List-o-mania 2009 – Top of the blogs

Top of the blogs 2009

Wie viele Musikblog gibt es? Und wie viele lesen wir davon tagtäglich?
Am Jahresende dann überall das gleiche Prozedere. Album des Jahres, Song des Jahres. Listen so unterschiedlich wie die Geschmäcker der Schreiber. Das ist toll und es ist ein irrer Spaß, die einzelnen Favoriten durchzuklicken und kennenzulernen. “Ahh, die hier auch in den TOP10, sehr gut”, oder “das bewertet der so hoch, na ich weiß nicht”. Herrlich, diese gedanklichen Diskussionen vor dem Bildschirm!
Einem Aufruf folgend haben sich nun 14 Blogs zusammengetan, um eine gemeinsame Jahrescharts zu erstellen: Die Top of the Blogs 2009.
Initiator des Ganzen sind zum einen Tom von der wunderbaren blogpartei und zum anderen die formidablen whitetapes, die weder Mühe noch Aufwand gescheut haben, diese Liste nach ausgeklügelten mathematischen Formeln und der Lehre der Statistik zu ermitteln. Das Vorbild zu dieser Aktion kommt aus Frankreich, das Ergebnis ist ein interessantes (und weicht sehr vom französischen Resultat ab). Insgesamt wurden 104 Alben vorgeschlagen. Wer sich für alle 104 Alben interessiert, kann das komplette Ranking hier (als downloadbare openoffice Datei) nachlesen, die Top 10 sehen so aus:

Platz 10: Fever Ray – s.t.

Platz 10 - Fever Ray - s.t.Das vermeintlich kälteste Album des Jahres, zumindest wenn man die verzerrte Stimme und die dumpfen Synthiesounds die ersten Male auf sich wirken lässt. Doch hinter dem eisigen Wasserfall sind ungeahnte Landschaften zu finden. Ruhig stapft das Album weiter, über afrikanische Steppen hin zum windigen Atlantik. „When I grow up, I want to live near the sea.“ Ein Album, das schnell wächst, mal tanzend, mal geruhsam fortwärtsschreitend, um sich dann auf den Tafelbergen niederzulassen und zur Antarktis zu schauen. „I put my soul in what I do.“ Das glauben wir aufs Wort.

Platz 9: Sunset Rubdown – Dragonslayer

Platz 9 - Sunset Rubdown - DragonslayerDas vierte Werk von Sunset Rubdown droht anfangs missverstanden zu werden, versteckt sich seine Komplexität doch tückisch hinter einer simpel anmutenden Fassade. Wer den Kanadiern berechenbaren Pop nach einem simplen Schema unterstellt, hat nicht richtig hingehört und verpasst Großartiges. Die Mannen hinter Wolf Parade und Handsome Furs fahren hier teils vertraute Stützen wie Spencers gewohnt eilende Stimme auf, doch kribbelt es dahinter mit jedem Hördurchgang immer mehr; es wächst und gedeiht, über das umzäunte Beet hinaus.

Platz 8: Editors – In This Light and on This Evening

Platz 8 - Editors - In This Light and on This EveningWer hätte den Editors diese Wandlung zugetraut, weg von den Indiestrebern hin zu geradezu morbiden 80er-Hommagen. „They took what once was ours“ singt Tom Smith, doch könnte dieser Satz eher von den Geehrten stammen. Die Gitarren treten in den molligen Hintergrund, die Synthies beherrschen die kühle Szenerie, der Smith’sche Gesang trohnt bedrückend über allem. In seiner Entwicklung erstaunlich – und erstaunlich konsequent.

Platz 7: Yo La Tengo – Popular Songs

Platz 7 - Yo La Tengo - Popular SongsWer 25 Jahre voller einflussreicher und beeinflussender Alben hinter hat, muss nichts mehr beweisen. Wenn er es dennoch schafft und eine zeitlose Symbiose von Indie, Pop & Rock dieser Qualität abliefert, hat er eine besondere Gabe. Er kann sich eigentlich bei jeder Gelegenheit hinstellen und sagen: Yo La Tengo.

