Ash – Köln, 04.12.2016


Ort: Luxor, Köln
Vorband:

AshWenn ich meine letzten Konzertbesuche Revue passieren lasse, komme ich ins Nachdenken. Es waren doch ganz schön viele 1990er Jahre Erinnerungsveranstaltungen dabei: Pixies, L7, The Rifles. Eigentlich alles Bands, die mich vor 20 Jahren mehr faszinierten als sie es heute tun.  Und nun kommt noch ein weiteres dazu: Ash. Oh Gott, wie lange habe ich diese Bands nicht mehr verfolgt, wie lange keinen einzigen Song von dieser Band bewusst gehört. Gibt es denn kein spannendes junges Gemüse, das mich vom Ofen hervorholen kann? Doch, das gibt es zu genüge. Aber irgendwie bleibe ich doch immer wieder an meinen frühen Lieblingen hängen, an der Musik, die mich in vielerlei Hinsicht prägte. Selbst wenn ich zum Beispiel „Oh yeah!“ seit einem Jahrzehnt nicht gehört habe, die ersten Textzeilen sind trotzdem noch da.  Und so geht es mir auch mit „Pretend I’m dead“, „Peace and Quiet“ und anderen Songs. Für mich sind das Evergreens, die ich nie vergesse. Und da ist es logisch, Konzerte dieser Bands zu besuchen. Auch wenn diese oft einen kleinen fahlen Beigeschmack des längst vergangenen haben. Auch wenn mich diese nur selten überzeugen (Breeders, The Charlatans) und mich manchmal sogar sehr enttäuschen (Starsailor). Auch wenn ich eigentlich immer nach wenigen Minuten feststellen musste: ja, früher wäre ich ausgeflippt.
Und trotz dieses Wissens schlich ich mich auch an diesem Abend aus der Gemütlichkeit des Sonntags und nahm den Weg auf zu Ash. Machen die noch was? Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Ich musste gar googlen, um herauszufinden, wann sie ihr letztes reguläres Album rausgebracht haben. Und das ist gar nicht so lange her. Vor einem Jahr erschien Kablammo!, einen Song des Albums, „Machinery“, spielten sie auch im Luxor. Vielleicht waren es auch zwei, so genau habe ich nicht auf die Ansagen geachtet.  Und die letzten Alben habe ich nicht gehört, um die Songs zeitlich korrekt zuordnen zu können. Ist aber auch schnuppe, denn eigentlich ging es an diesem Konzertabend um etwas anderes: es ging darum, den 20. Geburtstag des Debütalbums 1977 zu feiern. Mit Musik von 1977 und aus der Zeit der Veröffentlichungsphase, sprich Singles B-Seiten und so.

1977 ist ein Meisterwerk, das mit einer kleinen 1977 – 20th Anniversary Tour Würdigung erhalten sollte. Im Herbst gab es erst eine Handvoll Konzerte in Irland und England. Dass das aber nun wirklich nicht ausreicht, das Album zu würdigen, erkannte auch die Band und schiebt in diesen Tagen ein paar Europatermine hinterher.

Die Band kündigte die Jubiläums-Tour folgendermaßen an:

We’re as excited as we are in disbelief to announce the 20th anniversary tour of 1977. Some of these songs have grown with us throughout those years; others have the ability to transport us mentally and emotionally back to that crazy formative year of 1995 to 96. These gigs are going to be a trip, trip, trip!

Vor 20 Jahren war 1977 revolutionär gut. Allein die Singles „Kung Fu“, „Girl from Mars“ oder „Oh Yeah“ waren verdammte Ohrwürmer. Oder sind es immer noch („Oh Yeah“).
Die Herren Wheeler, Hamilton und McMurray waren dick im Geschäft. Sie wurden mit den jungen U2 verglichen, machten tolle Videos (Ralley fahren mit Ford Escort und Ford Capri in “A life less ordinary“ oder Cheerleader im „Burn baby burn!“ Video) und hatten Hits ohne Ende. 1977 war kein one album wonder, Nu-Clear Sound, das zwei Jahre später erschien, ist keinen Deut schwächer und etablierte die Band im großen britischen Musikbiz.

