The Verve – Forth

The Verve, ForthIch leg mich fest. The Verves viertes Album, richtigerweise “Forth” genannt (“fourth” hätte auch gepasst), ist ein moderner Klassiker. Gerade mal ein paar Tage alt, ist sie schon in meinen Olymp der Lieblingsalben emporgestiegen.
The Verve schaffen mit “Forth” das, was die Charlatans mit “You cross my path” vorgemacht haben, was andere Bands jedoch nie erreicht haben oder erreichen werden.
The Verve bleiben sich treu, biedern sich nicht an an die moderne britische Musik der Kooks oder der Klaxons. The Verve klingen daher und trotzdem vielleicht alt, aber nicht altbacken.
Von Beginn an hört man ein typisches Verve Album. “Sit and wonder” beginnt ruhig mit einem leisen Gitarrenrauschen. Als das Schlagzeug einsetzt, startet der Rhythmus. Leicht, mellow und bedächtig erhebt sich Richard Ashcrofts Stimme: “I sit and wonder”.
“Sit and wonder” ist neben “Rather be” das am bekanntesten klingende Stück mit dem höchsten “The Verve”-Wert. Beide erinnern an die “Urban Hymns” Phase und sind definitive Hits. Bei “Rather be” musste ich mehr als zweimal an “Space and time” oder “Lucky man” denken. Man kann im Refrain (oder kurz davor) auch bequem “i just can make it alone” summen, ohne aus der Spur zu geraten.
Trotzdem ist “Rather be” kein billiges Plagiat, es ist eher eine Fortsetzung mit selbständiger Handlung im alten Muster. So wie Jack Bauers zweiter Tag.
Ein weiterer Anspieltipps ist “Love is noise”, die perfekte Radiosingle und der Versuch eines Dance-Pops-Songs. Eigentlich ist es ein Witz. Es klingt wie eine schlechte New Order Tanznummer und als ich es zum ersten Mal in Luxemburg bei Rock a Field hörte, mochte ich es gar nicht. Doch nachdem es jetzt dreimal pro Tag auf 1live zu hören ist, gefällt es mir von mal zu mal besser. Ich hab es mir schön gehört und jetzt ist es mein derzeitiges Lieblingslied.
Der Geheimtipp des Albums ist das elegisch ausufernde “Noise Epic” gefiel mir auf Anhieb. Es ist das krasse Gegenstück zu “Love is noise”. Mit 8 Minuten 13 ist es das längste Stück auf “Forth”. “Noise Epic” ist vollkommen radioinkompatibel und folgt der Tradition der früheren Verve Sachen. Viel Gitarrensound, sehr
psychodelisch. Nach vier Minuten ist es eigentlich schon zu Ende, bekommt dann aber durch das treibende Schlagzeug nochmals fahrt und holt zum grossen Gitarrenwandfinale aus. Hier klingt Richard Ashcroft wie Lee Ranaldo und The Verve wie Sonic Youth.
The Verve haben sich zurückgemeldet. Oder wie Richard Ashcroft sagen würde: “We are the Verve and this is music.”

Links:
The Verve Homepage
The Verve Wikipedia
The Verve MySpace
Sit and wonder bei YouTube
Love is noise bei YouTube

Rock a Field – Luxemburg, 21.06.2008

“Nobody move, nobody get hurt” war das erste, was wir zu hören bekamen. Das war am Samstag um fünf, wir standen vor einer großen Bühne auf einer Waldlichtung, Rock a Field Luxemburg 21062008die geschätzten 10000 Menschen, Dixieklos sowie einigen Trink- und Essständen Platz bot. 10000 Menschen waren nicht da, beim Rock a Field Festival in Luxemburg, Dixieklos und Essstände schon. Ich tippe auf 7000 bis 8000. (Menschen, nicht Dixies.)
Rock a Field ist eines der wenigen Ein-Tages-Festivals, die es in diesen Zeiten noch gibt. Die meisten Festivals machen es ja nicht einmal mehr unter zwei Tagen. Was ich schade finde, denn für campfaule Allergiker ist ein Ein-Tages-Festival der Idealzustand. Man fährt mittags gemütlich los, verbringt einen Nachmittag und Abend an der frischen Luft bei guter Musik und das war’s dann. Kein lästiges campen oder unnötiges ausharren in der Natur.