Platz 6: We Were Promised Jetpacks – These Four Walls

Platz 6 - We Were Promised Jetpacks - These Four WallsNervös, vertrackt, melodiös. Die Glasgower machen einfallsreichen Indierock, der zwar nicht das Rad neu erfindet, aber doch sehr rund rollen lässt. Knackig treiben die Gitarren den schottischen Akzent vor sich her und lassen sich dennoch Zeit für instrumentale Passagen. Sicher ist: Wer dieses Album hört, braucht weder Koffein noch Trombosestrümpfe, aber jemanden, der die Momente mit ihm teilt.

Platz 5: Slow Club – Yeah So

Platz 5 - Slow Club - Yeah SoMelancholisch-poetische Songs, ironische Lyrik, bittersüße Atmosphäre. Das Duo Slow Club bringt den Folk der letzten Jahre auf den Punkt und knüpft mit seinen angenehmen Arrangements dennoch an weit Älteres an. Orgel, Rhythmusgeräte wie Löffel oder Gläser, Harmoniegesänge allenthalben regen zum Träumen, zum Tanzen, zum Mitsingen an. Musik für alle Jahreszeiten.

Platz 4: Grizzly Bear – Veckatimest

Platz 4 - Grizzly Bear - VeckatimestWas „Veckatimest“ zu einem perfekten Vertreter des Jahres 2009 macht, ist, dass ihre Eigenwilligkeit, ihre Eigentümlichkeit nie daran hindert, die Schönheit des Albums zu erkennen. Wo andere Bands möglichst viele Stile inkorporieren, manövrieren sich Grizzly Bear mäandernd zwischendurch, ruhig, voller Spannung. Die unwahrscheinlichste Konsensband des Jahres.

Platz 3: The Pains Of Being Pure At Heart – s.t.

Platz 3 - The Pains Of Being Pure At Heart - s.t.Ein Album, das auf leisen Schuhen daherkommt und, wenn man nicht rechtzeitig die Ohren spitzt, in seiner Leichtigkeit schnell auch vorbeigeht. Denn die Vielschichtigkeit des poppigen Shoegaze lässt einen die wunderbaren Momente von „The Pains Of Being Pure At Heart“ immer wieder entdecken, mal düster, mal eingängig, aber nie belanglos. Der Name ist Programm.

Platz 2: Animal Collective – Merriweather Post Pavilion

Platz 2 - Animal Collective - Merriweather Post Pavilion„No one should call you a dreamer“, das Motto von Animal Collective auf den Punkt gebracht. Das Album, das die verworrensten Songstrukturen mit den schönsten Melodien verbinden kann, das den Hörer in einen flow, einen emotionalen Ausnahmezustand versetzen kann. Er muss sich nur darauf einlassen und das Album lässt sich auch auf ihn ein.

Platz 1: The xx – xx

Platz 1 - The xx - xxEs war das Album, das die Lücke traf, die all die Bands der letzten Jahre gerissen hatten; zurückhaltend und reduziert wie der Folk, dennoch intensiv und mitreißend wie New Rave und New Wave. Eigenbrödlerisch wie Psychdelic, trotzdem eingängig wie Electronica. Der berechtigte Erfolg von The xx hätte genau ob ihrer Einzigartigkeit ebenso gut ausbleiben können. Unorthodox auch, dass dieses Album mitten im August herauskam. Elf Songs, elf Volltreffer. So klingt 2009.

Ehrenvolle Erwähnung gemäß weiterer Rangfolge: Mumford & Sons – Sigh No More, The Rural Alberta Advantage – Hometowns, Port O’Brien – Threadbare, Dirty Projectors – Bitte Orca, Scott Matthew – There Is An Ocean That Divides, Japandroids – Post-Nothing, Soap & Skin – Lovetune for Vacuum, Blacklist – Midnight Of The Century, MONO – Follow The Map, Pet Shop Boys – Yes, Metric – Fantasies, Wild Beasts – Two Dancers, Devin Townsend Project – Addicted, Patrick Wolf – The Bachelor, Simple Minds – Graffiti Soul, Tegan and Sara – Sainthood, Her Name Is Calla – The Heritage, Micachu – Jewellry, Royal Bangs – Let It Beep, St. Vincent – Actor, Angelika Express – Goldener Trash, Blueneck – The Fallen Host, Antony And The Johnsons – The Crying Light, Helgi Jónsson – For The Rest Of My Childhood, Future Of The Left – Travels With Myself And Another, Evangelista – Prince Of Truth, Fuck Buttons – Tarot Sport, The Twilight Sad – Forget The Night Ahead, Maximo Park – Quicken The Heart, Astronautalis – Pomegranate, Au Revoir Simone – Still Night, Still Light, The Mighty Stef – Downtown, The Felice Brothers – Yonder Is The Clock, Health – Get Color, Passion Pit – Manners

