Jersey – Aachen, 25.01.2009

.Ort: Musikbunker, Aachen

Ich bin wegen der Vorgruppe hier! So sagt man ab und an, wenn einen die kleinen, feinen, noch der Masse unbekannten Bands mehr interessieren als die vermeidlichen Kassenfüller.
In der Dreierkombi +/- [plus/minus], Loudest Boom Bah Yea und Jersey beeindruckte mich schon beim Kölner Konzert die Berliner Band Jersey. So machte ich mich kurzentschlossen auf den Weg nach Aachen, um Jersey und die nicht weniger eindrucksvollen +/- nochmals zu bewundern. Da über die New Yorker Band schon hier alles gesagt wurde, ist dieser Konzertbereicht der Vorgruppe gewidmet.
Der Musikbunker in Aachen ist ein wahrhaftiger Bunker. Ein gefühltes Labyrinth von unterirdischen Gängen lässt mich in den Konzertsaal gelangen. Ein überschaubarer Raum mit einer überschaubaren Bühne. Es ist kühl hier unter.
Auf der Homepage des Musikbunkers steht als Ankündigung für diesen Abend:
INDIE FESTIVAL+/- ( PLUSMINUS) & JERSEY (w/the notwist).

Jersey mit Notwist? Naja, das klingt irreführend, ist aber halb bzw. zu zweifünftel richtig.
Mit Andreas Haberl und Max Punktezahl tummeln sich zwei Notwister in der Band, die mit Marion Gerth, Noel Rademacher und Florian Zimmer zu Jersey werden. Auch die anderen drei waren bereits anderswo aktiv. Marion Gerth: ehemals Fred is Dead; Noel Rademacher: Noël; und Florian Zimmer: Saroos, iso68.

Jersey (Foto: Christoph)

Jersey (Foto: Christoph)

Eigentlich sind Jersey eine Gitarrenband. Und eigentlich auch nicht.
„Jetzt möchte ich aber wieder mit Computer spielen.“ sagt Gitarrist Max, der auch Gesangsunterstützung bietet, nach dem zweiten Song. Die technischen Problemchen scheinen gelöst, der Rechner neu gebootet. Sanftes geplinkel klopft aus den Boxen.
Jersey machen tollen Indiepop, der vor sanften Computersounds nicht halt macht. Hier und da immer mal wieder ein pfiepsen, pluckern oder knarzen. Und wenn der Name Notwist schon gefallen ist, dann ist er hier erneut zu nennen. Oder Joyzipper, oder die frühen St. Etienne.
Neun Songs spielen Jersey, teils instrumental, teils mit Gesangsunterstützung. Die Setlist ist leider unterwegs verloren gegangen. Wenn Noel singt, dann beherrscht die Stimme die Songs nicht, sie ergänzt sie wohldosiert. Sie kommt sehr entspannt und dezent rüber, ordnet sich unter, funktioniert eher wie ein zusätzliches Instrument.
Der Jersey Sound ist wunderbar! Unaufgeregt, harmonisch, entspannend, zeitgemäß. Nachdem zweiten hören klingen die Songs noch eine Ecke besser, noch interessanter. “Shoeshine” lässt jeden das Herz aufgehen, 1435 ist ein treibendes Gitarrennstück, und genauso toll.
Ach, es waren alle neun gespielten Songs toll. Und das Album Itinerary ist bestimmt auch gut!