Rock a Field Luxemburg 21062008Es war mein erster Musikbesuch in Luxemburg. Und, um es sofort zu sagen: es hat sich mehr als gelohnt! Rock a Field 2008 war das bestorganisierte Festival, das ich mir vorstellen kann. Schon auf der A3 kurz vor der fr. Grenze wird man Richtung Park & Ride Platz geleitet. Ein großes Industrieareal, wo wir unser Auto in einer der vielen Lagerhallen abstellen können. Parklotsen, die einem den richtigen Weg auf diesem riesengroßen Gelände weisen, sind genügend vor Ort. Mit dem Shuttlebus geht’s dann ins Nachbardorf Roeser zum Festivalgelände. Raus aus dem Bus, noch 10 Minuten zu Fuß durch einen Wald und es öffnet sich vor einem die Lichtung von Rock a Field.
We are Scientists ist die erste Band, die wir sehen. Das war so geplant und pünktlich um fünf standen wir vor der Bühne. Perfekt. Es war noch nicht allzu voll, man kam locker und ohne viel Gedränge in den vorderen Bereich. Das teilweise sehr jung aussehende Publikum wartete scheinbar mehr auf Mando Diao und die Kooks. Das sollte sich später bestätigen, beide Bands Rock a Field Luxemburg 21062008zogen den größten Teil der Leute an. Gut für uns, so waren die Auftritte von The Verve und UNKLE nicht so stark frequentiert und man hatte eine gemütliche Sicht ohne Enge auf die Bühne.
Den Beginn machten aber We are Scietists aus den USA. “Nobody move, nobody get hurt” war ihr Opener, mit dem sie dem Publikum wohl sagen wollten „Hey, wir sind die mit dem Radiohit hier.“ Zugegeben, vielmehr kenne ich von ihnen auch nicht, aber gefühlsmäßig waren sie eine gute Besetzung um diesen Nachmittag musikalisch zu eröffnen. Rock a Field Luxemburg 21062008
Nach ihrem einstündigen Auftritt setzte dann die erwartete Bewegung im Publikum ein. Es wurde ein wenig voller vor der Bühne. Da uns Mando Diao nicht sonderlich anspricht nutzen wir die Zeit bis zu den Kooks für einen ersten Pommes- und Getränkekauf. Von weitem sah der Auftritt der Männer aus Schweden nicht sehr spektakulär aus. Ich glaube, ihr Set war langweilig. Nachts auf dem Weg zum Shuttlebus hörte ich ein Mädchen zu einem anderen sagen: „Sie hätten mehr bekannte Sachen spielen sollen.“ Okay.
The Kooks waren der heimliche Headliner des Tages. Vor der Bühne war es voll, es schien das viele nur wegen ihnen hier waren. Ihr Auftritt war vorbildlich. Zwischendurch fragte ich mich, ob The Kooks eigentlich nur Hits haben. Ihr Auftritt war so kurzweilig und abwechslungsreich und unterhaltsam, dass er – eh man sich versah – auch schon zu Ende war. Werden Mando Diao in meinen Augen total überbewertet, so kann man die Band aus Brighton gar nicht hoch genug einschätzen. Eine gute Liveband, die noch lange nicht oben angekommen ist.
Obwohl der Kooks- Sänger Luke noch Werbung für The Verve machte („Ich hörte The Verve immer als Kind. Also, schaut sie euch an! Sie sind gut!“), blieben nicht viele vor der Bühne. Es leerte sich deutlich, und auch zu Beginn des Verve Auftritts kamen nicht alle wieder zurück zur Bühne.
Die Sonne verschwand und es begann die schönste Zeit eines jeden Festivals. Die blaue Stunde, der Übergang zwischen hell und dunkel. Die Zeit, in der jede Musik einfach gut rüberkommt. Die Zeit der heimlichen Headliner. (Nun, hier nicht ganz, weil: siehe oben.) Rock a Field Luxemburg 21062008
Richard Ashcroft steht auf der Bühne. Jacke an, breitbeinig, die Arme provozierend ausgebreitet. „We are The Verve. This is music.” Und los.
Es muss einigen schon wie ein Kulturschock vorgekommen sein. Lupenreine 90er Jahre Britpopmusik mit allem was dazugehört. Langgezogene, psychodelische Stücke mit großen Refrains und längeren Gitarrenphasen. Hymnen einer vergangenen Zeit, denen man ihr Alter deutlich anhört. Die man aber immer noch mag. „Sonnet“, „Space & Time“, “Lucky Man”. Mehr muss nicht gesagt werden. Wunderbar, wunderschön.
