Der Tag beginnt mit Kunst. Architekturkunst und Design. In den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrtausends war das in Dessau beheimatete Bauhaus die Innovationsschmiede schlechthin. Der Stil der Bauhausschule zeichnete sich durch Klarheit und Geradlinigkeit aus. Durch Einfachheit und Schlichtheit in Form und Funktion wollten die Bauhausmeister (so nannte man die Lehrer und Professoren) die Trennung von Kunst und Produktion aufheben. Kunst als Gebrauchsgegenstand. Ist ihnen gelungen, möchte ich sagen. Dann kamen die Nazis und mit dem Bauhaus war Schluß.
2008 sollte Björk in unmittelbarer Nähe Dessaus mit einem visuell beeindruckenden Liveset die Kunst in ihre “Ursprungsform” zurücksetzen.
Aber dazu später. Vorher unterhielten uns Get well soon, NeonNeon, die Battles und Hot Chip mehr oder weniger gut.
Weniger gut taten dies NeonNeon und Hot Chip. Letztere find ich völlig überwertet und eine reine Modeerscheinung mit bereits angebrochenem Verfallsdatum. Erstere kannte ich bis dato noch nicht, und so freute ich mich vor Beginn des Sets auf ein kennenlernen.
Bei den ersten Klängen des instrumentalen Intros dachte ich gleich: “Survivor (ja, die mit dem Rocky Theme), Foreigner, Harold Faltermeyer (ja, Axel F. Theme)”. Alles schreckliche Bands bzw. Produzenten aus längst vergangenen Tagen. Das Umhängekeyboard inbegriffen. Bei NeonNeon tauchte es auf. Will man sowas noch hören und sehen? Ich weiss es nicht…
In der Folgezeit wurde es nicht besser. Peter Gabriel und Marillion, alles scheint möglich, auch Bongo und Calypsorasseln. Als Special guest tauchte später noch DJ Superstar auf. Jetzt wurde es richtig belanglos. “You are amazing” gröllte eruns zu. “You are not”, möchte man antworten. Wir haben uns mittlerweile auf die Treppen im hinteren Bereich zurückgezogen. Der schweinchenrosa Farbklecks (DJ Superstar hatte ein neonrosa Oberteil an – zumindest leuchtete es aus der Entfernung so) auf der Bühne rannte noch ein wenig hin und her, dann war Schluss.
Fazit des Auftritts: die Portion gebratene Nudeln vom Asia-Mann war gar nicht mal so übel!
Get well soon hoben anschliessend das Niveau um ein Vielfaches und sind das erste Highlight des Tages. Gut zu sehen, dass die Umsetzung der komplexen Songs wunderbar funktioniert. Das erzeugt bei uns auch vor dieser grossen Festivalbühne eine Gänsehaut. Sehr beeindruckend. Das schafft nicht jeder Musiker. Grosses Kompliment! Get well soon sind eine unbedingte Liveempfehlung. Es waren intensive 35 Minuten, die den Sonntagsbesuch alleine gerechtfertigt hätten.
Im Anschluss Battles. Das Programmheftchen schreibt irgendwas von Rock 3.0. Dies und die Tasache das sie aus New York kommen, lassen mich gespannt ihrem Auftritt entgegensehen. Ich werde schnell überrascht, die Rowdies bauen keinen einzigen Mikrofonständer auf. Mikrofone brauchen die Battles . Bis auf zwei, drei Songs ist ihr Set instrumental. Und sehr laut. Und sehr wuchtig.
Gitarre trifft Keyboard. Und das zweimal. Ergänzt werden Ian Williams und Tyonday Braxton durch Drummer John Stanier und Bassist Dave Konopka. Das die Band aus New York kommt, hört man ihr an. Experimentell und innovativ klingt ihr Auftritt. TV on the Radio plus Technobeats, Atari Teenage Riot mit weniger Punk ist mein erster Kategorisierungsvorschlag. jetzt bin ich mir nicht mehr sicher ob ich das stehenlassen kann, zu einzigartig ist das, was die Battles präsentieren.
