- Seit 2002 Dinge über Musik und so -

Ort: Jahrhunderthalle, Bochum
Bands: HeCTA, The Notwist, Caribou

The Notwist - Bochum

Früher war das mit dem Musik kaufen und entdecken folgendermaßen: Ich kaufte CDs von Bands, die auf dem gleichen Label vertreten waren wie Lieblingsbands und oder mit denen in irgendeiner Verbindung standen und ich kaufte keine CDs, die der beste Freund hatte. Letztere hatte ich dadurch quasi auch, denn wir machten es, wie es wohl alle machten. Einer kauft, der andere nimmt auf. Es war ein gegenseitiges Geben und Nehmen, bei dem es immer zwei Gewinner gab. (Vorausgesetzt, man hatte den gleichen Musikgeschmack, aber gleiche Musikliebschaften waren meist der Grund einer Freundschaftsanfrage und einer Freundschaft).
Bei der Sache mit den Labels war es so, dass ich diese als Anhaltspunkte nahm, frei nach dem Motto: So unterschiedlich kann ein Musikkatalog doch nicht sein. In einer Zeit ohne Internet und ohne musikbegeisterte Eltern und Geschwister war es schwierig, neuen Input zu bekommen. Erst recht auf dem münsterländischen Land. Da brauchte es Orientierungshilfen, und Musiklabel waren solche Wegweiser. Ich mochte die Pixies, also guckte ich nach 4AD Bands; mein Freund hatte eine Happy Mondays Platte, also suchten wir nach weiteren Factory Bands und entdeckten Northside und James. Die Labelzugehörigkeit stand für eine musikalische Richtung. Rough Trade für britischer Indiemusik und SubPop, SST für amerikanischen Underground und Gitarrenmusik, waren weitere sichere Banken.
1994 besuchte ich mein erstes Labelkonzert, das BigCat Five im Kölner E-Werk, Blumfeld und Pavement waren der Grund, und ich entdeckte so nebenbei Lotion (blieb ein one-hit-wonder) und Heather Nova.
Aber im Laufe der 1990er verwässerte das Ganze, Indiebands wechselten zu großen Firmen, Geffen war so ein Riese, der es mir unübersichtlich machte, an der Labelstrategie festzuhalten. Und es wurde immer unerheblicher, wer was wo veröffentlichte, da viele kleine Themenlabel verschwanden und oder von den Großen aufgekauft wurden.
Cityslang gab es damals schon, für mich spielte das Berliner Label jedoch keine so große Rolle, hatten sie doch nicht die Indiemusik im Katalog, die mich damals interessierte. Dieser Tage feiert Cityslang sein 25jähriges Bestehen, Grund genug für einen Labelabend. The Notwist und Caribou sollten auftreten, Grund genug für mich, nach Bochum in die Jahrhunderthalle zu fahren.

The Notwist. Noch vor ein paar Tagen hatte ich während einer Autofahrt gedacht, wie schön es doch wäre, mal wieder ein Konzert der Bayern zu besuchen. Im CD Spieler lag ein Musikzeitschriftensampler, dessen erster Song „One with the freaks“ war. Ich ertappte mich dabei, wie ich alle vier Minuten die Wiederholtaste drückte und vier, fünfmal hintereinander diesen Song hörte. Ja, live wäre der mal wieder fällig.
Zufall oder nicht, eine Woche später hatte jemand meinen Wunsch wohl erhört. Ich bekam ich die Anfrage, ob ich nicht ein Ticket für Bochum übernehmen möchte. Zeitüberschneidungen zwischen Bochum und Haldern ließen dem Kartenverkauf unausweichlich machen. Ich war hin und her gerissen, Notwist ja, aber was war mit den weiteren Bands? HeCTA kannte ich nicht, Caribou, super, aber eben auch sehr spät und die anderen Elektroinstallationen und -bands klangen zwar interessant und machten mich neugierig, aber dafür nach Bochum? Ich war unsicher, beschloss aber dann doch, zuzugreifen.

Der Abend begann vor der Jahrhunderthalle mit Öko-Cola, über die ich am Morgen in einem Cola Test im Kölner Stadtanzeiger las, dass sie als waschechte Erwachsenen-Cola mit Anspruch durchginge. Sie sei ein wenig süß, hätte eine zart malzige Brau-Note und sei dadurch auch etwas Bitter. Daran musste ich denken, denn etwas bitter schmeckte sie tatsächlich.
Wir saßen zu dritt auf orangefarbenen Stühlen, betrachteten die Darminstallation vor der Jahrhunderthalle und verquatschten die Zeit bis zum kurz nach neun. Was kommt denn heute Abend im Fernsehen? Da wir nicht alle Tickets für die Veranstaltung hatten, war dies durchaus ein relevantes Thema. Neben anderen. Nach einer guten Stunde verabschiedeten wir uns und gingen entweder in den Penny einkaufen oder in die Jahrhunderthalle.

25 Jahre Cityslang.
Von einer Geburtstagsfeier war in der Jahrhunderthalle jedoch nix zu spüren. Kein extra Plakat, kein außergewöhnlicher Merch deutete auf das Labelfest. Es spielten einfach drei Cityslang Bands, neben The Notwist noch HeCTA und Caribou. Außerhalb der Jahrhunderthalle war weiterer Betrieb; die Eröffnungsveranstaltung der Ruhrtriiiennalle mit elektronischen Bands fand dort statt. Alles in allem also ein besonderer musikalischer Abend mit viel zeitgemäßer Tanzmusik. Ritournelle nannte sich das Gesamtereignis.

