Berlin Festival 2009 – Tempelhof, 08.08.2009

Der Samstag begann laut. Da wir noch unsere Wunden vom Vortag pflegen mussten, ließen wir die Kilians Dinslakener sein und begaben uns erst zur aus Brooklyn stammenden Band Oneida Richtung Tempelhof. Über diese Band kann ich nicht viel erzählen. Ich kenne sie schlichtweg nicht, bzw. kannte sie bis Samstag nicht. Die vier Männer, namentlich Kid Millions (Schlagzeug und Gesang), Bobby Matador (Gitarre; Gesang), Hanoi Jane (Gitarre, Bass) und Shahin Motia (Gitarre) spielten groß auf und hinterließen einen bleibenden Eindruck. Ich habe selten ein so lautes Festivalset gehört wie das von Oneida. Klar, durch die Halligkeit im hangar wurde der Eindruck verstärkt, aber der direkte Lärmstrahl aus Richtung Bühne war im vorderen Bereich regelrecht körperlich zu spüren. Irgendwo zwischen Krautrock, Stoner Rock und Elektropunk liegen ihre Songs. Sie sind wild, zerstreut; kleine Monster mit ewiger Spieldauer. Ich glaube, Oneida haben in ihren 45 Minuten Bühnenzeit maximal 5 Stücke gespielt. Oder sechs. Oneida, der Samstag fing gut an.
Und er ging in gleichem Tempo weiter.
The Thermals covern 100% von Sonic Youth. Der zweite Song ihres Sets ist mein Wachmacher. Genau wie Oneida, der Name leitet sich übrigens von einem Volk der Irokesen ab, gingen die Thermals bisher nahezu an mir vorbei. Aber der gewünschte Nebeneffekt eines Festivals ist es ja, solche eher unbekannten Künstler ausgiebiger kennenzulernen. Und die Thermals haben mich überzeugt. Sie erfinden das Rad des Indie-Rock-Alternativ-Pop a la Guided by Voices oder Ramones nicht neu, aber sie drehen es in unterhaltsamer Manier weiter. Schnell sind die Songs, und kurz. Eine der Festivalentdeckungen.

Health, die Band die beim diesjährigen SXSW in Austin sehr wohlwollende Kritiken erhielt, spielten mit geringem Zeitversatz quasi parallel zu den Rifles auf der Second Stage. Also machten wir uns nach einer Viertelstunde Rifles Hits auf den Weg. Zwischendurch noch ein kleiner Schlabberstop am Würstchenstand und schon waren wir mitten im Soundcheck der vier Männer aus Los Angeles. Es kam nun zur lustigsten Szene des Festivals. Noch circa 10 Minuten checkten sie ihre Instrumente, dann trat Sänger Jake Duzsik ans Mikrofon, begrüßte das Publikum und wie auf Knopfdruck fing die Band urplötzlich an aufs übelste loszurocken und sich ekstatischen Bewegungen hinzugeben. Nach 30 Sekunden entschulterten die drei ihre Gitarren, griffen zu den Mikros und brüllten unverständliches in ihre Mikros. Wieder wenige Sekunden später knieten sie sich vor ihre Pedals und Frickelgeräte und ließen den elektrischen Bassbeats freien lauf. Das sind Health. Ihre Bühnenperformance erinnert an Trail of Dead und Atari Teenage Riot.
Ihr Noise Rock ist sehr kraftvoll, die Gitarren dominieren die Songs, Keyboard und sonstige Elektrospielereien bleiben aber nicht außen vor. Gesang ist für Health eher nebensächlich, schien es mir. Nur selten trat Jake Duzsik ans Mikro, und wenn, dann ging er hoffnungslos unter.

