Ort: Gloria, Köln
Vorband: Justin Osborne
Ich probiere es einfach noch einmal. Auch wenn Konzerte der Band of Horses nicht besser werden können als damals in der Kulturkirche. Das ist ein Fakt, ein Gedanke, der für mich abgeschlossen und unverrückbar in Zement gegossen ist. Das Kulturkirchenkonzert der Band of Horses, mir läuft es jetzt noch eiskalt vor den Rücken herunter. Sie schenkten mir damals das Konzert meines Lebens!
Erst im letzten Jahr sah ich die Amis im Gloria. Damals wie heute kamen die Mannen für ein paar Gigs nach Deutschland. Damals wie heute schwebte das Kulturkirchenkonzert in meinem Kopf umher, als ich mich auf den Weg machte. Damals wie heute war ich mir sehr bewusst, besser werde ich sie nie mehr sehen. Und dennoch ging ich hin, und dennoch gehe ich auch dieses Mal hin. Bereut habe ich es vor einem Jahr nicht, die Band um Ben Bridwell lieferte ein fulminantes Rockkonzert mit vielen lauten und weniger ruhigen Tönen. Besser war es natürlich nicht, aber es war sehr gut. Und ein sehr gutes Konzert erwartete ich auch dieses Mal. Hatten sie vor einem Jahr eigentlich „Detlef Schrempf“ im Programm? Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube aber nicht. Vielleicht ist das auch gut so, denn nach der Kulturkirchenversion möchte ich das Stück live eigentlich nicht mehr hören. Es ist schöner, es so in Erinnerung zu behalten und die Erinnerung nicht durch eine weniger gelungene Livedarbietung verwässern zu lassen.

Ich schwelge in den Erinnerungen, ich wäge innerlich immer noch ab, ob es sich lohnt, ob es gut wird, ob es überhaupt Sinn macht, die Band of Horses nochmal zu sehen, als ich im Gloria folgenden Satz aufschnappe: ‘Und dann haben sie dieses eine Lied, „Hunger strike“. Ach ne, das war von Eddie Vedder und diesem, wie heißt er noch?‘
Ab diesem Augenblick bin ich abgelenkt. Chris Cornell, möchte ich sagen, und murmele es doch nur in mich hinein. Die Erläuterung der ganzen Geschichte um Temple of the dog würde alle überfordern. Soweit denke ich also nicht. Ich denke anderes. Ich denke, thematisch hat die Musik der Band of Horses ein bisschen was gemein mit der Schwermut der Soundgarden/Pearl Jam Zusammenarbeit. Oder gibt es da wirklich eine tiefere Verbindung, die ich nur nicht kenne? Wie sonst könnte man vermuten, dass „Hunger strike“ von Band of Horses sei. Ich google ein bisschen herum und tatsächlich, ich finde etwas: 2010 sang Ben Bridwell bei zumindest einem Konzert den Cornell Part von „Hunger strike“. Ist das der Grund zu denken, der Song sei von ihnen? Dass das passen könnte, ist zu verstehen und jeder, der sich die Melancholie in Bridwells toller Stimme in Erinnerung ruft, kann das simpel nachvollziehen. Ja, vielleicht kam der Gedankenklops so zustande.

Aber zurück ins Gloria.

Neben Ben Bridwell ist Ryan Monroe mit dabei. Das Gesicht kenne ich. Ansonsten scheinen sich die Band of Horses neu zusammengesetzt zu haben. Der Bassist war letztes Jahr noch nicht mit an Bord, an so einen Poser hätte ich mich erinnert. Tyler Ramsey fehlt. Das erkenne ich auch direkt.

Der Sänger der Band Susto macht das Vorprogramm. Akustikgitarrenrock der amerikanischen Art. In Bandbesetzung sind Susto Songs sicher nicht so weit weg von Nickelback, Live und anderen amerikanischen Rockradiobands. Ein Gedanke, der mich die ganze gute halbe Stunde über quält und nicht mehr loslässt. Akustisch ist das ganz nett mit einem nicht übertrieben Pathosgedöns, im Bandgefüge sicherlich, nun ja, anders. In der Mitte des einen Tacken zu langen Vorprogramms kommt Ben Bridwell zu einem Song auf die Bühne. Wie man das so macht unter Musikerbuddies. Aufgewertet wird der Vortrag dadurch nur bedingt. ‘Susto kämen im nächsten auf Tour nach Europa. So sei es zumindest geplant.‘ Der Sänger betreibt mächtig Eigenwerbung. Ich überlege, mir das anzuschauen.

Die Band of Horses bewegt sich am äußeren Rand meiner Country Akzeptanz. Songs wie „Marry Song“ gehen so gerade noch. Hört man den Southern Einfluss auf den ersten größeren Alben „Cease to begin“ (was ich mir übrigens zweimal kaufte – ich brauche eine bessere Buchführung über meine CDs) und „Infinite arms“ nicht so stark heraus, ist er auf Konzerten deutlich spürbar. Auch die alten Hitsingles „No one’s gonna love you“, „The funeral” oder „The great salt lake” sind live dem neuen Sound angepasst. So kommt „Is there a ghost” mit vier Gitarren und vielen Gesangsstimmen. Das klingt nicht schlechter als damals in der Kulturkirche, nur anders. Letztes Jahr überrumpelten sie mich noch mit diesem Sound, heuer bin ich darauf vorbereitet. Rechne auch mit mehrstimmigem Country-esken Gesängen, das rufe ich mir vor Konzertbeginn nochmals ins Gedächtnis. Ich kenne Why are you ok (bester Albumtitel der letzten Saison) nicht, aber im Internet steht, dass die Band mit ihrem fünften Album nicht zu ihren Anfängen zurückgekehrt sei. Der Liveeindruck bestätigt das.

Nach einem Solo und ruhigen Start mit „St. Augustine“, das mir sofort die tolle Stimme von Ben Bridwell direkt ins Gedächtnis zurückholt, knallten in Bandstärke ein paar Gitarren. Der neue alte Bassist Matt Gentling erinnert mich an Countryrock Bands, die ich bei Nashville in nahezu jeder Folge sehe. Breitbeinig und mit nach hinten geneigtem Oberkörper posiert er sich durch die Songs und wirkt auf mich damit irgendwie befremdlich, passt aber optisch zum großen Southern-Rock Format, das die Band of Horses spielt.

Selbst wenn der Sound nun anders klingt und ich Bradwells irgendwie beruhigende Stimme bei „No one‘s gonna love you“ vermisse, unfassbare Gefühlsdosen lösen die Band of Horses weiterhin bei mir aus.

In den letzten Jahren ist Bridwell deutlich rockiger geworden, auf der Gloria-Bühne wirkt er mit seinem Rauschebart und Labbel-Jeans zuweilen wie ein verzweifelt-wütender Indie-Jesus. Durch die Boxen knallt seine Band den Gitarren-Rock mit voller Dröhnung in den Raum – und Bridwell schafft es dennoch gerade noch so, seine Jungs zu übertönen. (Quelle: Express)

So sieht’s aus. Ach, ich mag Ben Bridwells Kopfstimme einfach und live ist die Band of Horses weiterhin eine großartige Band! „Detlef Schrempf“ spielten sie übrigens erneut nicht. Eine Schande!

Kontextkonzerte:
Band of Horses – Köln, 20.06.2016 / Gloria
Band of Horses – Köln, 14.04.2010 / Kulturkirche

Multimedia:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Schreibe einen Kommentar