Teilnehmer: Julia von 49Suns, Uli von Auf ein neues, das Team von AUFTOUREN, Tom von blogpartei, Eike von das klienicum, Therese & Horst von Hey Tube, Matthias von indiestreber, Nico von nicorola, Frank von pretty-paracetamol, das Team von ROTE RAUPE, Peter von Schallgrenzen, Michael von Småstad, Daniela von Reling Sichern sowie Ariane, Iain & Manuel von WhiteTapes.

Idee, Konzeption & Redaktion: Ariane von WhiteTapes und Tom von blogpartei.

List-o-mania 2009 – Songs

Viele, sehr viele gute Songs gab es in diesem Jahr. Meine Favorit ist aber ganz eindeutig Sophie Hunger’s “Walzer für niemand”. Ein Stück Musik, bei dem es mir jedesmal kalt den Rücken runterläuft. Und im Hintergrund ächzt sanft die Klaviermechanik…

Die Setlist 2009:
1. “Walzer für niemand“ Sophie Hunger
2. “Crystalized” The xx
3. “1901“ Phoenix
4. “Kiss with a fist“ Florence and the Machien (nochmal Mobilfunkwerbung!)
5. “Help i’m alive” Metric
6. „Here to fall“ Yo La Tengo
7. “The fear” Lily Allen
8. “It’s My Own Cheating Heart That Makes Me Cry” Glasvegas
9. “Dead letter and the infinite yes” Wintersleep
10. “Sacred Trickster“ Sonic Youth

List-o-mania 2009 – Alben

Das Jahr neigt sich, und all überall sieht man diese Jahreslisten. Album des Jahres, Song des Jahres, Konzert des Jahres, Autofahrt des Jahres… .
Hier jetzt auch, und beginnen möchte ich mit den
Alben des Jahres 2009. Die ersten 10:

1. The xx – xx
England 2009. Der berechtigte große Hype um eine Band, die neue Musik findet. Aus der Ursuppe des 80er Wave, Gothic und Indiepop zaubern The xx grazile, minimalistischste Songs. Bass, Gitarre, Keyboards, mehr braucht es nicht. Der Erfolg ist groß und die Bühne wird zum Übungsraum. Romy Croft und Oliver Sim celebrieren einen Duettgesang, der komplett aneinander vorbeigeht. Und der Bass klingt so gelangweilt, wie keiner zuvor.
Ein Album voller nie gehörter Einzigartigkeit. So klingt 2009. Elf Songs, elf Volltreffer. So etwas gibt es noch!!

2. Editors – In this light and on this evening
Zurück zu den 80ern. Zu den dunklen 80ern. Den 80ern der morbiden Zukunftsszenarien. Filme wie Blade Runner, Die Klapperschlange und Terminator geben die Szenarien vor. Großstädte, grau und abschreckend, ein Leben um des Überlebens willen. Keine Bäume, keine Sonne. Stattdessen Maschinen, häusergrosse Lichtreklame und Beton. So stellte man sich das Leben der Zukunft vor. Und die Editors geben in der Gegenwart dieser Zukunft den passenden Soundtrack. Metallernde Synthies, mollige Gitarren und eine bedrückende Stimme. Aber das stand ja schon alles irgendwo geschrieben. Für mich ist es ein Album, das bis auf die letzten beiden Songs nur großartige Musik bietet. Überraschende Töne von einer Band, der ich dies nicht zugetraut hätte.

3. Yo la Tengo – Popular songs
Knapp 25 Jahre Bandgeschichte, und man hört es nicht. Yo la Tengo können viel, und hier zeigen sie es: Pop, Indie, Rock. Mal lieblich, mal wild. Und zum Abschluss zwei 14 Minüter voller Gitarren. So möchte ich auch erwachsen werden. Popular Songs ist ein großartiges und altersloses Album. Ein Album für (fast) jede Gelegenheit.

