Album 2010 – Delphic

Delphic - Acolyte

Manchester! Im Frühjahr konnte ich die Happy Mondays oder die Soup Dragons getrost archivieren. Es gab jetzt eine neue Band, die der Rave-o-lution der 90er Jahre ihre logische 00er Jahre Fortsetzung gab.
Delphic, vier Jungs aus Madchester, machten das britische Pop-Tanzalbum des Jahres. „Acolyte“ ist vielleicht das Album mit der größten Hitdichte 2010. Alleine unter den ersten sechs Songs sind fünf Hits. „Clarion call“, „Doubt“, „This monumentary“, „Red lights“, „Halycon“ und das grandiose achtminütige „Acolyte“. Hinzu kommt noch der Liebling „Counterpoint“ und das Hitbarometer steigt auf 74% Acolyte.
Der Erfolg, zumindest im Mutterland des Pop, war absehbar. 2009 wurden Delphic auf Platz drei der BBC Charts ’Sound 2010’ gewählt, direkt hinter Ellie Goulding und Marina und vor den Hurts und den Drums. Und wie es manchmal so ist, die Vorschusslorbeeren wurden bestätigt, behaupte ich mal. Wer auch nur ein bisschen auf Alternative Dance oder britische Popmusik steht, wird, nein muss dieses Album lieben. Underworld, New Order und ganz viel Factory Anleihen spiegeln sich in Delphics Debütalbum wider. Das ist grandios und gefällt mir sehr. Daher platziert sich das Album richtigerweise in meinen Jahrescharts. Vielleicht ist es sogar mein Album des Jahres.
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Ellie Goulding, Delphic – Essen, 07.05.2010

