher gewusst wäre ich hingefahren.“ Es war bereits gegen 20 Uhr und somit viel zu spät, um noch zeitig die 30 km nach Bonn zurücklegen zu können. Das war schon sehr ärgerlich, diesen Termin nicht gekannt zu haben, denn all diese französischen Nouvelle Chanson Künstler machen sich in Deutschland sehr rar. Benjamin Biolay hat seit Jahren nicht mehr in Deutschland live gespielt, Dominique A. ist ebenso wenig oft zu sehen und für alle anderen gilt das ähnlich.
In Köln hat man da noch das Glück, dass die fleißigen Leute vom Le Pop Team ein-, zweimal im Jahr ihre Konzerte veranstalten und in diesem Rahmen die französischen Stars in den Stadtgarten oder ähnliche Orte locken können. Aber das ich jetzt gerade Benjamin Biolay verpasst habe, sehr ärgerlich.
Doch zurück zur Zeitungslektüre und dem Dienstagabend. Ich hatte gerade ausgelesen, als eine sms eintrudelte. „Hattest du gewusst das Benjamin heute in Bonn spielt?“ so die kurze Frage. Ich antwortete mit „ja, aber erst seit 10 Minuten.“ Im Gegenzug kam: „Morgen spielt er in Mainz“. Da war mir klar, wohin diese Konversation führen wird. In Gedanken sah ich mich schon im Auto nach Mainz sitzen. Die knappe Relativierung „Mainz ist weit.“ Wurde mit der Nachricht „180 km, es gibt noch Karten, sag was“ gekontert. Eine halbe Stunde später waren die Tickets ausgedruckt und 20 Stunden später saßen wir im Wagen nach Mainz.

Wer sich durch die Platten Benjamin Biolays hört wird merken, dass seine Musikstile stark wechseln. Pop, New Wave, Sprechgesang.
Einzig seine Texte handeln immer über das gleiche Thema: Die Menschen sind eher schlecht als gut und das Leben eine Anstrengung. Nicht ohne Grund heißt sein zweites Album „Negatif“, und Textzeilen lauten „Ich habe die Augen voller Blut, das ist ansteckend, geh weg“. (aus einer wüsten Internetrecherche). In Mainz kündigt er „Dans mon dos“ mit den Worten „This is a very mean song about a very mean person. But i like it.“ an. Das sagt vieles und „Dans mon dos“ ist ein trauriger Traum. Mir gefallen die getragenen, dunklen Songs von Biolay am besten. An diesem Abend spielte er neben „A l’origine“, „Le Cerfs volants“ auch „Rendez vous qui sait“. Das klingt stellenweise sehr nach The Smiths und so ist es nicht verwunderlich, dass wir In „Rendez vous qui sait“ einen kurzen Teil von „Heaven knows I’m miserable now“ hören.
In diesen Momenten kommt für mich eher zusammen, was zusammen passt, als in denen von „Dans le Merco Benz“. Das spielen sie sehr spacig, ibiza-esk keyboard-synthie-lastig. Oder im ersten Song „Profite“, der an diesem Abend sehr, sehr nach Schlager klingt. Es fehlte merklich die Vanessa Paradis Zweitstimme.
Das Konzert war so wie seine Platten. Stilwechsel ohne Ende. Es begann mit Schlagermusik und endete mit einem famos aufgespielten „A l’origine“. Dazwischen lagen Pop, Sprechgesang, The Smiths und Songs vom neuen Album „Vengeance“. Das erschien vor ein paar Monaten und die fünf Deutschlandkonzerte (sowie viele andere in Frankreich und Benelux im Laufe des Frühjahrs) sind die Tour dazu.
Nach den eher kleinen Clubs in Deutschland geht es also zurück in die französisch sprechenden Länder und zurück in die großen Hallen. Ja, in Frankreich und auch Belgien spielt Benjamin Biolay vor 20 bis 50facher Publikumsmenge. Eigentlich unvorstellbar. Warum will Benjamin Biolay in Deutschland niemand sehen? Ich versteh das nicht. Der Mann ist toll, sein Musikverständnis ist groß, sehr groß. Und er hat keine Bühnenallüren, kein „ach Gott ist der Laden klein, und nicht einmal voll; ich bin doch viel Größeres gewohnt“ Gehabe. Nein, nichts von dem. Nachdem er seine Anfangsnervosität abgelegt hatte, hatte der den Frankfurter Hof voll im Griff und wirkte dabei ausgesprochen sympathisch.
Die Band ist zu dritt. Schlagzeug und anderes Gerassel kommen aus der Konserve. Neben Biolay stehen noch ein Gitarrist / Bassist und ein Keyboarder auf der sehr großen Bühne. Alle drei wirken dort etwas verloren. Benjamin Biolay macht den Anschein, als wisse er in der ersten Viertelstunde nicht so recht, wohin. Am Ende der Songs achtet der Gitarrist links von ihm darauf, dass er seine Gitarre entstöpselt, wenn er sie ablegt. Zweimal prüft er das. Vor dem Mikrofon steht ein Notenständer. Die Texte scheinen noch nicht ganz zu sitzen (oder sind sie nur ein backup?). Ab und an linst Biolay auf die Zettel. Das stört jedoch keineswegs.
Also, ein Schlager zu Beginn, ein famoses „A l’origine“ zum Ende und dazwischen eine gute Mischung aus „Rose Kennedy“, „Négatif“, „A l’origine“, „La superbe“ und „Vengeance“. Aber „A l’origine“ war das beste und ein sehr guter Abschluss des regulären Sets. „A l’origine“ kommt rauh daher, wahrscheinlich liegt es an den Keyboardsounds, der lauten Gitarre und dem fehlendem Schlagzeug und der Harfe; Biolay beendet es auf dem Boden kniend mit wütend-verzweifeltem Geschrei und erinnerte mich ein bisschen an Falco‘s „Jeanny“.
Zu zwei Zugaben kamen die drei nochmal zurück, besser gesagt kamen sie zweimal für je einen Song. „Le Cerfs volants“ wurde auch live angefüttert mit einem Sample aus „The river of no return“ (sehr gelungen) und dass das Konzert beendende „Padam“ mit einem eingebauten „Clint Eastwood“ Gorillaz Cover Zwischenspiel im Mittelteil.
Nach schlanken 90 Minuten war der Abend um. C‘est ca. Schön war’s!
Mainz war eine Reise wert!

Setlist:
01: Profite
02: Aime mon amour
03: Chere inconue
04: La plage
05: Confetti
06: Night stop
07: Laisse aboyer les chiens
08: La superbe
09: Rendezvous qui sait
10: Mon amour m a baise
11: Heritage
12: Personne dans mon lit
13: Dans la Merco Benz
14: Jardin d’hiver
15: Danss mon dos
16: A l’origine
Zugabe:
17: Le Cerfs volants
18: Padam
(Es stand zwar auch „Blur“ auf der ausliegenden Setlist, aber “Out of time” haben sie leider nicht gespielt)

Kontextkonzerte:
Benjamin Biolay – Esch-Alzette, 22.05.2010

Multimedia:
flickr-Fotos

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."