Benjamin Biolay – Mainz, 27.02.2013

Ort: Frankfurter Hof, Mainz
Vorband: -

Benjamin Biolay

Der Mittwochabend begann 24 Stunden zuvor. Ich saß gerade am Tisch als ich die Tageszeitung aufschlug und im beigefügten Magazin las, das Benjamin Biolay an diesem Abend in der Bonner Harmonie spielt. „Mist“, sagte ich, „hätte ich das eher gewusst wäre ich hingefahren.“ Es war bereits gegen 20 Uhr und somit viel zu spät, um noch zeitig die 30 km nach Bonn zurücklegen zu können. Das war schon sehr ärgerlich, diesen Termin nicht gekannt zu haben, denn all diese französischen Nouvelle Chanson Künstler machen sich in Deutschland sehr rar. Benjamin Biolay hat seit Jahren nicht mehr in Deutschland live gespielt, Dominique A. ist ebenso wenig oft zu sehen und für alle anderen gilt das ähnlich.
In Köln hat man da noch das Glück, dass die fleißigen Leute vom Le Pop Team ein-, zweimal im Jahr ihre Konzerte veranstalten und in diesem Rahmen die französischen Stars in den Stadtgarten oder ähnliche Orte locken können. Aber das ich jetzt gerade Benjamin Biolay verpasst habe, sehr ärgerlich.
Doch zurück zur Zeitungslektüre und dem Dienstagabend. Ich hatte gerade ausgelesen, als eine sms eintrudelte. „Hattest du gewusst das Benjamin heute in Bonn spielt?“ so die kurze Frage. Ich antwortete mit „ja, aber erst seit 10 Minuten.“ Im Gegenzug kam: „Morgen spielt er in Mainz“. Da war mir klar, wohin diese Konversation führen wird. In Gedanken sah ich mich schon im Auto nach Mainz sitzen. Die knappe Relativierung „Mainz ist weit.“ Wurde mit der Nachricht „180 km, es gibt noch Karten, sag was“ gekontert. Eine halbe Stunde später waren die Tickets ausgedruckt und 20 Stunden später saßen wir im Wagen nach Mainz.

Wer sich durch die Platten Benjamin Biolays hört wird merken, dass seine Musikstile stark wechseln. Pop, New Wave, Sprechgesang.
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Benjamin Biolay – Esch-Alzette, 22.05.2010

Ort: Rockhal, Esch-Alzette
Vorband: Marie Warnant

Luxemburg. Avenue du Rock’n‘Roll. Mitten im ehemaligen Industriegebiet der zweitgrößten Stadt des Landes, Esch-Alzette, entsteht ein neuer Retortenwohn und -geschäftspark.
Es ist das Esch Belval, das ehemalige Minen und Hüttengelände zur Eisenerzförderung, das in derzeit neue Jahrtausend überführt wird. Mit Einkaufszentrum und perfekter Bahnanbindung an die Hauptstadt. Eine Veranstaltungshalle existiert bereits. Die Rockhal, an eben dieser Avenue du Rock’n’Roll gelegen. Der Gebäudekomplex beinhaltet eine große und eine kleinere Konzerthalle, sieht gut aus und macht einen funktionellen Eindruck. Das Parken ist an diesem Abend kein Problem, das ehemalige Industriegebiet ist nahezu menschenleer. Nur vor dem Eingang der Rockhal bildete sich eine längere Menschenschlange. Benjamin Biolay und seine fünfköpfige Band sind zu Besuch, in der kleineren, 1200 Leute fassenden Halle. Also zieht er selbst im benachbarten Luxemburg nicht so viele Menschen. In Frankreich ist Benjamin Biolay groß, sehr groß. Vergleichbar, so las ich irgendwo, mit der Größe eines Herbert Grönemeyers im deutschsprachigen Raum. Leider schaffen es die französischen Künstler nicht immer, ihre Tourneen bis zu uns auszudehnen. Ab und an sieht man sie in Köln, meistens im Rahmen der Le Pop Veranstaltungen im Stadtgarten. Also, kommt der Künstler nicht zu uns, müssen wir halt zum Künstler. Mal wieder. Aber wir machen das gerne, und ein Ausflug an einem Samstagabend, an dem sonst nur das wichtigste Fußballspiel Europas stattfindet, geschenkt.

Die Bühne ist riesengroß und zweigeteilt. Der hintere Bereich, auf dem das Schlagzeug, das Klavier, die Harfe und das Cello positioniert sind, ist leicht erhöht. Die Keyboards stehen vorne links. Genauso wie dieses komische elektronische Gerät, dass an diesem Abend die dominante Rolle in den Biolay’schen Songs einnehmen soll. Verflucht, ich weiß nicht, wie es heißt, es funktioniert so: durch Bewegen der Hand hin- und vom Gerät weg werden elektronische Dinge in gang gesetzt, die Töne erzeugen.
Der Rest der Bühne ist leer und für Benjamin Biolay reserviert. Und er nutzt den Platz, er braucht ihn gar, geht er doch wie ein Tiger in seinem Käfig beständig hin und her. Es sei denn, er sitzt am Flügel. Im Mittelteil des Sets passiert das erstmals. („Ton heritage“,…) und später zur ersten Zugabe erneut.
Die in schwarzen Anzügen sehr stilecht und sehr französisch gekleideten Musiker (inklusiver zu vieler offener Hemdknöpfe!) liefern eine perfekte Abendunterhaltung. Jeder Ton sitzt, alles scheint durcharrangiert, nichts wird dem Zufall überlassen. Alles wirkt sehr groß.
24 werden sie heute spielen, viele davon vom letzten Album „La superbe“. Der Titeltrack ist dabei gleich ein kleiner Höhepunkt. Zusammen mit dem sehr dichten „A l’origine“ bleibt es mir am stärksten im Gedächtnis. Schwer, verhangen, nebelig, die Vielschichtigkeit der Songs wird live durch die Vielzahl der Instrumente gut abgedeckt. Eine tolle Umsetzung, dass einem glatt der Atem wegbleiben könnte. Solch eine Dunkelheit hätte ich nicht erwartet. Benjamin Biolay kann aber auch anders. „Dans la Merco Benz“, eine gute Laune Song. Manchmal übertrieben sie es aber: Bei „L’espoir…“ oder „Qu’est ce que ca…“ verhunzten nervige Keyboards die Songs. Ein bisschen zu viel des seichten La Boom Disco-Feten-Beats. Doch diese kleinen Eskapaden bleiben die Ausnahmen eines ansonsten guten Konzertes.
Ein Konzert, an dem gerade die weibliche Anhängerschaft, und sie war eindeutig in der Mehrzahl, größte Freude hatte. „Benjamin“ Zwischenrufe, spontaner Applaus in den Songs, wenn Alan Delon Benjamin Biolay zur Trompete griff oder sich auf die Knie fallen lässt. Er ist ein großer Charmeur, dieser Prinz Benjamin (so die Zeitschrift Les Echoes über B.B.) ganz klar!
Am Ende des Sets holt er sich seine Belohnung. Ein kleines Mädchen aus der ersten Reihe überreichte ihm eine rote Rose. Voila!

