| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband:

Beady Eye

Hier geht’s nur bedingt um Musik. Als Liam Gallagher kurz vor dem Konzert alleine auf die Bühne kommt, sich in  unnachahmlicher Art den ersten Reihen zuwendet und anschließend quasi den DJ höchstpersönlich von der Bühne schickt wird klar, warum und wegen wem die meisten Leute hier sind. Beady Eye scheinen egal, Liam Gallagher will gesehen werden. Auch von den beiden Mittvierziger Blondinen vor mir, die quasi ab jetzt in Dauerekstase verfallen. Liam forever, oh jemine, selten habe ich bei einem Konzert einer Band einen so großen Personenkult wahrgenommen.
Da ist es scheinbar vielen egal, dass Gem wie immer einen formidablen Job an der Gitarre abgibt und Andy Bell die Songs zusammenhält. Liam Gallagher ist da, schick im gerade geschnittenen Trenchcoat steht er tiefenentspannt auf der Bühne. Alles scheint gut.
Eine Vorgruppe gibt es nicht. Wir werden von einem DJ unterhalten, oder soll ich besser sagen, bei Laune gehalten, der mit Beatklassikern der 60er, 70er und 80er Jahre aufwartete. Die 90er Generation wird er sicherlich bewusst rausgelassen haben, oder raushalten müssen. Wie würde es denn kommen, wenn das Publikum Songs der Bluetones, Cast oder der wunderschönen Shed Seven mehr abfeiern würde als die Hauptband? Nicht gut, und so lauschen wir den Beatles, The Jam, den Who und anderen, denen man nicht Böse sein kann und muss, wenn sie umjubelt werden. Mein Highlight war nach einer guten Dreiviertelstunde die deutsche Beatles-Variante von „She loves you“. Ach, toll und wie immer in solchen Augenblicken (nicht nur Beady Eye machen das so, auch jedes Paul Weller und früher Oasis Konzerte begannen mit Beatmusik vom Band) wünsche ich mir sehnlichst ein Oldie-Beat-Musik Mixtape. Das macht die Wartedauer nicht kürzer, aber unterhaltsamer.

Über eine Stunde steht der Mann auf der Bühne legt Platten auf. Je weiter sich der große Uhrzeuger in Richtung halb dreht, der kleine Uhrzeiger hat die acht schon überschritten, umso lauter wird es. Und immer schön einen Song in den nächsten, Dauerbeschallung ohne Stille. Ein durchaus probates Mittel, um den Unmut über die Warterei im Publikum nicht hörbar werden zu lassen. Denn wer pünktlichst zum Einlass in der Live Music Hall war, der steht nun schon fats zwei Stunden vor der Bühne. Aber all das kennt man ja von den vergangenen Konzerten der Britpopgrößen. Nichts neues also.

„Flick of the finger“ zu Beginn setzte einen Maßstab, der hoch war. In diesen ersten Momenten, und mit dem vorher so typischen Gallagher Auftritt im Rücken, dachte ich, na, es wird doch ein überraschend guter Abend. Überraschend deswegen, weil ich das aktuelle Beady Eye Album BE eher schwach und den Vorgänger Different gear, still speeding nicht viel besser einschätze. Wenn ich gehässig wäre, würde ich beide als schlechte Oasis Kopien der 00er Jahre abtun; was schwer genug ist, umzusetzen. Aber das weder Noel Gallagher noch Beady Eye an Oasis heranreichen, muss ich wohl niemandem erzählen. Also Schluss mit den Vergleichen. Die werden eh bald unwichtig, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass sich die Gallaghers spätestens im nächsten Jahr wieder zusammenraufen werden und einige große Englandfestivals als Oasis bespielen. Zwar feiert Definitely maybe schon dieses Jahr 20en Geburtstag (was eine gute Gelegenheit gewesen wäre, ein paar Festivalkonzerte zu geben), aber (What‘s the story) Morning Glory ist ja auch kein schlechtes Live-Reunion-Geburtstags-Album.

Liam Gallagher macht während der 80 Minuten Konzert das, was er am besten kann: Am Bühnenrand rumstehen und mit unverzogener Mine ins Publikum starren. Ab und an malt er mit seinem rechten Arm imaginäre Kreise und Quadrate in die Luft. Das sieht lustig aus, aber Spaß scheint dieser Mann am heutigen Abend wenig zu haben. Zu routiniert, zu geschäftsmäßig erscheinen mir Beady Eye auf der Bühne. Gerade bei Liam Gallagher kann man sich zwar nicht sicher sein, Außenwirkung und innere Haltung gehen immer zusammen, aber an diesem Abend werde ich irgendwie den Eindruck nicht mehr los, dass Routine vorherrscht. Das Publikum ist ihm zu ruhig, der Sound ist mies, die Ohrhörer schlecht justiert. Irgendwas zu mosern hat er immer. Na, so ist er halt, der Liam. Aber an diesem Abend sehr extrem.