The Notwist, HeCTA und Caribou. Drei auf dem Papier unterschiedliche Bands, die aber doch so einiges gemeinsam haben. HeCTA, die elektronische Form von Kurt Wagner’s Lambchop, teilen mit den Bayern das Elektrogefrickel; und die live immer ausgeprägter werdenden Elektro- und Technobeats vereinen Notwist und Caribou. Ein roter Faden, er war da.
Von HeCTA bekamen wir nicht so viel mit. Als wir gegen Mitte des Sets in die Halle gingen, war der Wummerbass dermaßen laut und vordergründig, dass wir schnell wieder in den Vorraum zurückkamen. Hier konnte man auch noch gut hören und wir hatten zusätzlich die Möglichkeit, uns zu unterhalten. Es war die bessere Wahl. Und die Ausrede, die nicht gerade begeisternden Tracks nur aus der Weite zu hören. Tatsächlich hatten wir uns länger nicht gesehen, und es gab immer noch einiges zu besprechen. HeCTA werden es verzeihen, aber vielleicht sollte ich mir das Debüt von HeCTA mal in Ruhe zuhause anhören.

Meine Vorfreude auf The Notwist war überraschend sehr groß. Eigentlich gehören sie zusammen mit Get well soon zu den Bands, die ich mir live für dieses Jahr nicht vorgenommen hatte. Ich sah sie schon sehr oft, und irgendwie hatte ich bis zu der erwähnten Autofahrt eigentlich wenig Lust, sie mir anzuschauen.
Aber meine Meinung änderte sich ja in den letzten Tagen, und so war ich gespannt und freute mich, altbekanntes zu sehen und zu hören.
The Notwist sind eine eingespielte Maschine. Auch abseits einer regulären Tour sind sie immer auf irgendeinem Festival zu sehen. The Notwist sind sehr spielfreudig, und sicher kann man die Musiker nachts wecken, und sie würden mühelos und gerne ein Konzert spielen. Ihre Spielfreude zeigt sich am besten am Gesichtsausdruck des Multiinstrumentalisten hinter dem Glockenspiel: er lachte und grinste. Den Spaß ließ er sich scheinbar auch nicht von seinem Gipsbein nehmen. Später sah ich ihn dann auch noch im Publikum, Caribou gucken. Ein guter Abend für ihn.
Martin Gretschmann wurde durch Christoph Beck vertreten, auch das wirkte sich nicht nachteilig aus. Heute las ich dann, dass Console, die Band zum Jahreswechsel 2014/2015 verlassen hat. Das wusste ich am Samstag noch nicht.
Konzerttechnisch empfand ich es hervorragend. Wenn man die Band in den letzten zwei drei Jahren gesehen hat, kennt man in etwa das Programm. The Notwist haben seit ewigen Zeiten Standardblöcke in ihrem Set, die immer wieder auftauchen. Besonders (oder auch anders) war dieses Mal die Kombination aus „Pick up the phone“ und „Pilots“. Dass der Übergang durch das ‚different cars and trains‘- Sample des eigenen Songs langsam eingeläutet wird, ist bekannt, aber „Pilots“ haben sie viel beatlastiger und länger gespielt, als ich es von den letzten Konzerten im Kopf hatte. Und noch etwas fiel mir auf: das Konzert wirkte auf mich nicht so anstrengend wie vorherige Notwist Auftritte.
Im Gegenteil: Markus Acher sprang bei zwei Songs gitarrespielend in die Luft, toll. Andreas Haberl knibbelte in seiner Spielpause während eines Songs an einem Papiertaschentuch, toll. Der Roadie durfte zu „Gloomy planets“ den kurzen Gitarrenpart zu Beginn spielen, toll. An diesem Abend fand ich alles toll.
Auch wenn ich alles schon mindestens einmal live gesehen hatte. Hier und heute nervte mich nichts. Ich empfand das Konzert als sehr entspannt.
Aber manchmal ist das eben so.

“One with the freaks”, “Boneless” und “Close to the glass” gleich zu Beginn, “Gloomy planets” und “Consequnces” zum Schluss. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht!

Caribou - Bochum

Über Caribou kann ich nicht viel scheiben, zu Caribou muss man tanzen. Es war großartig, binnen Sekunden verwandelte sich die Jahrhunderthalle in eine große Tanzfläche. Konsenselektro für die Bochumer Hipster (die gibt es wirklich, und gefühlt uniformierter als irgendwo anders) und uns andere. Caribou gelingen es problemlos, intelligente und zeitgemäße Tanzmusik – und wer kann die aktuell besser als Daniel Snaith? – mit der Alltagstauglichkeit eines wdr2 Radioprogramms zu verbinden. Das klingt vollkommen doof, macht aber großen Spaß und ich bleibe länger, als ich es vorher eingeplant hatte.

„Zuvor eröffnete Dan Snaiths, Doktor der Mathematik, mit seinem Elektro-Projekt Caribou. Vier Mann, die eng beisammenstehen und wie ein Körper grooven.“

Was vor drei Jahren Gültigkeit besaß, stimmt immer noch.

Kontextkonzerte:
The Notwist – Köln, 25.03.2014 E-Werk
The Notwist – Lüften! Festival Frankfurt, 22.06.2012
The Notwist – Nijmegen, 22.01.2012 Doornroosje
The Notwist – Rolling Stone Weekender Weissenhäuser Strand, 11.11.2011
The Notwist – Juicy Beats Dortmund, 30.07.2011
The Notwist & Andromeda Mega Express – Köln, 14.08.2009 Philharmonie
The Notwist – Köln, 14.04.2009 E-Werk
The Notwist – Melt!, 19.07.2008
Caribou – Köln, 15.10.2012 Lanxess Arena

 

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."