Ich hatte 1977 bestimmt 16 Jahre nicht mehr gehört und nahm das Konzert zum Anlass, die Scheibe mal wieder aus dem Regal zu kramen. Ich bemerkte, dass die Platte tatsächlich ein paar Hänger hatte. Vor 20 Jahren kam mir das überhaupt nicht so vor, aber 2016 bin ich ein bisschen stärker ernüchtert und dachte innerlich, eigentlich sind nur die Singles wirklich top. 1996 lief 1977 rauf und runter und ich erinnere mich gerne an ihr Kölner Konzert zurück, dass ich seinerzeit noch in der alten Kantine irgendwo im Nirgendwo am Stadtrand besucht hatte. Auch, weil damals die tollen Miles das Vorprogramm bestritten.
An diesem Abend klang die Vorband nicht so interessant und so ließ ich mich dazu hinreißen, erst zur Vorband aufzulaufen. Ich dachte ja auch immer noch, das Konzert sei nur locker besucht.

Vor einigen Tagen wurde mir geraten, mir fix ein Ticket zu besorgen. Das Konzert sei bereits nahezu ausverkauft, hieß es.  Ich machte das nicht, wartete mit meiner Entscheidung bis zum Samstagvormittag. So wichtig war mir das Konzert nicht, als großen Ash Fanboy würde ich mich nicht bezeichnen. Wenn es ausgeht, ist es gut, wenn es nicht ausgeht, ist es auch nicht schlimm. Als ich zwei Stunden vor Konzertbeginn ins Internet schaute, gab es immer noch Tickets. Von wegen ausverkauft, im Gegenteil, das Konzert scheint nicht sonderlich voll zu werden. Und so plante ich, erst relativ spät zum Luxor zu fahren. Glück gehabt, sagte ich mir nachher, ich kam noch gerade so rechtzeitig an, um mich nicht ganz hinten im Klub anstellen zu müssen. Scheinbar wollten nur die letzten fünf verfügbaren Tickets keinen Abnehmer finden.
Der Laden war knacke voll und ich war darüber überrascht. Wow, es scheinen doch viele Spass daran zu finden, 1977 noch einmal live zu hören. Die Bühne ist leergefegt. Keine Keyboards, keine Effektgeräte keine riesen Fußpedale. Nur Schlagzeug, Gitarre, Bass und das technisch quasi nackt. Herrlich, das hatte ich auch länger nicht mehr. Das Ash Konzert gehört 1977 und den Songs um das Album herum. Die Setlist sah vor, erst das Album zu spielen, in Reihenfolge jedoch ohne den hidden track, und abschließend B-Seiten und anderen Kram von aus der Zeit um 1996. So hörte ich das wunderbare Abba Cover „Does your mother know“ und als Abschluss des Nostalgiesets die erste reguläre Singleauskopplung nach 1977, „A life less ordinary“.

Das klingt gut und schön und schlüssig. Das war es auch. Aber nicht nur das! Denn was ich völlig unterschätzt hatte war, dass Ash auch 2016 noch eine so enorm ansteckende Spielfreude auf die Bühne bringen und Euphorie entfachen können wie früher. Es war absolut unmöglich, nicht gutgelaunt vor der Bühne zu stehen. Das spürte nicht nur ich, sondern auch alle anderen. So wurde es schnell stimmungsmässig eines der besten Konzerte des Jahres. Hilfreich dabei war sicherlich auch, dass mit dem ersten Song der Platte „Lose control“, gleich ein gute Laune Gitarrenhit kam und die anderen dicken Klopper direkt im ersten Drittel des Konzertes folgten. Das Luxor sang, hüpfte und stagedive-te früh, genoss Tim Wheelers  Gitarrensoli und das klassische Poserbassspiel von Rick McMurray.
Warmmachen war gar nicht möglich. Sofort rein in die Vollen und gut! Konzertgeherherz, was willste mehr?! Dass zum Ende hin die Platte schwächer wird, und demzufolge auch im Konzert ein bisschen Zeit zum Durchatmen  war, war so wenig auffällig und wirkte nicht störend. Denn bevor man darüber nachdenken konnte, kamen die nächsten Kracher aus dem Speckgürtel der Albenveröffentlichung. Die tolle Coverversion oder „Life less oridnary“.

Ach jee, es war ein schönes Konzert, das mir viel Spaß gemacht hat. Wenn man mich am Morgen gefragt hätte, ich hätte Ash so einen Konzertabend nie und nimmer zugetraut. Nun ja, manchmal passieren eben Dinge, wenn ich sie am wenigsten erwarte. Und so wurde es das beste 20-Jahre plus Albumkonzert, das ich gesehen habe. Und ich habe schon einige erlebt.

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frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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