Eine Nacht in Essen. Die Mottoreihe des Radiosenders 1live ist in Essen angekommen. Ein Abend voller Konzerte, kultureller Ereignisse und den obligatorischen Partyreihen überflutete die Essener Freitagnacht. Essen, Ruhrgebiet, Kulturstätte 2010. Viel mehr muss ich nicht schreiben. Xavier Naidoo bekam eine Einladung, The Temper Trap ebenso, Wolf Christoph Biermann las über Fußball und in der Großraumdisco Delta Music Park spielten Madsen, Ellie Goulding und Delphic. Madsen, die Schreihälse aus dem Wendland, buchten gleich den großen Saal, Ellie Goulding und Delphic spielten, wie es sich gehört, in der Indiedisco des Musikparks.
Zog es mich bereits früher schon mehr auf die kleineren Tanzflächen, wo tendenziell die bessere und innovativere Musik aufgelegt wurde als auf dem Großflächentanzboden, auf dem man nur gelegentlich zu Madonna oder Midnight Oil seinen Körper bewegen konnte, so ist dies heutzutage natürlich nicht anders. Also, vorbei an der Haupthalle und hin in die allerletzte Ecke des Musicparks. Dort, wo der Toilettenwagen aufgebaut war und das Heizgebläse petroleumgeschwängerte Luft in den Zuschauerraum ventilierte, sollten zwei aus den TOP 3 der BBC – Sounds for 2010 den Abend gestalten: Ellie Goulding und Delphic. Hype as hype can. Also schon wieder Delphic. Nach ihrem – ich habe mich mittlerweile auf wahnsinnig als passende Umschreibung geeinigt – gestrigen Auftritt war ich sehr gespannt auf unser erneutes Wiedersehen.
Zuvor aber Ellie Goulding. Ungefähr genauso neugierig war ich auf den Auftritt des blonden Mädels aus Hereford. Ihr Debütalbum „Lights“ bekomme ich erst in den nächsten Tagen, so sind die beiden Singles „Starry eyed“ (überraschend schon das zweite Stück des Abends, aber vielleicht musste es in eine Radioliveübertragung gezwängt werden und war deshalb so früh angesetzt. Normalerweise bildet es den Abschluss eines Ellie Goulding Konzerts.) und „Under the sheets“ (das dann tatsächlich der letzte Song des Abends war) die einzigen mir bekannten Stücke des Abends.
Beide gefallen mir sehr, und da ich ein gewisses Grundvertrauen in die Kenntnisse der Mitarbeiter der Section Musik bei der altehrwürdigen BBC habe, erwartete ich ähnliches für die übrigen Songs. Leider, leider war das ein Trugschluss. Bei Weitem hält der Rest nicht das, was die BBC und „Starry eyed“ versprechen. Ins belanglose abgleitender Schnullipop, hier und da aufgepeppt mit einer akustischen Gitarre oder überflüssigen Drumeinlagen, so mein erster Eindruck. Nachdem sich die anfängliche Euphorie spätestens ab dem fünften Song ein wenig gelegt hatte, wurde es arg langweilig. Da nervten dann nicht nur die Fotografen, die hochwichtig mit 1live Bändchen und Monsterausrüstung den gesamten Abend die ersten beiden Reihen des linken Bühnenrands blockierten. Wenn einen der Künstler schon weniger als null interessiert, kann man dann nicht wenigstens seine Bilder abseits des Trubels gegenchecken und den kleinen Mädchen den Vortritt lassen? Na egal. Wie gesagt, auch Ellie und ihre drei juvenilen Begleitmusiker wurden anstrengend. Vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn ich das Album in Ruhe durchgehört habe, aber nach jetzigem Stand der Dinge glaube ich, dass Ellie Goulding maßlos überschätzt wird. Dann wird das ein sehr kurzer Hype.
Dann weiter zum wahren Sound für 2010. Delphic. Das zweite Mal innerhalb von 24 Stunden. Macht das Spaß? Klares ja. Es machte dieses Mal sogar noch mehr Spaß als tags zuvor im Gebäude 9. Dass lag bestimmt auch daran, dass der Sound in Essen nicht so laut und super-dröhnig war. Das Hören war so um einiges angenehmer. Delphic boten erneut beste Tanzmusik. Die Setlist war identisch mit der des Kölner Konzerts, daher gab es nichts neues zu hören. Was mir aber im zweiten Livedurchgang auffiel: wie viele tolle Songs sind doch auf Delphics Debüt „Acolyte“ versammelt. Und wie stark präsentiert sich doch das Eröffnungstrippel mit „Clarion call“, „Doubt“ und dem sehr überzeugt angelegten „Red light“. Madchester machte mir von beginn an viel Spaß. Und im Unterschied zu Frau Gouldings Auftritt wurde der nicht weniger. „Halycon“ und „This momentary“ sowie der letzte Song des Abends „Acolyte“, weitere Ausrufezeichen einer tollen Band, die hoffentlich ein gutes zweites Album nachlegen kann.
„War das ein geiler heißer Scheiß?“ fragte die überdimensioniert bebrillte 1live Moderatorin am Ende des Konzertabends. Delphic hatte auch sie begeistert, und ja, das war es. Aber ob es das bleibt, ich bin mir unsicher. Freuen würde es mich!

Setlist Ellie Goulding:
01: ?
02: Starry eyed
03: Guns & horses
04: Your biggest mistake
05: The writer
06: Lights
07: Everytime you go
08: This love
09: I wish i stayed
10: Salt & skin
11: Under the sheets

Setlist Delphic:
01: Clarion Call
02: Doubt
03: Red lights
04: Submission
05: Halcyon
06: This momentary
07: Counterpoint
Zugabe:
08: Remain
09: Acolyte

Multimedia:
Fotos Ellie Goulding: frank@flickr
Fotos Delphic: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Delphic – Köln, 06.05.2010
Bloc Party – Köln, 17.02.2009
Health – Köln, 17.10.2009
Florence & the machine – Köln 06.10.2009
Kate Nash – Köln, 06.12.2007

