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Ort: C-Mine Cuulturcentrum (Wiese daneben), Genk
Bands: Sun Kil Moon, Algiers, Omni, Naomi Velissariou, Public Psyche, Sunflower

Gegen den symbolischen Eintritt von drei leeren Batterien.
Im Café des Cultuurcentrums der C-Mine sitzen draußen eine Handvoll Leute. Zwei Hobbyradfahrer kommen vorbei und erzählen von ihrer Ausfahrt von Roermond nach Maastricht und zurück. Kann man machen, ist ja flaches Terrain hier, denke ich, und ach, ich bekomme Lust, wieder mehr Rad zu fahren. Erst recht, wenn Kaffeepausen so schön und Stopps so gemütlich sein können wie in dem Genker Kulturzentrum. Die C-Mine haben wir im Frühjahr entdeckt, als in den Sälen des alten Bergwerkes das Little Waves Festival stattfand. Nur einen Steinwurf entfernt auf der anderen Straßenseite liegt das Gelände des Absolutely free Festivals.

Die Nachmittagssonne brennt noch ordentlich, als ich mich auf den Weg zum Gelände machte. Die Wiese hinter der C-Mine ist gelb-braun verbrannt. Da ist es hier nicht anders wie im Rest Europas, wie mir tags zuvor Satellitenbilder zeigten. Überall ist das sommerliche grün dem verdorrten gelb-braun gewichen. Es fehlt der Regen, und so weht der Sandstaub umher, wenn ab und an ein wenig Wind über das Festivalgelände streicht.

Das Absolutely free Festival ist absolut kostenlos. Eintritt erhält man gegen ein paar alte Batterien oder, wer zu dämlich ist welche das Jahr über aufzubewahren, gegen 3 Euro Ersatzgebühr. Wir hatten Batterien. Da sich das Festival ja irgendwie finanzieren muss, zahle ich gerne ein paar Cent mehr für Wasser und Fritten bei einem der zahlreichen Stände und Büdchen. Man darf nicht zu kniepig sein, wenn man für die Unterhaltung schon nicht zur Kasse gebeten wird.
Zwei Zirkuszelte beheimaten zwei Bühnen, zwei weitere Bühnen stehen einfach so auf dem Gelände. In der Mitte des Geländes wurde eine lange Tischreihe aufgebaut. Hier kann man sitzen und essen.  Die Szenerie erinnert mich an diesen einen bekannten Werbespot für – ich glaube – Waschmittel. Alles wirkt liebevoll gestaltet und familiär.

Omni sollten die erste Band sein, die ich mir bewusst anschauen wollte. Da das Café jedoch keinen Kuchen zum Kaffee parat hielt, war ich etwas früher als gegen 18 Uhr auf dem Festivalgelände. Zeit, ein bisschen herumzuschlendern und sich belgische Nachwuchsband anzuschauen.Sunflower aus Brügge machen Schreihals-Postpunk, Public Psyche beeindrucken mich mit einer starken Bühnenpräsenz und sie erinnern mich an The Fall. Bei der Schauspielerin Naomi Velissariou verweilte ich ein bisschen länger. Über die gut einstündige Perfermance „Permanent Destruction (The SK Concert)“ wusste ich nichts. Sie sah aber spannend aus und schien mir sozialkritisch ambitioniert. Natürlich hatte ich mich vorher nicht gründlich vorbereitet, sonst hätte ich das hier gewusst:

Permanent Destruction is een melodramatisch energy concert door theatermaker Naomi Velissariou en sound producer Joost Maaskant. Een sexy show over zelfhaat en onbeantwoorde liefde, met dodelijk poëtische lyrics en een zwaar overstuurd geluidssysteem. Met genres variërend van RnB tot industriële hardcore en met overdadig gebruik van auto-tune en trap hop referenties. Naomi Velissariou liet zich inspireren door Sarah Kane (1971-1999), een van de meest belangwekkende toneelschrijvers van de afgelopen decennia, wier psychische gesteldheid zo compromisloos weerklank vond in haar werk. De genadeloze lyrics, beats en bass lines tegen de achtergrond van Frederik Heymans videowerk geven het geheel een monumentale visuele dimensie.
Permanent Destruction – The SK Concert gaat op tournee naar de volgende festivals: SPRING (Utrecht), Oerol (Terschelling), Over het IJ (Amsterdam), Lowlands en Theater Aan Zee (Oostende). (Quelle: http://www.naomivelissariou.com/work/permanent-destruction-the-sk-concert/)