Danach war die Luft erst mal raus. Zu Zoot Woman fanden wir uns zwar wieder vor der Hauptbühne ein, allerdings war es im Hangar mittlerweile gut gefüllt und ich nicht in der Stimmung für Disco.
Im Anschluss sollte Herr Jarvis Cocker die Bühne in Beschlag nehmen. Jarvis war unser heimlicher Hauptakt des Samstags. Schon nachmittags war klar, dass wir Deichkind ein Lied lang keine Chance geben würden.
Damals, in den 90ern, möchten wir schon die britischen Pulp sehr, und waren traurig als sie sich 2002 nach sieben Alben in eine immer noch anwährende Schaffenspause verabschiedeten. Von Jarvis Cocker, dem Sänger, war in der Folge lange Zeit nichts zu hören.
2003 erschien dann sein Solodebüt „Jarvis“. Dann tauchte er in einem der Harry Potter Filme auf, schrieb Kinderbücher und trennte sich von seiner Frau. Dieses Jahr erschien mit „Further Complications“ sein zweites Solowerk. Im Gegensatz zu „Jarvis“, das streckenweise doch sehr an die Pulp Songs anknüpfte, ist „Further Complication“ mehr Rock als Pop. Das überraschte mich doch sehr, trotzdem – oder gerade deswegen – bin ich sehr von dem Album begeistert.
In Berlin spielte Jarvis Songs aus beiden Alben. Im ersten Teil des Sets die des neuen Albums, im zweiten Teil Songs vom Debüt. Erwartungsgemäß gab es keine Pulp Songs. Die mag er nämlich nicht mehr spielen, ließ Herr Cocker verlauten. Das machte er schon seinerzeit nicht, als er mit seinem Debüt auf Tour war und wir ihn in Köln gesehen haben. Dann lieber nur eine Stunde spielen.
Und eine Stunde Jarvis ist allemal besser als keine. In Berlin war sein Set auf eine Stunde angesetzt, und es war ein Augenschmaus. Der alte Schlacks überzeugte. Immer in Bewegung, immer in direkter Konversation mit dem Publikum. Ein wahrhaft großer Entertainer, der immer was zu sagen hat und der seinen Songs durch seine (unfreiwillig?) staksig unelegant wirkenden Körperbewegungen das besondere verleiht.
Davon lebt die Jarvis Cocker Show, denn musikalisch ist nicht jeder vorgetragene Song ein Knaller. Aber das geht unter, wenn er mit einer Handpuppe spricht, die ihm aus der ersten Reihe entgegengehalten wird, oder das Keyboard mit der Schuhsohle malträtiert. „Angela“, die aktuelle Single, kommt früh am Abend und ist neben „Black Magic“ und „Fat children“ ein Highlight. Jetzt haben alle in den vorderen Reihen hat ein Lächeln im Gesicht. Apropos vordere Reihen. Es haben sich hauptsächlich Mitte-, Enddreißiger hier platziert, die Pulp Zielgruppe von damals ist Jarvis also treu geblieben. Einzig einige Deichkindkids haben sich dazwischengemogelt. Sie wollten sich frühzeitig eine gute Ausgangsposition sichern und pogen aus lauter Langeweile zu „Black Magic“. Ein bisschen mussten sie aber noch ausharren, ein Saxophon („Homewrecker“) über sich ergehen lassen, bevor „You are in my eyes“ das Set beendete.
Sie haben halt nicht verstanden, beziehungsweise eine falsche Herangehensweise. Uns hat es gefallen, und fielen anderen, die sich nach dem Ende des Sets Richtung draußen bewegten, auch. Der größere und jüngere Teil an Festivalbesuchern jedoch strömte uns entgegen. Wenn die Welt gerecht wäre…

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Berlin Festival 2009 – Tempelhof, 07.08.2009

Der Freitag stand ganz im Zeichen der britischen Saint Etienne. Als ich vor einigen Wochen hörte, dass die beste und meistunterschätzte englische Band der letzten 15 Jahre ihre Zusage für das Festival gegeben hat, war klar, da muss ich hin. Zu selten hat man die Gelegenheit, die drei Musiker live zu sehen und so gilt es, jede Chance gnadenlos zu nutzen.
Um es vorweg zunehmen und die Chronologie zu durchbrechen, Saint Etienne haben nicht enttäuscht und waren ähnlich souverän wie seinerzeit beim Monsters of Spex, ihrem letzten Deutschlandauftritt vor einigen Jahren.
Fox Base Alpha, ihr 1991er Debütalbum bildete im Mai diesen Jahres das Grundgerüst für einige Auftritte in England, bei denen Saint Etienne das komplette Album spielten.
In Tempelhof war ihre Mischung ausgewogener, zu Fox Base Alpha Klassikern wie „Only love can break your heart“, „Girl VII“ oder „Nothing can stop us“ gesellten sich die wunderbaren „Heart failed“, „Good thing“ (mit „You probably know that from the Spanish Film Volver“, wurde der Song angekündigt) und ein Abschlussdreier, der seines Gleichen sucht (und wohl nicht findet!): „Like a motorway“, „Sylvie“, He is on the phone“. Mehr geht nicht.
Diese Band ist erstaunlich. Zwei kleine Keyboardtürmchen stehen mittig auf der Bühne. Davor, fast am Bühnenrand, ein Mikrofonständer. Das ist der Platz von Sängerin Sarah Cracknell. Neben Kim Gordon und Beth Gibbons ist sie die dritte Grand Dame des ausgehenden letzten Jahrtausends. Divenhaft und souverän swingt sie sich durch die Beats. Die kommen von Bob Stanley und Pete Wiggs, die sich hinter ihren Soundmaschinen positioniert haben.
Am Ende des Sets landete Sarah Cracknells Federboa im Publikum. Das gute Stück wurde gerecht geteilt. Saint Etienne waren das erhoffte Highlight. Doch bevor es soweit war, galt es, anderen Bands zuzujubeln.

