Primavera Sound Festival – Barcelona, 02.06.2012

Ort: Parc del Forum, Barcelona
Bands: Veronica Falls, Kings of Convenience, Atlas Sound, Dominique A, Real Estate, Saint Etienne, Wild Beasts, Yo la tengo

Der Saint Etienne Tag. Es war Gin und Tonic Zeit an der großen Bühne des Primavera. Eine sichtlich gut gelaunte Sarah Cracknell schunkelte sich förmlich durch 20 Jahre Saint Etienne Ibiza Sounds. Das war schon toll, was die drei Etiennes, verstärkt durch die Backgroundsängerin Depsy eine gute Stunde lang boten. Ursprünglich war ihr Konzert für den Mittwochabend am Arc de Triomf geplant (als Teil des kostenlosen Auftaktkonzertes in Barcelona Stadt), durch den Ausfall von Björk muste aber die Primetime Spielzeit auf der Hauptbühne nachbesetzt werden. Und da die Organisatoren scheinbar keinen weiteren Künstle auf der Ersatzbank hatten, musste die Mannschaft neu aufgestellt werden. Ach, ich bin in der Fussballsprache. (Steffen Simon verwirrt mich gerade aber auch enorm.)  Was ich sagen möchte ist, dass der Samstagabend auf der San Miguel Bühne nun die Kings of Convenience und eben Saint Etienne vorsah.
Doch bevor Fahrstuhlmusik ertönte und Sarah Cracknell uns mit einem beschwipsten „Chin Chin, it’s Gin and Tonic time“ zuprostete, gab es ein wenig Indiemusik. Veronica Falls eröffneten mit fluffigen Melodien und sanfter Präsenz unseren letzten Primavera Tag. Ihr Album „Veronica Falls“ mag ich nicht so dolle, es klingt mir ein wenig zu sehr nach Belle & Sebastian. Daher war ich mir lange nicht sicher, ob ich mir Veronica Falls live antuen möge. Aber metal ist auch keine Lösung und Extremamericana ebenso wenig, außerdem hatte ich einen hartnäckigen Fürsprecher und so begleitete ich ihn zur zweitgrößten Festivalbühne. Doch live nahm ich Veronica Falls auf einmal ganz anders wahr. Es war keine Spur von langweilig, im Gegenteil. Die zwei Damen und Herren wussten mich sehr wohl zu begeistern. Gar zwei, drei neue Songs bauten sie in ihrem dreiviertelstündigen Auftritt ein, ansonsten gab es natürlich alle „Hits“ des Debütalbums.

Damit war schnell am Abend die Festivalmüdigkeit abgelegt, und die Kings of Convenience konnten kommen. Und Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe kamen zu Beginn des Konzertes erst einmal ohne Band aber mit zwei Gitarren. Als Duo bestritten die beiden Norweger die erste halbe Stunde des Kings of Convenience Konzertes. Musikalisch erinnerte das sehr an Simon & Garfunkel, optisch an Harry Potter und Cody Allen. Warum kannte ich eigentlich bisher nichts von den Kings of Convenience. Das muss sich schleunigst ändern, denn ihre Frühstücksraummelodien gefielen mir außerordentlich gut! Neben Kleenex Girl Wonder am ersten Tag sind die Kings of Convenience definitiv die zweite Festivalentdeckung des Jahres.
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Lee Ranaldo & Steve Shelley und Yo La Tengo. Mote.
Ein Video, das mehr über meinen Musikgeschmack sagt als tausend Blogeinträge. Besser kann ich pretty-paracetamol nicht beschreiben.