4. Au revoir Simone – Still night, still light
Dieses Album begleitete mich durch das Frühjahr. Zwei Wochen in Berlin hörte ich es fast täglich. Es klingt nach Aufbruch, nach Frische. Diese schöne Verhuschtheit in den Melodien hat was elfenhaftes. Ein Märchenwald, der sich vor einem zu öffnen scheint. Erika, Annie und Heather, die drei Damen mit den Keyboards, zaubern auf „Still night. Still light“ wunderschöne Popsongs. Zeitlos.

5. The pains of being pure at heart – The pains of being pure at heart
Gehört hier hin, weil ich Shoegaze mag. Ein Album voller feiner Erinnerungen, bei denen einem warm ums Herz werden kann. „My bloody Valentine“ und „Jesus and Mary Chain“ heissen die Referenzdaten. POBPAT sind nicht immer neu, aber immer sehr zeitgemäß. Mein Sommersoundtrack 2009. Simpel und eingängig, aber nie belanglos. Indiepopperfektion! „This love is fucking right!“

6. Soap&Skin – Lovetune for vaccum
Das Artwork gibt es vor. Man muss die Hülle zerstören, um die Songtexte lesen zu können. Zerstörung allenthalben, auch im inneren. Anja Plaschg aka Soap&Skin schreibt zerbrechliche und wütende Songs. Ihr Klavier klingt selbstentblössend und zerreissend. Ein sehr intensives Debüt einer jungen Österreicherin. Man muss ihr bis zum letzten Ton zuhören, auch wenn es kaum auszuhalten ist.

7. Sonic Youth – The Eternal
Sie können es immer noch, und Eternal ist der Beweis. Fand‘ ich die letzten beiden Alben nicht so überragend, so ist das 2009er Werk ein einziger Sturmlauf. „Anti orgasm“, mehr sag ich nicht, außer vielleicht: Alben von Lebenszeitlieblingsbands landen immer in den TOP 10.

8. Sophie Hunger – Monday’s Ghost
Jazz oder nicht? Egal. Die Schweizerin prägte den Monat Mai. Monday’s Ghost ist ein sehr intensives und emotionales Album. Mit „Walzer für niemand“ enthält es meinen Song des Jahres. Jedes Mal, wenn ich das Lied höre oder auch nur an die ersten Takte denke, bekomme ich eine Gänsehaut.

9. Archive – Controlling crowds
Ich gab ihnen den Vorzug vor Massive Attack, die am gleichen Abend auf der anderen Straßenseite spielten. Archive kannte ich bis dahin nur vom Hörensagen. Aber was mich an diesem Abend überrannt hat, ist kaum zu fassen. „Controlling crowds“ als Liveerlebnis. In voller Länge. Seitdem höre ich es jeden Sonntag. Vermutlich das durchstrukturierteste Album des Jahres.

10. Doves – Kingdom of rust
Garantiert das meist unterschätzte Album des Jahres. Aber auch hier schaffen es die Briten zum wiederholten Mal, tolle Songs zu kreieren. Zwei Hände voll Vierminüter im Doves Kontext. „Jetstream“ ist der beste Albenopener 2009. Ein Song, der klingt wie er heißt.