Dear Reader zum Beispiel. Die Südafrikaner waren das erste, was wir an diesem Freitag hörten. Ich hatte die Band dieses Jahr schon zweimal live erleben dürfen und somit war meine Neugierde nicht ganz so gut. Die Konzerterinnerungen aus Köln und Nijmegen waren noch zu präsent und darüber hinaus hatte ich mich vorher schon darauf festgelegt, dass die große Festivalbühne nicht zur Dear Reader Musik passt. Überrascht war ich ob des großen Zuschaueranspruchs. Waren zu Beginn des knapp 45 minütigen Sets die Menschenmassen noch überschaubar, so füllte sich die Halle doch recht ordentlich und mehrere Hundert lauschten den Klängen um Cherilyn MacNeil, Darryl Torr und Michael Wright. Ach ja, die Violistin aus Köln war auch wieder mit dabei und jemand mit Insiderwissen erzählte mir, dass sie jetzt festes Dear Reader Mitglied sei.
Nach „Heavy“, ihrem dritten oder vierten Song verließen wir daher den Hangar und schlenderten hinüber zur Second Stage. Hier spielten Telepathe. Auf die beiden Mädchen war ich schon gespannter, sie wollte ich mir unbedingt anhören. Anfang des Jahres erschien ihr Debüt „Dance Mother“, und nicht nur im Kölner Stadtanzeiger gab es eine vielversprechende Plattenrezession. Mein Interesse wurde also schon frühzeitig geweckt. Telepathe sind Melissa Livaudais und Busy Gangnes aus New York. Klar, woher auch sonst, zu ihren avantgardistischen Club-Pop-Dance-Techno-Sound passt nur diese Stadt. Und Telepathe passten mit ihrem Sound punktgenau in das Berlin Festival. Irgendetwas ließ mich noch aufdem Heimweg zum Hotel denken, gut, dass ich Telepathe gesehen habe.
Zurück an der Hauptbühne. These New Puritans. Ehrlich gesagt habe ich nach zwei Tagen Festival keine großen Erinnerungen mehr an die Band aus Southend. Das ist wohl kein gutes Zeichen.

These New Puritans - Berlin Tempelhof, 07.08.2009

Und dann kam Peter. Ich glaube er nennt sich jetzt lieber Peter als Pete, aber das nur als Nebensächlichkeit. Ich bleib mal bei Peter. Peter Doherty war pünktlich. Er hatte zwei Tänzerinnen dabei, und eine Gitarre, und seinen Hut, und – ach scheiß Klischeeverwirklichung – er hatte Alkohol im Blut. Ich vermute dies, weil sein leicht schwankender Gang darauf hindeutete. Aber er war da, und der Hangar zum ersten Mal voll. Also mit Leuten, nicht ähh, na ja.
Peter Doherty schnallte sich also seine Gitarre um, und spielte los. Songs von seinem Soloalbum, den Babyshambles und den Libertines. Warum nur wollen so viele Peter Doherty sehen? Was hat der Mann außer seinen Skandalen und einer begnadet tollen Stimme? Ich kam nicht hinter das Geheimnis, und nach einer guten halben Stunde hatte ich genug gesehen und gehört. Genug Musik für heute, aber morgen ist ja noch ein schöner Tag.

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Berlin Festival 2009 – Tempelhof

Zurück aus der Hauptstadt. Zwei Abende Berlinfestival liegen hinter uns, der auf Schienen fahrende Personennahverkehr zwischen der Warschauer Straße und dem Platz der Luftbrücke ist uns nun vertraut, der stillgelegte Innenstadtflughafen Tempelhof keine Unbekannte mehr auf der touristischen ich-war-schon-da Weltkarte.
Ein Festival auf einem Flughafengelände. Was bei uns viele Erwartungen hervorrief und uns sehr gespannt nach Berlin pendeln ließ, fühlte sich real wie folgt an: Kartentausch / -kauf in der Schalterhalle am Schalter der „Air Bourbon“, Spielpläne aufgelistet an der An- und Abflugtafel, eine Bühne – die kleinere – im überdachten Teil des Geländes direkt hinter dem Empfangsgebäude aufgebaut und die Hauptbühne mitten in einem riesengroßen Hangar installiert.
Das sah schon mal gut aus, und wenn ich die schlechte Tonqualität im hinteren Teil des Hangars sowie die sehr stickige Luft in eben dieser Halle außer Acht lasse (wer hat übrigens was von Open Air gesagt?!), dann gab es nicht viel zu kritisieren. Eigentlich gar nichts.
Es waren zwei gelungene Tage.
Musik gab es natürlich auch. Einige Überraschungen waren dabei. Vorab ein Schnelldurchlauf unserer Konzertstationen des Wochenendes:
Der Schlaks Jarvis Cocker mit der Show des Jahres.
Health, die selbstzerstörerische Hoffnung des Rock aus Los Angeles.
Deichkind, der Technoschreck mit dem Dead Kennedys Logo.
The Thermals, die neuen Lieblinge und Sonic Youth Coverer.
Zoot Woman, die schwächelnden Disco Dancer.
Telepathe, zwei Mädels im Gleichklang auf gefühlten 37 Keyboards.
Oneida, und meine Ohren hören doch noch was.
Peter Doherty, der Junge mit der Gitarre.
St. Etienne, der Grund des Festivalbesuchs, begeisterten mit wunderbaren Sounds.
The Rifles, a little piece and quiet.
Dendemann, Lunchbreak mit Essen und Trinken auf dem Rollfeld.
Dear Reader.
These New Puritans, irgendwie anstrengend aber interessant.

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Und das berichten die anderen Blogger in der bekannten, sehr lesenswerten Art und Weise:

popwolf.de
konzerttagebuch.de
lieinthesound.de