Yo la Tengo – Düsseldorf, 22.11.2009

Die Sonne scheint. Zeitweise zumindest. Na dann kann ich ja laufen gehen. Es ist halb elf morgens. Das Frühstück liegt wenige Sekunden hinter mir, die sonntäglichen Routinehausarbeiten wie staubputzen und saugen liegen noch vor mir.
Das geht jeden Sonntag so, frühstücken, putzen, laufen. Letzteres aber nur, wenn es nicht in Strömen regnet. Handlungsroutinen gliedern meine Zeit bis eins. Irgendwo habe ich gelesen, dass wiederkehrende Tageshandlungen dem Menschen Sicherheit und Halt geben, dass wir sie unbewusst bewusst einsetzen, um unser Leben, unsere Tagesabläufe, die eh’ meistens total strubblig und verquer sind, ein klein wenig in den Griff und unter Kontrolle kriegen.
Und abgesehen davon, irgendwann muss die Wohnung ja auf Vordermann gebracht werden, und der sportliche Ausgleich nach der innerwöchentlichen Bürotätigkeit ist so verkehrt nicht. Da ich seit langer Zeit kein Messdiener mehr bin und den sonntäglichen Kirchgang meide, bietet sich diese Zeit förmlich dafür an. Die spannendste Frage in diesen so gleichförmig ablaufenden Minuten (mehr Zeit bringe ich für das bisschen Haushalt nicht auf!) ist die, welche Musik ich in der Stunde Frühsport mit dem IPod höre. Ich kann mich nie entscheiden, und meistens höre ich dann immer das gleiche. Heute Morgen aber dachte ich, da heute Abend der Besuch des Yo la Tengo Konzerts ansteht, hörst du was zur Einstimmung. Sonic Youth wäre nicht schlecht. Die sind doch seelenverwandt. Zum Beispiel diesen wunderbaren Konzertmitschnitt aus Washington, den ich über npr.com als Podcast gedownloadet hatte. Das wäre doch genau das richtige. Dass ich dann doch zum wiederholten Male bei Archives neuer CD „Controlling crowds“ gelandet bin, kann ich mir auch nicht erklären…
Yo la Tengo begleiten mich schon eine lange Zeit. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie wir uns kennengelernt haben. Es muss während des Studiums passiert sein, denn das erste Mal habe ich euch live in der Bochumer Zeche gesehen. Ich weiß gar nicht mehr, wann das war. ’96 oder ‘97 tippe ich mal. Seitdem habe ich euch immer beobachtet, eure Platten gekauft und eure Musik gehört. Mit der Zeit wurdet ihr ruhiger, eure Musik glatter. “And then nothing turned itself inside-out” klang so anders, und auch „Summer sun“ hielt mehr inne, als das es lospolterte. Anfangs hat mich das irritiert, ich vermisste das krachende von „Sugarcube“ oder „Little Honda“, aber euer Charme obsiegte, und „Summer sun“ wurde zu einer meiner Lieblinge.
Und jetzt habt ihr wieder E-Gitarren! Und ihr schreibt fantastische Album- Opener! Gibt es bessere als „Pass The Hatchet, i think i’m Goodkind“ (vom 2006er Album I am not afraid of you and i will beat your ass) oder „Here to fall“ (vom aktuellen Album „Popular“)? Wohl kaum, und da „Popular“ noch die ein oder andere Perle bereit hält, war es keine schwere Entscheidung (natürlich nicht!), ins Düsseldorfer zakk zu fahren um euch live zu hören.
Der Abend beginnt mit dem Duo Wreckless Eric & Amy Rigby. Alte Freunde von Yo la Tengo, die in Deutschland den Support bestreiten. 2 Gitarren und Drums aus dem Laptop erzeugen, zusammen mit launigen Geschichten über Gott und die Welt, einen entspannten Einstieg. „Ich habe meine Setlist verloren, ich weiß gerade nicht wie es weitergeht, und dabei sollen wir doch genau 45 Minuten spielen!“ sagt Wreckless Eric, der mit bürgerlichem Namen Eric Goulden heißt, mit einem Lachen irgendwann. Ja ja, die Atmosphäre war okay und die beiden auf der Bühne hatten Spaß. (wir davor übrigens auch!)