Kontext:
Alben des Jahres 2007
Musik 2008

Soap&Skin – Düsseldorf, 16.12.2009

„Heute keine Pause“, und: „Jegliche Ton und Filmaufnahmen verboten.“ Zwei Hinweisschilder empfangen mich im Foyer des Düsseldorfer Savoy Theaters. Soap&Skin bzw. Anja Plaschg ist mal wieder in der Gegend. Zum dritten Mal in diesem Herbst besucht sie das Rhein-Ruhr Gebiet. Auch ich bin zum dritten Mal dabei. Dies ist kein Zufall, beileibe nicht. Seit ich Soap&Skin vor gut einem Jahr das erste Mal entdeckte, bin ich Fan. Zu schön, zu ausdrucksstark und zu selbstzerstörerisch ist ihre Musik, als das ich sie links liegen lassen könnte.
Ihr Düsseldorfer Konzert ist etwas anders als die vorherigen, ihr Auftritt wird von einem Ensemble unterstützt, was immer das auch heißen mag.
Als ich Zuhause loskomme, ist es schon spät. Eine knappe Stunde Autofahrt plus x Minuten Straßensuche gilt es einzukalkulieren. Es sieht nach einer Punktlandung aus. Dass ich doch um kurz vor acht Uhr das über den Kinosälen liegende Theater betrete, verdanke ich der entspannten Straßenverkehrssituation, weniger meiner Fahrtvorbereitung. In der Düsseldorfer Innenstadt musste ich feststellen, dass der Ausdruck von Google Maps Wegbeschreibungen und das damit einhergehende Positionieren der Zettel, in meinem Fall sechs DIN A4 Blätter, auf dem Beifahrersitz in der dunklen Winterzeit eher ungeeignet ist. Das Scheinwerferlicht des Hintermanns reicht nicht immer aus, um alle Straßennamen auf den Zetteln entziffern zu können, und ist es an einer Kreuzung mal hell genug, so ist die Ampelphase zu kurz, um Straßenname, eigene Position und Zielort auf einen Blick erfassen zu können. Ganz zu schweigen von der zu nervös justierten Hand des Hintermannes. Lichthupe! Alles klar, ich fahr’ ja schon.
Aber soll ich mir deswegen gleich ein Navi zulegen? Ich halte so ein Gerät ja für sehr überflüssig und da ich auch diesmal meinen Zielort erreicht habe, heißt die Antwort weiterhin: nein. Überdies will ich auch nicht minütlich informiert werden, wie lange ich noch fahre, wann der nächste Stau kommt und wie viele Satelliten gerade meine Position orten. Was hilft es mir, wenn ich unterwegs bin und schon nach halber Strecke weiß, „Mist ich bin eine halbe Stunde zu spät.“ Soll ich dann umdrehen? Das Wissen um solche Fakten ist doch ernüchternd und raubt den Idealismus des Fahrens. Und das möchte ich nicht und so bleibe ich bei der klassischen Variante und verschließe mich (vorerst noch) der Technik, die das Leben einfach macht.