Das Schlagzeug ist weit am Bühnenrand aufgebaut, die Keyboards direkt daneben. Die Band ist der Frontmann.
Bei Björk ist die Rollenverteilung wieder klassisch. Hier die Sängerin, dort die Band, bzw. die Begleitmusiker. Eine neunköpfige Bläserkapelle steht auf der Bühne. Dazu zwei Keyboarder. Und mittendrin die kleine Isländerin.
Die Show ist sensationell. Hätte man von Björk was anderes erwarten sollen? Grosse Fahnen und vier riesen-LCD Monitore gestalten das Bühnenbild. Das Licht ist abwechselnd blau, gelb und rot. Die Bühne wird dabei indirekt ausgeleuchtet, kaum Spots, wenig Helligkeit. Alles wirkt sehr sphärisch.
Für alle DigiKamFotoknipser machte das die Sache nicht einfach. Gut ausgelichtete Bilder werden wohl eher die Ausnahme bleiben. Und wenn ich das richtig geshen habe, Pressefotografen wurden nicht vor die Bühne gelassen.
Die Lichtfarben spiegeln sich in den Fahnen und in Björks Kostümkleid wider. Die Blaskapelle (übrigens allesamt Frauen) sieht aus wie eine Mischung aus schweizer Garde und Wächter des Traumlandes. Es passt perfekt. Zeitweise erinnert alles an ein Musical oder eine fantastische Märchenshow.
Das Set ist zweigeteilt. Die erste halbe Stunde gehört schwerpunktmässig den Blasinstrumenten, Björk hat ihre Songs entsprechend umarrangiert. Es ist der ruhigere Teil, mehr zum zuhören als zum mitgehen. Das geht eher im zweiten Teil, der aus den tanzbareren, elektronischen Songs zusammengestellt ist. Björks Musikspektrum scheint unbegrenzt. “I’d like to intrrrrrrroducing the band,” sagte Björk vor kurz vor Ende mit diesem wunderbar rollendem rrrr. “Keyboarrrrrrds …..” da, schon wieder. Kann es einen smarteren Englischakzent geben? Nach einer guten Stunde ist der Hauptteil vorbei, es folgt ein kleiner Zugabenblock. “I live by the ocean…” erkenne ich sofort. Eigentlich habe ich in den letzten 12 Jahren wenig Björk gehört, aber “The Ancor song” blieb haften. Grandios! Das Konzert ist ein würdiger Abschluss eines Tages, an dem es keinen einzigen Regentropfen gab.
Am nächsten Morgen treffe ich Los Campensinos! im Frühstücksraum unseres Hotels. Ihren Auftritt hatte ich am Sonntag nicht ganz mitbekommen. Sie sehen müde aus. Sie essen ein wenig, schmieren sich Lunchpakete für unterwegs und nehmen eine Wasserflasche vom Büffettisch mit. Haben wohl Nachdurst…
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The Notwist – Melt!, 19.07.2008
Melt! Festival, zweiter Tag. Es regnet. Mal mehr, mal weniger. Den ganzen Nachmittag schon. Keine guten Aussichten für den Abend, der mit The Notwist, Franz Ferdinand und Roisin Murphy einige Hochkaräter im Programm hat. Von diesen vielversprechenden Aussichten blieben am Ende 35 Minuten Notwist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Doch der Reihe nach. Der Tag begann am sehr späten Morgen, man kann auch Mittag sagen. Im Foyer lungern Zoot Woman rum und warten auf den Shuttlebus. Der letzte Abend hat seine Spuren hinterlassen. Auch bei uns. Die Dessauer Stadttour fällt kürzer als geplant aus. Das Bauhaus wird auf morgen verschoben. Die Kraft reicht gerade für einen kurzen Stadttrip. Doch was ist das? Wir treffen kaum Menschen. Die Stadt sieht wie ausgestorben aus. Nur ab und an begegnen wir Leben. Dabei ist Dessau keine kleine Stadt, das Rathaus-Center ist gut sortiert und auch kulturell gibt’s hier einiges zu sehen. Es herrscht eine merkwürdige Atmosphäre, die breiten Strassen verstärken dieses Gefühl nochmal.