Wenn nach der Vorband die Roadies die Bühne stürmen, um schnell das Schlagzeug wegzuräumen, die Gitarren einzustöpseln und wichtige Ton- und Mikrofontest durchzuführen, kommt je nach Coolnessgrad der Protagonisten mehr oder weniger hektische Betriebsamkeit hoch. Die beiden Roadies von Yo la Tengo jedoch sind, genau wie die Band für die sie arbeiten, total uncool. Während der eine die Effektstecker einstöpselt und jedes Pedal einzeln antestet, was eine halbe Minute dauert, klimpert der andere auf den Keyboards herum und sortiert die vier Gitarren. Zwischendurch ein kleines Schwätzchen mit dem Kollegen, ein Grinsen Richtung Mischpult, dann ist der Job getan. Und getan meint getan. Keiner der beiden prüft doppelt, keiner rennt zigmal über die Bühne um noch irgendwas eizustellen. Stattdessen lehnen sie entspannt am Geländer, schauen umher und warten. Das ist toll und wirkt ungemein sympathisch unprätentiös.
Dann kommen die Converseträger auf die Bühne. Rot, rosa und grün sind die Farben ihrer Schuhe, weite Hemden und Jeans bzw. eine schwarze Cordhose ihr Outfit. Und als Maureen Tucker Georgia Hubley nach 25 Minuten als drittes Stück „Today is the day“ singt, ist mir klar, es wird ein toller Abend. Wie komme ich jetzt auf Velvet Underground?! Blöde Frage!
Zwei Stunden 15 Minuten werden sie spielen. Mehr als ich erwartet hatte. Die Setlist ist herzzerreißend. Da ich nach zwei dritteln des Konzertes ein Leben „rettete“ bekam ich leider nicht mit, wer die Zettel vom Bühnenboden entfernt hatte und aus dem Gedächtnis heraus ist es mir unmöglich, mehr Details als diese zu berichten: „Here to fall“ kam nach etwa einer Stunde, auch “Nothing to Hide”, “More Stars Than There Are in Heaven”, “When It’s Dark”, “If It’s True” und “Periodically Double or Triple” spielten sie. „Autumn sweater“ habe ich auch in Erinnerung.
Zwischendurch erzählte Ira Kaplan Konzertgeschichten. Über ein Konzert im Kölner Rose Club oder wie er in Köln fast seinen Ausweis verloren hätte. Auf den Zwischenruf, wir seien hier nicht in Köln, entgegnet er, dass er keine lustigen Düsseldorfgeschichten auf erlebt habe und Köln nun mal so nahe sei. Aber man könne ihm ja eigene Düsseldorf Storys mailen, die er dann beim nächsten Düsseldorfkonzert als die seinen erzählen werde.
Genau, es war sehr unterhaltsam!
Die abschließenden zwei Zugabeblöcke werden hauptsächlich mit Fremdmaterial bestückt.
Im ersten Teil müssen die Kinks und die Ramones herhalten. Komplettiert wird dieser Block durch „Black Flowers“, ein Wunsch des Publikums, das direkt umgesetzt wird. Publikumswünsche erfüllen, das machen Yo la Tengo des Öfteren.
Damit nicht genug. Sie kommen noch einmal zurück und spielen Sun Ra’s „Nuclear War“. Es wird ihr Abschiedslied. Und was für eins! Teils im Kanon, teils als Echo singen Ira und Georgia die Textvorgaben des Bassisten James McNew, der jetzt an einer zweiten Trommel sitzt, nach: goodbye – goodbye – goodbye; farewell – farewell – farewell; see you – see you – see you, hallt es durchs zakk. Es ist toll, alle lachen.
Zu den letzten Echos verlassen sie nacheinander rhythmisch klatschend die Bühne. Was für ein phänomenaler Abschluss eines zauberhaften Konzertes.