Setlist:
01: Pour ecrire un seul vers
02: Tout ca me tourmente
03: Meme si tu pars
04: Si tu suis mon regard
05: Night shop
06: Lyon presqu’ile
07: Chere inconnue
08: Prenons le large
09: Dans la Merco Benz
10: Ton heritage
11: Nuage noir
12: Novembre toute l’annee
13: Les separes
14: Bien avant
15: La superbe
16: Qu’est ce que ca peut faire?
17: L’espoir
18: Assez parle de moi
19: Quinze septembre
20: A l’origine
Zugabe I:
21: Negatif
Zugabe II:
22: Padam
23: Cerfs volants
24: Brandt raphsodie

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Coralie Clement – Köln, 24.04.2009
Marianne Dissard, Francoiz Breut – Köln, 15.03.2009

Benjamin Biolay

Französischen Popmusik, oder neudeutsch nouvelle chanson. Da kenne ich mich überhaupt nicht aus. Hintergründe, Zusammenhänge, Geschichten, ich weiß gar nichts.
Carla Bruni, ihre CDs lungern im Regal herum, auch über alle Le Pop Sampler stolpere ich ab und an beim Staubwischen.
Dominique A, Francois Breut, Benabar, wenn ich es richtig überlege, dann sammeln sich doch einige Scheibchen französischsprachiger Musik an. Meine Mitbewohnerin fährt da voll drauf ab. Sie schleppt das Zeugs an und ich höre mit. Ihr neuestes Mitbringsel ist Benjamin Biolays aktuelles Album „La superbe“.
Nun, Benjamin Biolay ist so was wie der große Held der Szene. Seit 1996 arbeitet er als Solokünstler. Acht Alben sind seitdem von ihm veröffentlicht worden, darunter mit „Negatif“ und eben „La superbe“ zwei Doppel-Alben. Darüber hinaus schrieb und produzierte er für seine Schwester Coralie Clement ihre drei Alben „Salle de pas perdus“, „Bye Bye Beauté“ und „Toystore“.

Biolay has been the name on many French lips since the release of his debut, Rose Kennedy, which won the prestigious Victoire De La Musique award for best album in 2002. “I lost the award on the night so I never think about it,” he confesses. “It was a concept album about the Kennedy family, taking a closer look at this Shakespearian myth.” Francophiles over the world know him as the producer and co-writer of Keren Ann’s first two albums, and for the compositions he has penned for the chanson legends Juliette Gréco, Françoise Hardy, Valérie Lagrange, Henri Salvador and Julien Clerc.

Mir ist, nein war Benjamin Biolay nahezu unbekannt. Da bin hierzulande bestimmt nicht der einzige. In Frankreich ist er groß, in den angrenzenden französisch sprechenden Ländern oder Landesteilen ebenso. Aber dort ist Herbert Grönemeyer der große Unbekannte. Ich denke, der Vergleich passt.
Dann hörte ich auf meiner letzten Autofahrt nach Berlin zweimal sein Doppelalbum. Komplett, ohne Pause. Und das nicht nur, weil ich zu faul war, die CD zu wechseln. Nein, „La Superbe“ ist toll! Es ist ein Monster, es ist so vielseitig und abwechslungsreich, dass man alle Dinge beim ersten Hören gar nicht erfassen kann. 22 Songs lang ist das Doppelalbum. Die Breite geht von Pop über Jazz bis hin zu Weltmusik. Es ist unfassbar, wie wandlungsreich und schön Benjamin Biolay eine Melodie nach der nächsten aus dem Hut zaubert.
Es macht also sehr viel Sinn, sich diesem Künstler intensiver zuzuwenden. Und überhaupt ist die gesamte französische Popszene ein sehr unterschätzter illustrer Sack voll von wunderbaren Musikern und Songschreibern.
Zugegeben hab ich es ja schon, ich habe diesbezüglich die Weisheit nicht gegessen und mich auch nie richtig darum gerissen, mir das ein oder andere aktiv anzuhören oder anzulesen. Ich bevorzuge hier das berieseln lassen, das sich alles sagen und zeigen lassen. Gut, dass jemand in meiner unmittelbaren Nähe dazu in der Lage ist, mir die nouvelle chanson näher zubringen. Sonst hätte ich Benjamin Biolay nie kennen und schätzen gelernt.

Links:
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