Der Vorraum des Theaters ist gut gefüllt. Um kurz vor acht können wir den Saal betreten. „Bitte keine Foto und Filmaufnahmen.“ Ja ja.
Die Bühne ist präpariert. Klavier und Laptop stehen bereit. Soweit nichts neues. Aber überraschend für mich, ich dachte, heute ginge es ohne Kleincomputer.
Neben dem Flügel stehen drei Stühle, zwei Violinen liegen auf den Sitzflächen, ein Cello lehnt an dem dritten. Komplettiert wird die Instrumentensammlung durch einen Kontrabass und eine Trompete.
Um kurz nach acht betreten die sechs Musiker die Bühne. Eine Sängerin ergänzt die Instrumentenspieler. Die beiden Violinenspieler und der Cellist nehmen auf den Stühlen Platz, dahinter stehend Trompete, Kontrabass und Sängerin. Es ist dunkel auf der Bühne, überraschend, dass alle sechs ohne zu stolpern ihren Weg gefunden haben. Aus den Lautsprechern tönen Samples. Sie klingen nach quiekenden Schweinen und Bauernhofgeräuschen. Aber so ganz klar ist es nicht.
Dann taucht Anja Plaschg auf. Sie tritt ans Mikrofon. Da das Theater wenig Lichtquellen bietet, ist es nahezu stockdunkel. „Cynthia“ ertönt, zum ersten Mal spielt die Trompete.
Da Anja Plaschg ein kleines Ensemble mit auf Tour nimmt, durfte vorher diskutiert werden. Werden die Songs umarrangiert? Wird sie auf Samples verzichten und werden die Instrumente stattdessen diese Parts übernehmen? Es wäre eine, zugegeben sehr interessante Möglichkeit.
Die Antwort gab „Cry Wolf“ mit Fotoapparatsounds zu Beginn. Samples sind also auch mit Ensemble gestattet. Das ist auf der einen Seite toll, weil Soap&Skin Songs erst durch das elektrische Klackern und Blubbern ihre volle Atmosphäre entfalten können, auf der anderen Seite kann ich nicht immer unterscheiden, welcher Ton nun aus dem Laptop kommt und welcher von der Violine oder dem Cello gespielt wird. Das ist ein bisschen schade und so unterscheidet sich das klangliche Soap&Skin Liveerlebnis mit Ensemble nicht groß von den Konzerten in der Kulturkirche oder im FZW.
Was sich aber unterscheidet, ist die Atmosphäre. Das Konzert wirkt orchestraler, majestätischer, bei weitem nicht so düster und bedrohlich wie Anjas Solokonzerte. Was bestimmt zu einem Großteil dem Ambiente des Theaters zuzuschreiben ist, aber in Teilen bestimmt auch mit den sechs weiteren Musikern auf der Bühne zu tun hat. Die Verhältnisse verschieben sich, wenn die Musik auf mehreren Schultern verteilt wird. Und Streichinstrumente wirken per se majestätisch.
Sehr spürbar ist das beim instrumentalen „Turbine Womb“. Zurückgelehnt im Theatersessel ein wahrer Ohrenschmaus. Alles passt perfekt, der Sound ist glasklar, das Ensemble 1a besetzt. Außer dem Gesang gibt es keine Sprache auf der Bühne. Die Musiker verstehen sich wortlos.
Der Saal ist andächtig. Nach „Thanatos“ bzw. vor „The sun“ erreicht der Abend den bekannten Höhepunkt. Das Licht geht aus, die ersten Töne verhallen im nichts. Das ist der Moment, in dem Anja zu ihrer spirituellen Bühnenperformance übergeht. Aber auch heute, wo der Ort der falsche wäre und wo das Ensemble dagegen spräche? Ich hoffte sie würde es nicht tun. Und sie hat alles richtig gemacht. Während der Laptop quäkt bleibt Anja scheinbar unberührt und gelangweilt auf ihrem Schemel sitzen und blickt apathisch zu Boden. Statt Tanz stakkatohafte Klavieranschläge, begleitend von Cello und Kontrabass. Das ist toll und klingt so elegant wie ich es mir nie hätte vorstellen können.
Nach „Spiracle“, bei dem die Bühne dunkel bleibt und der Theatersaal angestrahlt wird, spielen sie einen Song, den ich nicht erkenne. „Vielleicht versteht ihr den Text“, so kündigt Anja Plaschg das Stück an. Nein, leider verstehe ich ihn nicht hundertprozentig.
Es folgt das warm und versöhnlich klingende „Mr Gaunt Pt. 1000“. Der Abend neigt sich langsam dem Ende entgegen. Mit „March Funebre“ verabschiedet sich Anja Plaschg. Die Musiker bleiben jedoch auf der Bühne und spielen noch ein paar Sekunden weiter. Es kommt also noch was. Richtig. Nach sehr kurzen Augenblicken kommt Anja wieder zurück, stellt sich an das Mikrofon am Bühnenrand. Die Musiker haben längst aufgehört zu spielen und stehen bewegungslos direkt vor dem Bühnenvorhang. „Sog nit keyn mo“, ein Stück des jüdischen Dichters und Partisanen Hirsch Gilk singt Anja Plaschg ohne Begleitung. Das Volkslied bleibt die einzige Zugabe. Ein guter Abschluss eines wundervollen Konzertes, das mehr Sinfonie als innerer Herbst war.
Noch lange nach den letzten Tönen blieb der ein oder andere in seinem Sessel sitzen. Es war ja auch erst viertel nach neun.

Setlist:
01: Brother of sleep
02: Cynthia
03: Cry Wolf
04: Turbine Womb
05: …
06: Sleep
07: Estinguish me
08: Thanatos
09: The sun
10: Spiracle
11: ???
12: Mr Gaunt Pt. 1000
13: Fall Foliage
14: March Funebre
Zugabe:
16: Sog nit keyn mo

Multimedia:
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Kontextkonzerte:
Soap&Skin – Dortmund, 13.09.2009

Soap&Skin – Köln, 30.09.2009

Peaches – Köln, 15.12.2009

Was war das denn?! Hätte Merrill Beth Nisker das Tempo und all das Drumherum durchgehalten, wäre es das Konzert des Jahres geworden. So wurde es ein amüsanter und interessanter Abend, der leider im Laufe der Zeit immer mehr von seiner anfänglichen Besonderheit und Aufgeregtheit verlor.

Die SPEX ist eine tolle Zeitung, früher habe ich sie auch öfter durchgeblättert. Für die ewig langen Satzkonstruktionen eines Herrn Diederichsen oder einer Frau Grether fühlte ich mich aber immer zu ungebildet. Gespür für neue Musik war (und ist?) dem Blatt im Übermaß gegeben, daher war die SPEX Anfang der 90er die Musikzeitung schlechthin. Warum ich das erwähne? Nun, der SPEX hatte ich den Peaches Abend zu verdanken. Gestern Nachmittag fix einen Tweet retweetet, und Schwups, die Tickets für das Kölner Konzert waren mein. Was macht man nicht alles für ein bisschen Konzertvergnügen! Da bin ich nicht wählerisch!