In Ferropolis herrscht dagegen genug Leben. Es scheint voller zu sein als gestern. So der erste Eindruck, als wir gegen 20 Uhr das Gelände betreten. The Notwist sind für 21 Uhr angesetzt. Also noch genügend Zeit für Essen und Rumgucken. Gegen neun Uhr finden wir uns vor der hauptbühne ein. Ein guter Platz, das Konzert kann beginnen. Doch erstmal beginnt der Regen.

Ach was, der Regensturm. Innerhalb von Sekunden sind wir patschnass. Aber so richtig. Auch die Flucht unter ein vermeindlich schützendes Getränkewagendach erhält Alibicharakter. Hilft alles nichts.
Die Bühne liegt günstig im Wind. Der ganze Regenguss prasselt munter mitten rein. Das Equipment wurde erst mit Planen abgedeckt, 10 Minuten später dann ganz abgebaut. Na prima! Und der Himmel sieht nicht so aus, als ob er zeitnah Ruhe geben wolle. Erste Blitze zucken. Immerhin passt der Soundtrack: Rides “Leave them all behind” und Swervedrivers “Rave down” untermalen den Regen. Shoegazing.
Nach einer guten halben Stunde lässt der Regen nach, das Gewitter zieht ab. Unsere Körper sind durchnässt und schreien nach Nahrung. Wir zollen Tribut und kaufen Wurst und Brot. Als wir in der Warteschlange stehen, starten The Notwist ihr Set. Na das passt zum verkorksten Tag.
Als wir die Hauptbühne erreichen, ist das zweite oder dritte Lied bereits angebrochen. Doch die restliche knappe halbe Stunde versöhnt. Besonders das wundervolle “Gravity”, dass auch oder gerade live seine Eigendynamik voll ausspielen kann. Ja ja, ich mag diese Art von Songs. Und fast ist all der Regen vergessen. Beinahe ist alles wieder gut. Wenn bloss nicht die klamme, nasse Kleidung wäre.
Da uns die Stereo MC’s egal sind, im Gemini Zelt nichts läuft (Operator please waren gerade durch), und der Melt! Klub wegen Überfüllung dicht war, überlegten wir kurz und entschieden dann, zurück zu fahren. Pro Gesundheit und Contra Franz Ferdinand, die wir so leider verpasst haben. Am nächsten Tag hören wir, es sei ein solider Gig gewesen. Einige neue Stücke, die teilweise elektronischer klingen, sollen sie auch gespielt haben. Aber auf einem Festival kann man gewöhnlich nicht alles haben. Trotzdem ein vertaner Tag mit gerade mal 30 Minuten Konzerterlebnis.
Kollateralschäden des Tages: sich auflösende Chucks und eine durch Nässe zerstörte Digitalkamera.
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dEUS, Editors, The Teenagers, Zoot Woman – Melt!, 18.07.2008
Der Andrang an innerdeutschen Grenzstationen zur Jahreswende 1989/90 kann nicht grösser gewesen sein als am Freitag im Melt! “check-in” Zeltchen. Ein Gedränge und Geschiebe aus allen Richtungen. Die Wellenbrecher verfehlten komplett ihre Wirkung. Veranstalter, das kann man besser machen! Auch der Sicherheit wegen! Genauso wie die katastrophale Parkplatzsituation. Wenn man weiss, dass man im Vorverkauf über 20000 Tickets abgesetzt hat – wie ein Parkplatzwärter als Entschuldigung(!) anfügte – dann sollte man entsprechenden Park- und Campraum zur Verfügung stellen. Dicker Minuspunkt!
Musikalisch starteten wir mit den letzten Klängen der Blood Red Shoes in das Festival. Das Duo aus Brighton spielte auf der Hauptbühne ein gutes, heftiges Set und begeisterte den noch spärlich angefüllten Platz voll und ganz.