Doch hier und da gibt es Ausreißer: „Shine a light“ ist so einer, der wohl beste Beady Eye Song bisher. Die schönste Phase des Konzertes war „Cigarettes & Alcohol“ und das anschließende „Roller“. Da kam in der Live Music Hall die grösste Stimmung auf. Zusammen mit „Four letter word“, dem eher schwach vorgetragenen und voll verpuffenden „Wonderwall“ (warum danach das noch schwächere „The World’s not set in stone“ kam, bleibt ein Geheimnis) sind damit die erinnerungsträchtigen Momente aber auch schon schnell erzählen.

Der Rest plätscherte so dahin. Da merke ich, dass es Beady Eye doch ein bisschen an Substanz fehlt. Im Gegensatz zur Vorgängerband können mich Hits bei Beady Eye Konzerten nicht über die faden Minuten hinwegretten. „Soon come tomorrow“ oder „Iz Rite“ sind weit entfernt von guten Songs, „Second bite of the apple” erreicht live nicht annähernd Plattenform, von „Soul live“ ganz zu schweigen. So gegen Mitte des Konzertes war meine Anfangseuphorie etwas dahin. Das Konzert pendelte sich auf einem mässigen Niveau ein. Dem Publikum aber war es, wie gesagt, wurscht. Wer sich in den letzten 15 Jahren mit Oasis und den Nachfolgeorganisationen beschäftigt hat, der weiß eben, was man erwarten kann. Wenn es schlecht läuft, eben sowas wie an diesem Abend.
„Wigwam“ beendete dann ziemlich schnell das reguläre Set. Beady Eye haben da gerade mal eine gute Stunde gespielt.

„Dreaming of Some Space“, das rückwärtsgespielte „Start aknew“ überrückte die Stille nach dem regulären Set. Wie peinlich es auch wäre, nur wenig Applaus und wenig Zugabe Rufe hören zu müssen. Dann doch lieber diese Rückwärtsversion, die in der Live Music Hall verdammt nach einem Cat Power Song vom letzten Album klang. Sehr zügig kam die Band zurück. „Gimme shelter“ von den Stones blieb nach überschaubaren 70 Minuten die einzige Zugabe.

Nach dem Konzert läuft Sid Vicious „My way“ Version vom Band. Ich habe selten einen so passenden Song als Rausschmeißer gehört. Es war kein gutes Konzert, aber so richtig enttäuschend war es auch nicht.
Es war ein typisches Beady Eye respektive Gallagher Konzert. Alles so wie immer, möchte ich sagen.

„Wie könnt ihr über diese Band urteilen, wo ihr erst einen Song gehört habt. Überlegt doch, was für ein Talent in ihr steckt: Gem, Shamrock, Liam Gallagher, der beste Frontmann, den es je gab! Und Andy Bell, neben Jimmy Page wohl einer der besten Gitarristen. Wie könnte das eine schlechte Band sein?!“
(Alan McGee)

Stimmt. Irgendwie.

Setlist:
01: Flick of the Finger
02: Face the Crowd
03: Four Letter Word
04: Soul Love
05: Second bite of the Apple
06: Iz Rite
07: Shine a light
08: Wonderwall
09: The World’s not set in stone
10: I’m just saying
11: Soon come tomorrow
12: Cigarettes & Alcohol
13: The Roller
14: Start Anew
15: Bring the light
16: Wigwam
Zugabe:
17: Gimme Shelter

Kontextkonzerte:
Noel Gallagher’s High Flying Birds – Köln, 04.12.2011  Palladium
Beady Eye – Köln, 14.03.2011  E-Werk
Oasis – Zürich, 01.03.2009   so’ne Arena
Oasis – Düsseldorf, 04.02.2009  Philipshalle
Paul Weller – Köln, 18.05.2010  Live Music Hall
Paul Weller – Köln, 06.10.2008  E-Werk
Paul Weller – Washington DC, 13.09.2008  9:30 Club
Paul Weller – Köln, 18.09.2007  Theater am Tanzbrunnen

Fotos:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."