In der Mitte des Sets hatten die beiden Künstler einige technische Schwierigkeiten, scheinbar schmierte der Laptop aufgrund der starken Hitze ab. Auf einem Festival ist das das stärkste Kriterium, um weiterzuwandern. Vor einer ruhigen Bühne bleibt kaum jemand länger stehen, wenn es aus dem Nachbarzelt heraus interessant klingt. So ging nicht nur ich; Essenmarken kaufen und mich weiter umhören.  Ich kam aber nochmal zurück. Die Autotune Songs und die Show zogen mich magisch zur sogenannten Green Stage. Naomi Velissariou, das war ein bemerkenswerter Auftritt.

Omni stammen aus Atlanta. Irgendwie haben alle Bands, die ich auf dieser Bühne sehe, eine Atlanta Affinität.  Omni sind mir bekannt, ich sah sie schon einmal bei einem meiner Primaveras. Damals hatten sie – glaub‘ ich – gerade ihr Debütalbum am Start und spielten  am früheren Abend auf einer der kleineren Bühnen. Die Band von Frank Broyles, Philip Frobos und Doug Bleichner macht so Indie-Postrock. unspektakulär, unaufgeregt, schön. Damit gewinnen Omni keinen Exklusivpreis, aber durchaus meine Ohren. Auffälligstes Merkmal der Band ist, dass der Bassspieler auch der Sänger ist.  Gesang und Bass, das passiert nicht oft. Zumindest fällt mir, als ich so im nachmittäglichen Zeltschatten vor der Bühne stehe, keine andere Band ein, die eine solche Konstellation aufweist. Omni’s ZZ Top Cover von „Manic mechanic“ möchte ich jedem ans Herz legen. Es ist toll! Kurz vor Ende des Sets taucht der Algiers Sänger vor der Bühne auf und wird per Handwink von Frank Broyles auf’s Freundlichste begrüßt. Man kennt sich, man schätzt sich, wie er später verrät. Wie Omni kommen auch Algiers aus Atlanta.

Gegründet haben sich Algiers vor fünf Jahren. Musikalisch sind sie von Omni nicht allzu weit entfernt, allerdings klingt ihr Postrock etwas krachig-punkiger und vermischt sich mit gospelartigen Gesangsstrukturen und Handtrommelsequenzen, die mich an afrikanische Musik denken lassen. Punk, Hardcore und Garagenrock kollidieren mit traditionellen Formen von Soul- und Gospelmusik. Ein Musikjournalist hat es so ausgedrückt. Algiers haben bei uns einen gewissen Bekanntheitsgrad, der jedoch mehr ihren geopolitischen Statements als ihrer Musik geschuldet ist. Im Rahmen der BDS Kampagne beziehen sie eine Position, die mir diskussionswürdig erscheint.

Live werden Gitarrist und Sänger Franklin James Fisher, Bassist Ryan Mahan und Gitarrist Lee Fortan vom ehemaligen Bloc Party Schlagzeuger Matt Tong unterstützt. Auf der Bühne. Vor der Bühne finden sich alsbald die Omni Buddies ein. Ich sehe das, weil auch zu Algiers das Zelt überraschend leer bleibt. Ich hatte gedacht, dass die Amis die erste Band seien, die mehr als das nachmittägliche Festivalpublikum anziehen und ihre kleine eigene Fanbase mitbringen würden. Offensichtlich irrte ich.

Sun Kil Moon. Seit Jahren renne ich hinter einem Konzert von Mark Kozelek hinterher. Letztes Jahr sagte er kurzfristig in Frankfurt ab, davor das Jahr schaffte ich es nicht nach Eindhoven, davor das Jahr spielte er nicht in der Nähe. Als Sun Kil Moon für das Absolutely free Festival bestätigt wurden, bangte ich bis zum Schluss, ob die Band um den eigenwilligen Amerikaner und ehemaligen Red House Painters Sänger den Auftritt machen wird. Sie machten ihn und es wurde eines der Konzerthöhepunkte des Jahres bis jetzt.
‘Wir haben noch zehn Minuten. Das reicht noch knapp für einen Song.‘ Um zwanzig vor zehn näherte sich das Set im Zelt seinem Ende entgegen. Vierzig Minuten, oder fünf Lieder lang, berichtete uns Kozelek aus seinem Leben. Begleitet wird er dabei von drei Musikern, der aktuellen Sun Kil Moon Band, die sich aus dem Schlagzeuger Jim White, Tony Scherr am Bassisten und Keyboarder Ben Boye zusammensetzt. ‘Oft hätten sie noch nicht zusammengespielt‘, berichtet der Bandleader. Deswegen hatte also jeder von ihnen Notenblätter vor sich liegen.