In relativ kurzer Zeit haben sie es geschafft, sich aus den kleinen Klubs heraus auf die ganz grossen Bühnen zu spielen. Zu recht, denn das sie auch hier eine starke Präsenz zeigen können haben Blood Red Shoes beim Melt! eindrucksvoll bewiesen.
The “Oh Germany, we love Germany” Teenagers, die nächste Bands unseres Vertrauens, überzeugte in ihren 35 Minuten Festivalleben. Obwohl sie aus Paris kommen, wollen sie lieber Engländer sein und verpassen auch keine Gelegenheit, dies dem Publikum mitzuteilen (“We hate french!”) Musikalisch fahren sie mit ihren stark limitierten Gesangskünsten im seichten Fahrwasser des Pops der belangloseren Art. Gut genug für einen Festivalauftritt um 20 Uhr, wahrscheinlich zu substanzlos für mehr als einen Sommer Berühmtheit.
Als der Regen kam, liess Kate Nash auf sich warten. Nach über eine Stunde verriet uns ein Ansager den Grund: technische Probleme. (aha!). Nachher erfahre ich, dass die gute Kate öfter mal auf sich warten lässt. Scheinbar leichte Starallüren.
Wir liessen daraufhin Kate Nash im Regen stehen und schauten uns Zoot Woman im Gemini-Zelt an. Was soll man sagen, ein einziger Best-of Auftritt. All killers no fillers! Zoot Woman, it’s a physical feeling! Das Zelt bebte. Ihr Auftritt war der erste Höhepunkt des Melt! und die Band die erste persönliche Festivalentdeckung. Wir haben alles richtig gemacht!
Als dEUS gegen halb eins auf die Bühne kommen, durch Kate’s Verspätung ist der Zeitplan gehörig nach hinten gerutscht, hat der Regen aufgehört. Im Gegensatz zu ihrem Kulturkirchenauftritt im Frühjahr spielen sie nur Sachen vom neuen Album “Vantage Point”. Ausnahmen bildeten “Instant street”, was als zweites Lied direkt nach dem Opener
“Slow” kam, “For the roses”, “Theme from Turnpike” und das finale “Suds & Soda”, das ausufernd und selbstverliebt nicht enden wollte.
Sonst alles wie gehabt, Tom Barman gab den Chef, die Lichtshow eher düster und klar. Auch in diesem einstündigen Festivalset wussten dEUS zu überzeugen.
Doch eine Frage bleibt: Warum durfte Keyboarder Klaas Janzoons aus der Banduniform der schwarzen Oberteile ausbrechen und ein blaues Karohemd tragen? Hat Tom Barman scheinbar einen Moment nicht aufgepasst…
Den Abschluss des ersten Tages besorgten die Editors. Sie haben sich mittlerweile eine grosse Fangemeinde erspielt, der Platz vor der Mainstage füllte sich bei den ersten Klängen erheblich. Da die Aussentemperaturen doch eher Herbst als Sommer signalisierten, wurde es so denn auch – nicht nur ums Herz – ein wenig wärmer.
Apropos Intro. Nein, nicht die Zeitschrift, sondern die ersten musikalischen Lockrufe einer Band. Sie müssen bei Festivals ausdauernder sein als bei regulären Konzerten. Wie soll man es sonst schaffen, vom Pommesstand zur Bühne zu gelangen ohne das erste Lied zu verpassen? Das ist nahezu unmöglich. Daher: Liebe Bands, spielt Intros wie Kirchenglockengeläut am Sonntag morgen vor dem Hochamt. Lang, laut und leicht nervig! Nur so haben wir die Chance, alles von euch zu sehen!
Wie bei dEUS liessen auch die Editors keine Wünsche offen. Neben den Reissern aus den beiden Alben “The back room” und “An end has a start” spielten sie auch zwei neue Stücke.
Gegen drei Uhr beendeten die Editors den ersten Festivaltag mit dem obligatorischen “Fingers in the factory”.
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Melt! Festival – Ferropolis, 18.-20.07.2008




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Hintergrundbericht folgt!