„Das wird bestimmt lustig“, darauf konnten wir uns im Vorfeld einigen. Wir sind zwar weder Peaches Experten noch Electroclash Fanatiker, aber was wir über die Wahl- Berlinerin kannten oder uns angegoogelt und geyoutubet haben, versprach einiges.
Lady Gaga und Beth dito sind wenig gegen die Performancekünstlerin Peaches. Ihre aktuellen Bühnenwerkzeuge sind Mikro, Gitarre und ein grüner Leuchtstab, weniger die provokanten Devotionalien wie Riesenpenis oder Peitschen der früheren Shows.
Ihre Bühnenoutfits bleiben jedoch skurril. In Köln wechselte sie von Fantasyfabelwesen über weißer Lederjacke im Corey Hart Stil und Glitzercapes hin zu einem David Bowie Ziggy Stardust Gedächtnisanzug. Glam Frisur und Make-up inbegriffen. Glamourtrash und Electroclash.
Zum Blade Runner Intro betraten Peaches und ihre dreiköpfige Band Sweet Machine die Bühne. Die schwarzen Umhänge und rabenähnlichen Masken passten gut zum Düstersynthie- Soundtrack. Ein vielversprechender Anfang.
Nahtlos ging das Intro in „Mud“ über. Mit „Talk to me“ dann der erste Hit. Wie gesagt, Peaches ist mir nicht so geläufig, aber „Talk to me“ kenne sogar ich. 2 gesichtslose Tänzer mit Riesenperücken bewegen sich auf der Bühne. Das Konzert hatte jetzt volle Fahrt und es kam das, was ich von diesem Abend erhofft und erwartet habe: Show, Show, Show.
Die ersten Stagediveausflüge hatte Merrill bereits hinter sich, als sie die verschärfte Variante erprobt. „Packt mal die Kameras weg und hebt die Arme. Ich möchte auf euren Händen laufen.“ Der Versuch gelingt sehr ordentlich, Trittbrettstagediver aus dem Publikum werden jedoch nicht geduldet und kurzerhand heruntergekickt. Als Soundtrack läuft „Billionaire“ und anschließend „Serpentine“.
So kann es weitergehen! Doch nach diesem Publikumsausflug verlagerte das Geschehen voll und ganz auf die Bühne.
Ihre dreiköpfige Begleitband an, eine blonde Frau an der Gitarre und zwei Männer an Schlagzeug und Keyboard, hat lediglich dafür zu sorgen, dass alles in musikalischen Bahnen bleibt. Aber eigentlich ist das auch egal, Peaches ist Performerin, weniger Musikerin oder gar begnadete Sängerin. Sie will unterhalten, als Kunstfigur, nicht als Musikerin.
Ein zweiter Dresswechsel, dem weitere folgen werden, der Kollege an den Synthies schnallt sich zwischendurch mal Plastikbrüste um, mehr passiert erst mal nicht.
Und hier wird es problematisch. Zuviel Kunstkonzept, zu wenig musikalische Aufhorchmomente. Peaches rappt, rockt, singt, ihr Themenspektrum ist groß und abwechslungsreich, die Songs gehen aber komplett an mir vorbei. Ich merke, dass meine Konzentration schwindet. Ich kann mit all dem nicht sonderlich viel anfangen. Mit zunehmender Konzertdauer wird die Show für mich anstrengend und langatmig. Vielleicht ist Peaches nur meine Welt für 45 Minuten. Nachher sage ich Dinge wie: „Auf Konzertlänge ist dies nicht mein Fall“.
„Fuck the pain away“ beendet das reguläre Set. Der Song aus Peaches Debütalbum „Teaches of Peaches“ ist knappe 10 Jahre alt. Man hört es ihm nicht an. Ein Klassiker des Genres, der die Abhängigkeiten verdeutlicht: Peaches ist das Role Model der Ditos und Gagas dieser Welt. Nicht das dies vergessen wird.
Der Zugabeblock bringt weiteren Schwung ins Bürgerhaus. Metal, trashiger Post-Punk-Hairmetal. Drei verdammte Stücke lang. Das geht also auch!
Der definitive Abschluss ist dann wieder Electroclash: „Set it off“ beendet das Konzert.
The show must go on. Bald.

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Gossip – Köln, 26.08.2008

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