Mark Kozeleks Notenblätter sind seine Songtexte. Ein ganzer Stapel davon liegt auf seinem Stehpult. Seine typische Handbewegung ist das Umblättern. Durchschnittlich dreimal pro Song wendet er die DIN A4 Blätter innerhalb eines Songs.
Ich habe ihn als Sun Kil Moon vor ein paar Jahren auf Empfehlung kennengelernt. April und Admiral fell promises waren und sind meine Dosenöffner, sein hochgelobtes Nachfolgealbum Benji habe ich bis heute leider noch nicht hören können. Dafür aber die aktuelle Sun Kil Moon Platte Common as light and love are red valleys of blood und die aktuelle Mark Kozelek Platte Mark Kozelek. Beides Doppelalben, beide wunderschön. Wie ich irgendwo las, sollen beide Platten nicht die letzten Outputs des Mannes in diesem Jahr sein. Ich bin gespannt. Stilistisch macht es dabei kaum einen Unterschied, ob man Kozeleks Soloalben oder die Sun Kil Moon Sachen hört. Die sonore, unaufgeregt Stimme, die langsamen Gitarren und die Geschichtensongs sind allgegenwärtig.

Und dann….und dann…und dann, Mark Kozeleks Texte kommen in Aufzählungen. Und die Songs haben Länge. Das ist manchmal zermürbend und unspektakulär. Gerade die ersten Durchgänge einer Platte können anstrengend werden, da kaum ein Song unter sechs Minuten Laufzeit hat. Ich hatte bedenken, dass viele nichts mit den langen und monotonen Erzählsongs anfangen können und das Konzert niederlabern. Aber das Gegenteil war der Fall: das Konzert wurde in den vorderen Reihen ein Fantreffen, die Augen um mich herum leuchten vor Begeisterung. Und es war still. Andächtige lauschten wir den Songs, hangen an seinen Texten.
Bei Algiers und erst recht bei Omni blieb es überschaubar voll im Zelt, so dass ich mich verwundert umschaute, als eine halbe Stunde vor Sun Kil Moon Konzertbeginn bereits ein paar Leute in der ersten Reihe standen. Das erste Mal an diesem Tag war die erste Reihe voll und das erste Mal war das Zelt gut besucht, als die Band die Bühne betrat. Tatsächlich waren also viele Leute nur wegen Sun Kil Moon hier. Schön!
Ich war darauf gespannt, wie das Liveerlebnis funktionieren würde. Abseits der Nebengeräusche, nur für mich. Wird es mir anstrengend erscheinen, werde ich mich schnell langweilen oder wird das Konzert mich von der ersten Sekunde in den Bann ziehen?
Sicherlich auch weil um mich herum größte Aufmerksamkeit herrschte, war ich von der ersten Sekunde an drin im Konzert und ließ mich bereitwillig mitnehmen in Kozeleks Welt. Und die ist vielschichtig. Der erste Song handelt von Prince, Mike Tyson und Rihanna. Später höre ich eine kurze Handlungssequenz über Panera Bread, einer amerikanischen Bäckerei-Café Kette (in „My love for you is undying“) und Erzählungen über Konzertreisen (in „666 Post“).

In den letzten Konzertminuten passiert noch dies: Eine Gitarrensaite reist. Natürlich ist keine zweite Gitarre zur Hand, so dass Tony Scherr flugs die Gitarre entstöpselt, zum Gitarrenkoffer geht und eine neue Saite aufzieht. Es ist eine kleine Frickelei, die Saite am Gitarrenhals durch die Öse zu ziehen, aber es gelingt. Mark Kozelek beobachtet die Szenerie gleichmütig. Als die zweite Gitarre wieder einsatzbreit ist, geht er aus dem Erzählgesang nahtlos in ein Gitarrensolo über. Gerade noch rechtzeitig, könnte man denken, aber ich glaube, das war genauso gewollt.

Himmel noch eins, es war ein grandioses und verdammt gutes Konzert. Und das Festival? Vier gute Bands, eine Portion Friets und ein nettes, nicht zu überlaufendes Gelände, Sonnenschein.  Was mehr kann ein Ausflug nach Belgien bringen? Siehste!

Kontextkonzerte:

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."