Delphic – Köln, 06.05.2010

Ich sag es mal so: Entweder man liebt es oder man hasst es. Delphic live ist garantiert nicht jedermanns Sache. Es ist das zweite Mal, dass ich die Manchesterband live sehe. Zugegebenermaßen war unser erstes Zusammentreffen eher kurz, und es war mir auch überhaupt nicht mehr bewusst, dass sie vor zwei Jahren im Vorprogramm von Bloc Party spielten. (Aber auf das Google Gehirn ist Verlass, auf mein Gedächtnis eher weniger!).
Während ihres gut einstündigen Konzerts hatte ich viele Assoziationen.
Zum Beispiel die: So müssen die Happy Mondays bei ihrem Versuch, die Songs des 1989er Albums “Hallelujah” live umzusetzen, geklungen haben. Rumpeliger Bass, breiige Gitarren, alles überdröhnende Keyboards und Airdrums. Als Ergebnis steht ein großer Klumpen Soundkompott, der mit den feinen, dezidierten Klängen des Delphic Albums, die man auf einem iPod hört, nichts gemein hat. Und genau wie Shaun Ryder kann auch James Cook eher nicht so gut singen. Aber seinen Gesang hört man eh kaum, und wenn doch, wie im Zugabenteil beim entspannter angelegten „Remain“, dann ist der Hallpegel so gut gewählt, dass das Gebrabbel weniger ins Gewicht fällt.
Beim Delphic Liveerlebnis ist der Tanzbeat das entscheidende Argument. Und der ist gut. Rave, Trance, Techno, Madchester. Das funktioniert, hier zeigen die vier Manchunians, wo ihre Wurzeln liegen. Tanzen, das kann man zum Delphic Livesound, zum zuhören ist er sehr ungeeignet.Und ehrlich gesagt, ich hatte das auch so erwartet. Die YouTube Liveschnipsel zeigten mir schon vorher, dass der Sound bösartig und sehr unausgewogen daherkommt. Also, das war keine Überraschung.
Im übertragenen Sinn ist es so wie bei einem Health Konzert. Noch so eine Verknüpfung, die mir in den Kopf fährt. Auch die L.A. Rockband klingt live gewöhnungsbedürftig wuchtig und überdimensioniert, auch ihre Sounds fallen mitunter sehr tief ins Wasser.
Beide Bands schaffen es aber irgendwie, diesen Tatbestand beiseite zu schieben und deklarieren ihn zur Nebensache. So macht sich während des Sets eine soundhafte Erschlagenheit breit, die noch dadurch verstärkt wird, dass Delphic ohne große Pausen Song an Song reihen. Keyboardpassagen bilden Brücken und sekundenkurze Ruhe gibt es erst nach dem vierten Song.
Der Auftritt gleicht hier mehr einem DJ Set als einem Konzert. Ihre sieben Songs spielen sie in extrem langen Variationen. Immer wieder weichen Trancebeats die Songstrukturen auf, verzögern den Refrain-Strophe-Refrain Rhythmus um ein Vielfaches. Es kommt mir vor, als ob ich sämtliche Maxis – und hier den jeweiligen extended dance mix – von New Order über Happy Mondays bis hin zu Underworld sinnfrei und stumpf hintereinander weghöre. Das klingt vielleicht negativ, soll es aber nicht sein. Es war ein beeindruckendes Konzert. Warum auch immer.

Aber Delphic stehen zurecht da, wo sie die britische Musikpresse und die BBC hinschreibt: unter den TOP 3 der hoffnungsvollsten Bands für 2010. Ob das für mehr als 2010 reichen wird, wir werden es sehen.

Setlist:
01: Clarion Call
02: Doubt
03: Red lights
04: Submission
05: Halcyon
06: This monumentary
07: Counterpoint
Zugabe:
08: Remain
09: Acolyte

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Bloc Party – Köln, 17.02.2009
Health – Köln, 17.10.2009