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Yo la Tengo – Düsseldorf, 22.11.2006
(ach, auf den Tag genau!!!)

Condo Fucks – Fuckbook

Condo Fucks Wieder eine dieser lustigen Zufallsgeschichten. Im Urlaub las ich eine Kurznotiz über eine Band Namens Condo Fuck und dachte mir nicht allzu viel dabei.
Daheim, nach dem Kuchenkauf beim Bächer um die Ecke noch kurz im Plattenladen vorbeigeschaut, sah ich die CD im Regal stehen. „This is not the new Yo La Tengo“ Album. Ein Aufkleber als Warnung oder Beruhigung pappte auf der Hülle.
Mmhh, las ich denn nicht in dem Artikel, dass die Condo Fucks irgendwas mit der amerikanischen Band aus Hoboken gemeinsam haben? Meine Neugierde war geweckt, und für 9 Euro die CD gekauft.
3 Tage später, ich sitze im Auto, höre ich die ersten Klänge.
Der Sound ist sehr Lo-Fi. Sehr, sehr Lo-Fi. 11 Songs beinhaltet „Fuckbook“, die Spieldauer ist 32 Minuten. Im Inlay des Albums lese ich, dass die Aufnahme 35 Minuten gedauert hat. Von 3:00 bis 3:35. Und so klingt es denn: roh, ungeschliffen. Heruntergespielt und gut. Nachbearbeitung? Wozu! Ist die Platte doch direkt in Matador’s „New improved full dimensional Stereo“ Sound aufgenommen. Klingt also eh’ super breitwandig.
Haha…
Die Songtitel sagen mir erst mal nichts, dennoch glaube ich, dass ein oder andere Lied zu kennen. Ich recherchiere ein bisschen und lerne, jeder Song ist eine Coverversion. Da die 60er und 70er Musikwelt für mich eher dunkel ist, kenne ich leider all die Slade („Gudbuy T’Jane“), Small Faces („Wat’cha gonna do about it“), Kinks („This is where i belong“) und Beach Boys (“Shut down”) Originale nicht. Einzig „With a girl like you“ von den Troggs war mir vertraut.
„Shut down“ muss es den Condos besonders angetan haben, es wurde gleich zweimal verbraten, einmal mit und einmal ohne Gesang.
Neben den bereits erwähnten wurden noch Songs von Electric Eels („Accident“), Richard Hell („The kid with the replaceable head“), Flamin’ Grooves („Dog meat“), Zantees(„So easy baby“) und Young Rascals („Come on up“) interpretiert.
Doch zurück zu den Condo Fucks.
Eine erste Erwähnung finden Condo Fucks in einem Werbeflyer, der dem 1997er Yo La Tengo Album „I can here the heart beating as one“ zugefügt ist. Der Flyer bewirbt einen fiktiven Plattenkatalog Matadors. Neben anderen Bands tauchen auch die Condo Fucks auf. „Punk Rock smashingly paraded as only New London’s bad boys can.“So wird über sie berichtet.

Im Inlay zu „Fuckbook“ werden weitere Alben der Band vorgestellt, die aber alle schon vergriffen sein sollen. Hier wird die spinnerte Idee einer richtigen Band konsequent umgesetzt. Ebenso im Internet, wie dieses Filmchen demonstriert. Eine erste Gegenbewegung New Londoner Bürger („wir haben unsere eigenen guten Bands“) gibt es auch schon. (Blog).
Das Condo Fucks zu einhundert Prozent Yo La Tengo sind, erkennt man spätestens, wenn man sich das Bandfoto anschaut und die Namen der Bandmitglieder liest: Kid Condo, Georgia Condo und James McNew.
Der Sprung zu Ira Kaplan, Georgia Hubley und James McNew ist nicht weit und gelingt im ersten Versuch.

So ist „Fuckbook“ für mich das zweite Coveralbum der Yo La Tengo Geschichte.
1994 erschien bereits Fakebook, ein Album voller Neuinterpretationen von Folk- und Singer-/ Songwritersongs (Cat Stevens, Gene Clark,..).
Was vor 15 Jahren eine eher ruhige Angelegenheit war, ist 2009 eine laute. Garage, Surfpunk, Rock; die Klassiker werden vollends in den Yo La Tengo Kosmos überführt. Gefangene machen sie dabei nicht. Entweder oder. Ein zurück, sprich eine zweite Aufnahmemöglichkeit, gibt es nicht. Schnoddrige Anzählerei, Verspieler und geplante ungeplante Rückkopplungen. Soundverzerrungen bis der Arzt kommt. Und „So easy Baby“ muß zweimal gestartet werden, bis der Song steht. Egal, ob das Aufnahmeband läuft.
Fuckbook ist kein „must-have“ Album, aber es ist toll, es zu besitzen!

Links:
Condo Fucks Homepage
Yo La Tengo Homepage
What’cha gonna do about it? bei YouTube

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