+/- [plus/minus] – Köln, 22.01.2009

.Ort: Gebäude 9, Köln

Auf dem Weg ins Gebäude 9 höre ich seit langer Zeit mal wieder den Plan B. Das Radiohören ist mir abhanden gekommen in den letzten Monaten, es findet nur noch im Auto statt.
Ingo „ich-bin-Berufsjugendlicher“ Schmoll moderiert die Sendung. Erst ein Bericht über das neue Franz Ferdinand Album (das ich bald höre), dann Musik von Glasvegas (die ich hoffentlich bald sehe), Metric (die mich an die Breeders erinnern) und Cut Copy. Von der australischen Band habe ich in den letzten Tagen immer mal wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen gelesen. Das macht mich grundsätzlich stutzig. So war ich erfreut, endlich mal etwas von ihnen zu hören. Und was ich hörte, gefiel mir. Ein 1a Zitat aus New Order’s Blue Monday Phase. Es gibt durchaus negativere Referenzen.
Death Cab for Cutie, Postal Service, Nada Surf sind auch keine schlechten Referenzen. Diese Bands werden immer wieder als Vergleich herangezogen, wenn über die Musik von +/- berichtet wird. Ebenso RaRaRiot oder Voxtrott, wobei bei diesen beiden der Pfeil eher in die andere Richtung zeigen sollte, denn +/- (oder der quasi Vergänger Versus) sind ein paar Jährchen länger mit von der Partie als die genannten und daher die Referenz.
Wie ich auf die New Yorker aufmerksam geworden bin, mir fällt es partout nicht mehr ein. Es ging dann alles ganz schnell, passierte es doch erst in diesem Jahr.
Nach den ersten drei Songs ihres MySpace Streams war für mich sofort klar, dass ich die Band live sehen möchte, auch ohne große Kenntnis ihrer bisher veröffentlichten vier Alben. Der Abend war also eine kleine Wundertüte, doch ich war mir ziemlich sicher, nicht enttäuscht zu werden.
Und +/- enttäuschten nicht. Ein klassisches Indieset mit Gitarre, Keyboard, Bass und Schlagzeug. Auffallend war, dass die Songs durchweg ein bisschen gitarrenlastiger und „rockiger“ gespielt wurden als es im Internet zu hören ist.
Doch bevor die drei an der Reihe sind, verging noch einige Zeit.
Jersey spielten als erste auf. Die deutsche Band kannte ich nicht. Eine schnelle, nicht allzu tiefgreifende Google Suche am gestrigen Nachmittag brachte nicht die erhoffte MySpace Seite. Eine Ska-Punkband oder die Jerseyband, gelabelt mit ‚experimental / metal’ konnten nicht gemeint sein. Richtig. Die fünf Jerseys, dem Dialekt nach aus dem süddeutschen Raum, tatsächlich aber aus Berlin, spielten unaufgeregten, entspannten Indiepop. Teils ohne Gesang, teils mit 2 Gesangstimmen, aber immer im musikalischen Kontext von The Notwist, um eine Ahnung an Referenz zu geben. Sehr schön, sehr passend. Mehr Informationen über diese Band !!!
In der Erwartung als nächstes +/- zu sehen waren wir überrascht, als 2 Schlagzeuge direkt am Bühnenrand aufgebaut wurden. Was passiert hier? Noch eine weitere Vorband oder ein sehr spezielles +/- Konzert an diesem Abend? Als Chris Deaner mit einem Kollegen auftauchte, wurde die Verwirrung nicht weniger. Wer ist das jetzt?
„Die sind ubergesnappt.“, wie Sänger James Baluyut später trefflich über Loudest Boom Bah Yea anmerkte. 2 Schlagzeuger unter sich. 2 Schlagzeuger, die sich den Job bei +/- teilen. Karl Lundin ersetzt ab und an Chris Deaner, wenn dieser verhindert ist.
Somit war der +/- Drummer der meistbeschäftigte Mensch an diesem Abend. Fast genauso viel zu tun hatte der Bühnenroadie, der immer wieder das Schlagzeug neu positionieren musste, bis ihm die glänzende Idee kam, die Bassdrum mit einer Waschbetonplatte zu stabilisieren. Als das geschehen war, ruckelte und verschob sich nichts mehr. „Das ist ein Stein von der Strasse.“ Das war wieder Patrick Ramos, der mit interessanten Deutschkenntnissen abseits von „wie geht’s“ beeindruckte.
Schlagzeugsolos sind grundsätzlich nicht mein Ding. Oder direkt gesagt: ich hasse sie. Und jetzt noch Schlagzeugspiel in zweifacher Ausführung. Nun, nach einer knappen halben Stunde war der Job getan. Lustig war es war für den Moment, aber mehr wäre dann doch zuviel gewesen.
Fluchs wurde das linke Schlagzeug abgebaut, ein Keyboard auf die Bühne gestellt, und +/- fingen an zu spielen.
Die New Yorker gehören zu der Gruppe der unterschätzten Bands. Warum kennen eigentlich nicht mehr Menschen diese famose Band? Denn jeder, der Death Cab for Cutie mag (und das sind nicht wenige), sollte auch diese Band mögen. Jedem, der sich angesprochen fühlt, empfehle ich dringend den Klick auf die +/- MySpace Seite. Ihr werdet direkt begeistert sein, war ich auch, und ohne Umwege bei Amazon die CD ordern. Das habe ich auch getan, doch leider über ein unschlagbares Marketplace Angebot. Das hatte den charmanten Nachteil, dass die CD auch nach 14 Tagen noch nicht in meinem Briefkasten lag und ich ohne eine Band CD gehört zu haben ins Gebäude 9 eilen musste.
Egal. So war ich mehr als gespannt auf ihren Auftritt. Ich wollte mehr hören, ich wollte die Band näher kennen lernen. 150 andere wollten das auch, das Gebäude 9 überschaubar gefüllt.
Nette Sachen hatte ich gelesen: Über Chris Deaner, der American Idol Kelly Clarkson auf ihrer Tour unterstützt, oder über Patrick Ramos, der den CSI:Miami Sondtrack For you sang.
All das machte mich noch neugieriger.
Optisch ist die Band „weird“. Der Bassist Tony Zanella in seinen klobigen Winterstiefeln (die Fußpedalen mussten sehr weit auseinander stehen) und seiner angestaubten Jeans ist der typische amerikanische Mid-West-Indiemusikertyp a la Doug Martsch oder Robert Pollard. Der non-szenige nette Mann aus dem Reihenhaus von nebenan.
Sänger James Baluyut ist dagegen New York, der Drummer irgendwo dazwischen. Eine gesunde optische Mischung.
Wichtig ist aber schlussendlich die Musik. Immer wieder schaffen sie es, die wunderbarsten luftig leichten Harmonien herauszukitzeln, die sich bedächtig über das Schlagzeugspiel legen. Das hat grosses Hitpotential. Songs wie One day you’ll be there oder Steal the blueprint sind einmalig schön. Aber da Harmonien nicht alles sind, fetzen – aus dem nichts heraus – manchmal die Gitarren. Das erinnert an Built to Spill oder Sonic Youth. So entsteht eine Mischung aus Indiepop und dröhnenden Gitarren.
Die nicht ganz so gute Soundabmischung störte nicht und wurde schnell vergessen.
+/-, eine Wundertüte der schöneren Art.

.Multimedia:

Setlist: konzerttagebuch.de
Fotos: frank@ipernity
Video: -
Lesenswert: roteraupe.de
Archiv: -