So nölt sich Richard Ashcroft durch 15 Jahre Musikgeschichte. Dieser phantastische Sänger und, dieser mit jeder Geste arroganter erscheinende, charismatische Frontmann, dieses letzte Relikt einer aussterbenden Spezies Sänger zwischen Vollspacken und Lad. Schon der stolz-lässige Gang zum Mikrofon will uns mit jedem Schritt sagen „Ich bin der Sänger, der Mann hier, und du bist nichts“. Und dann, jede Armbewegung wirkt herausfordernd, provozierend, unnahbar arrogant. Liam Gallagher kann das auch, genauso Ian Brown. Großartig!Rock a Field Luxemburg 21062008
The Verve haben auch neue Sachen dabei. Ein Album soll noch dieses Jahr erscheinen. Sie fügen sich nahtlos ein, blieben aber nicht besonders im Kopf. Einzig vielleicht das letzte Lied „…“. Es ist die nächste Single und sie kommt extrem dancelastig daher. Wenn man gehässig wäre, könnte man sie als Euro-Dance-Pop abklassifizieren. Wie New Order an schlechten Tanz-Tagen. Stock-Aitkin-Waterman Pop hätte man früher dazu gesagt.
Zuvor gab es den Überhit „Bittersweet Symphony“. Da ging noch mal ein Ruck durch das Festivalpublikum. Dieses Lied scheint wirklich jeder zu kennen, und jetzt merkten auch viele, das die Band auf der Bühne zu diesem Lied gehört. Zwischendurch, gerade in den langen Gitarrenphasen der weniger bekannten Sachen verließen viele jüngere Zuschauer die vorderen Reihen. Scheinbar zu langatmig, bzw. „Zu langweilig“ verrieten ihre Gesichter. Davon ließ sich The Verve aber nicht irritieren. Die zauberten vielen ein lächeln in die Augen.Rock a Field Luxemburg 21062008
Den Abschluss übernahmen um kurz nach halb zwölf UNKLE. Eine aus einem DJ Projekt geborene Band (kann man mittlerweile doch sagen), wie wird das live sein. Wie werden die Gaststimmen, das gewisse etwas, was UNKLE Alben auszeichnet, ersetzt? Wie viel Leute wird es noch zum bleiben bewegen können?
Nun, nicht mehr allzu viele. The Verve war für viele das letzte Musikkapital von Rock a Field 2008. Nach der halbstündigen Umbaupause war es mehr als deutlich leerer geworden.
UNKLE ist hauptsächlich der DJ James Lavalle. Er gründete das Projekt Mitte der 90er Jahre. Erstes Aufhorchen erregt das erste Album „Psyence Fiction“, dass Lavalle zusammen mit DJ Shadow zusammenbastelt. Verschiedenste Gastmusiker und –sänger lassen es zu einem All-Star Elektrodance Album werden. 2007 erschien das bisher letzte Album „War Stories“, wiederum sind eine Vielzahl von Gastmusikern mit an Bord. So steuerten u. a. Ian Astbury und Josh Homme den Gesang bei.Rock a Field Luxemburg 21062008
Das Set besteht hauptsächlich aus Stücken des letzten Albums. „Chemistry“, „Hold my hand“ und „Restless“ dominieren die erste halbe Stunde. Der Sound ist laut, wuchtig und heftig. Die Gitarren ballern einem nur so um die Ohren. Keine Atempause. James Lavalle dreht den Plattenteller, drei Gitarristen, Schlagzeug und Keyboards und allerlei Elektrokram transportieren den UNKLE Sound hervorragend. Alles eine Spur härter als auf CD. Eine Rockshow vom feinsten. Den Gesang übernehmen andere, die Hommes und Astburys werden nicht vermisst. Dafür dominieren die Gitarren zu sehr. Mehr braucht es nicht.
Vielen ist das zu heftig. Während des Auftritts verlassen einige das Gelände. Mittlerweile ist es nach Mitternacht, und auch die ausdauerndsten werden langsam müde. Das Schicksal der letzten Band. Immer auch ein wenig der Rausschmeißer.
Auch wir machen uns auf den Weg durch den Wald zum Shuttlebus. Noch ein kurzer Stopp an der Tankstelle, Super für 1,32, und dann durch die dunkle, unheimliche Eifel nach Hause.
Es war ein guter Samstag! Es war ein gutes Festival!
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Multimedia:
Fotos: p-p@ipernity
Video: The Verve | We are Scientists
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